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Blaues Blut : Wann ist ein Prinz ein Prinz?

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Könnte auch „Game-of-Thrones“-Deko sein: Diplom zur Adelserhebung des Kgl. Preußischen Leutnants Friedrich Heuser im Marburger Adelsarchiv Bild: Michael Kretzer

Am Samstag erscheint in Gotha der neue „Gotha“. In das Handbuch des Adels kommen nur wenige – kaufen können es aber auch alle anderen.

          Das türkisfarben gebundene Büchlein hat die Größe einer Zigarettenschachtel. Sein Wert und sein Zustand gebieten es zwar nicht, das 200-Seiten-Werk mit Samt-, aber doch mit Baumwollhandschuhen anzufassen. Es ist „zum Nutzen und Vergnügen eingerichtet auf das Jahr 1788“, enthält Kupferstiche, den gregorianischen und julianischen Kalender, physikalische Abhandlungen (etwa über das Leuchten der Diamanten), Kutschfahrpläne, Städteentfernungen, Hinweise auf Messen und Jahrmärkte sowie eine Liste zum Eintrag von Gewinnen und Verlusten. Der älteste erhaltene Gothaische Kalender im Deutschen Adelsarchiv an der Schwanallee in Marburg enthält auch eine ausführliche Übersicht der Genealogie fürstlicher Häuser.

          Am Samstag soll in Schloss Friedenstein in Gotha das nächste Handbuch des Adels erscheinen. Es wird größer und dicker als der Urahn sein - und allein auf die Genealogie beschränkt. Doch es soll zum ersten Mal seit 1942 wieder mit dem Namen der Stadt Gotha im Titel als „Gothaisches Genealogisches Handbuch der Fürstlichen Häuser“ erscheinen und zum ersten Mal im Verlag des Deutschen Adelsarchivs. Es soll also wieder als echter „Gotha“ und nicht nur als „Genealogisches Handbuch des Adels“ ohne Hinweis auf die namengebende Stadt in Thüringen erscheinen.

          Dem „Gotha“ in deutscher Sprache, der 1763 zum ersten Mal publiziert wurde und bis 1942 im Gothaer Perthes-Verlag erschien, setzte der kriegsbedingte Papiermangel ein Ende. 1944 erschien die französischsprachige Ausgabe „de Gotha“ zum letzten Mal. Dann kamen die Sowjets und beschlagnahmten die Drucksätze.

          Doch dann nahm alles in Marburg einen Neuanfang. Dort begann der aus Breslau geflohene Regierungsrat Hans Friedrich von Ehrenkrook Flüchtlingslisten für adelige Familien anzulegen. Gemeinsam mit dem aus Görlitz geflohenen und als Besitzer des dortigen Starke-Verlags enteigneten Verlegers Hans Kretschmer begründete er die Arbeit an der Publikation eines „Genealogischen Handbuchs des Adels“ (GHdA). Aus Rücksicht auf die Familie Perthes, die in Gotha in der sowjetisch besetzten Zone geblieben war, verzichteten Kretschmer und Ehrenkrook auf die Erwähnung des Städtenamens im Titel des Almanachs, obschon „der Gotha“ weiter „der Gotha“ genannt wurde. Von 1951 an verlegte ihn der C. A. Starke Verlag in Limburg an der Lahn, und die Stiftung Deutsches Adelsarchiv gut 80 Kilometer flussaufwärts in Marburg an der Lahn fungierte als Herausgeber.

          22.000 Bänder in der Präsenzbibliothek

          Das Archiv ist eine Fundgrube. Schon sein Domizil ist bemerkenswert, eine Südstadt-Villa aus dem 19. Jahrhundert im Besitz der Kommune, die weitgehend im Originalzustand erhalten ist. Dort lebte Heidegger während seiner Marburger Zeit, dort lagern 150 laufende Meter an Beständen und Deposita mit etwa 22.000 Bänden in der Präsenzbibliothek. Verantwortlicher Archivar ist der Historiker Gottfried Graf Finck von Finckenstein. Der Vorsitzende des über das Archiv wachenden Stiftungsrats der Stiftung Deutsches Adelsarchiv ist der Präsident der Vereinigung der Deutschen Adelsverbände, Alfred Prinz von Schönburg-Hartenstein.

          Türhüter I: Alfred Prinz von Schönburg

          Henning von Kopp-Colomb wiederum ist Vizepräsident der Vereinigung der Adelsverbände, Mitglied im Rat der Archivstiftung sowie Präsident des Deutschen Adelsrechtsausschusses. Und alle drei sind sie gefragte Leute, denn etwa 20 bis 40 Anfragen gehen Woche für Woche im Archiv ein. Wie etwa ist ein Titel geschlechterspezifisch anzupassen, zum Beispiel der Graf und die Gräfin? Oder wie ist die Ehefrau eines Ritters anzusprechen? Nein, nicht mit dem großen Binnen-I als RitterIn, sondern nur mit dem „von“. Es gibt Familien, die Aufnahme in den Gotha begehren. Aber die Bedingungen aus vorrepublikanischer Zeit sind streng, denn sie sind aus dem seit einem Jahrtausend bestehenden Adelsrecht abgeleitet. Damals waren Männer die Stammhalter, das Leben im Stand der Ehe war selbstverständlicher als heute, und die Fortpflanzungsmedizin war nicht entwickelt.

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