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„Die Partei“ in NRW : Bierernst zur Wahl

„Trinker fragen - Politiker antworten” - Ronald Klemptner im Kreise seine Parteifreunde Bild: Edgar Schöpal

„Die Partei“ macht auf Satire. Aber sie ist auch ein Sammelbecken für Politikverdrossene. Manche nehmen sie so ernst, dass es schon wieder lustig ist. So auch beim Wahlkampfabend unter dem Motto „Trinker fragen - Politiker antworten“ in Düsseldorf.

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          Ronald Klemptner ist kein Satiriker. Auch wenn er Mitglied einer Satirepartei ist. Und auch wenn er aussieht wie die Karikatur eines Politikers. Allerdings eines Politikers, wie es sie in Italien und in Südamerika gibt: Sein langes Haar hat er zum Pferdeschwanz gebunden, am linken Ohr baumelt ein Papagei, an den Fingern trägt er dicke Ringe, am Gürtel eine Pistole. Klemptner steht in einer Düsseldorfer Raucherkneipe, vor sich ein Schild: „Ronald Klemptner – Landtagskandidat. Einzelgespräch möglich – 10 Euro (oder Bier)“, eine Anspielung auf die bezahlten Parteitags-Treffen des CDU-Landesvaters Jürgen Rüttgers.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Klemptner macht Wahlkampf für die Partei „Die Partei“ des ehemaligen „Titanic“-Chefredakteurs Martin Sonneborn, die zuletzt in den Schlagzeilen war, weil der Bundeswahlleiter sie aus formellen Gründen nicht zur Bundestagswahl zuließ. Wenn Sonneborn über Politik spricht, ist jedes Wort ironisch bis zynisch. Wenn Ronald Klemptner über Politik spricht, hört man vor allem Verbitterung. Zehn Jahre lang war er „leidenschaftlicher Nichtwähler“. Dann wurde er Mitglied der „Partei“. Nun steht er auf Platz acht der Landesliste für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai.

          Dieses Mal darf „Die Partei“ antreten. Also hat Klemptner an diesem Abend die Parteiuniform angelegt: billiger grauer Anzug, rote Krawatte. Er verteilt Kugelschreiber an die Gäste, die zu dem Abend unter dem Motto „Trinker fragen - Politiker antworten“ nach Düsseldorf-Bilk gekommen sind. Klemptner ist Kurierdienstunternehmer in Altersteilzeit und lebt in Neunkirchen-Seelscheid im Bergischen Land. Die Waffe, eine Schreckschusspistole, trägt er „privat“, aus Sicherheitsgründen. Aber nur der Anzug ist Maskerade. Klemptner will nicht den Mafioso spielen. Er will womöglich gar nicht spielen, denn er nimmt die Sache ziemlich ernst.

          Martin Sonneborn hält die Fassade aufrecht

          Den Ärger „kanalisieren“

          Der volle Name der Partei lautet: „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“. Nach eigenen Angaben hat sie schon mehr als 8000 Mitglieder. Ziel der Partei ist es, die Mauer wieder aufzubauen und „das Angie“ (Bundeskanzlerin Angela Merkel) dahinter zu verstecken. In der „Partei“, sagt Klemptner, könne er seinen Ärger „kanalisieren“. In all dem Spaß stecke auch eine große Ernsthaftigkeit. Konkret muss man sich das wahrscheinlich so vorstellen, wie es in dem Pseudodokumentarfilm „Die Partei“ gezeigt wurde, der 2009 im Kino lief. Da errichteten der Bundesvorsitzende Sonneborn und seine Gefolgsleute unter empörtem Protest der Bürger an der Grenze zwischen Hessen und Thüringen eine kleine Probemauer.

          Man konnte auch sehen, wie die Partei eine Delegation grau gekleideter Männer nach Georgien entsandte, die sich als Bundestagsfraktion ausgab und nach ausgiebigem Feiern ein nichtssagendes Kooperationsabkommen mit dem georgischen Rechtspopulisten Schalwa Natelaschwili unterzeichnete. Sonneborn bezeichnet die Gruppierung selbst als „obskur“, „populistisch“ und „schmierig“, aber weil sie dazu eben stehe, auch als hochseriös. Jedenfalls seriöser, so meint er, als die „Pornopartei“ der Piraten oder die unseriöseste aller Parteien, die FDP.

          Das würde Klemptner wohl sofort unterschreiben. Alle anderen Parteien und Politiker sind für ihn korrupt und machtversessen, nur diese nicht. Dass er die Sache vermutlich einen Tick zu ernst nimmt, fällt in der Düsseldorfer Eckkneipe zunächst gar nicht auf. Im Rampenlicht stehen Sonneborn und Leo Fischer, der aktuelle Chefredakteur der „Titanic“ und Vertreter der „verfassungsfeindlichen Plattform“ innerhalb der Partei. Zu Beginn seiner Rede begrüßt Fischer die Gäste herzlich „in Dings“, bevor er das Anliegen seiner Plattform erklärt: Sie arbeite darauf hin, vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden, um nach der geplanten Machtübernahme eine „fachlich saubere Dokumentation sämtlicher Partei-Aktivitäten“ zu haben.

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