https://www.faz.net/-gum-8ibcr

Jugendorganisation : Mit Crowdfunding Flüchtlinge aus Seenot retten

  • -Aktualisiert am

Das Herz des Hilfsprojekts: Auf der Überfahrt nach Emden passiert der Trawler von „Jugend Rettet“ eine Schleuse in Stellendam. Bild: Jakob Schoen

Die Organisation „Jugend Rettet“ rüstet mit Spendengeldern einen Fischtrawler um und will mit ihm Flüchtlinge aus Seenot retten – ein riskantes Unterfangen.

          4 Min.

          Jakob Schoen ist noch nicht einmal 20 Jahre alt. Der junge Mann vom Bodensee wirkt aber wesentlich älter, wenn er von sich und seinem Projekt berichtet. Mit 19 Jahren hat Jakob Schoen die private Hilfsorganisation „Jugend Rettet“ gegründet, deren Ziel es ist, Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer zu bewahren. Ende Juni wollen sie von Emden aus in See stechen.

          Den Entschluss, bei der Seenotrettung von Flüchtlingen selbst mitzuhelfen, fasste er im Frühjahr vergangenen Jahres, als in der Nacht vom 18. auf den 19. April 2015 ein Boot mit Hunderten Flüchtlingen vor der libyschen Küste gekentert war und die meisten Menschen an Bord im Mittelmeer ums Leben kamen. Was ihn damals am meisten schockiert hatte, waren die Reaktionen auf das Unglück. Alle seien sich zwar einig gewesen, dass etwas getan werden müsste. De facto, sagt Schoen, sei aber wenig passiert.

          Die Antwort Europas auf das Sterben im Mittelmeer war unter anderem die Operation „Sophia“, die Entsendung von Militärschiffen, um den Schleusern das Handwerk zu legen. Sophia, das ist der Name jenes somalischen Mädchens, das am 24. August 2015 auf der Fregatte „Schleswig-Holstein“ das Licht der Welt erblickte. Aktuell hat die Bundeswehr zwei Schiffe auf dem Mittelmeer im Einsatz: die Fregatte „Karlsruhe“ und den Einsatzgruppenversorger „Frankfurt am Main“.

          Von deutschen Marinesoldaten wurden bisher mehr als 15.000 Menschen aus Seenot gerettet. Nichtsdestotrotz kommen nach wie vor Tausende Migranten auf der Flucht nach Europa im Mittelmeer ums Leben. Nach Angaben der „Internationalen Organisation für Migration“ (IOM) erreichten seit Jahresbeginn fast 49.000 Bootsflüchtlinge Italien. 2856 Menschen kamen auf der Flucht von Libyen nach Italien, das heißt auf der zentralen Mittelmeerroute, ums Leben. Die meisten Flüchtlinge stammen aus Nigeria, Gambia und Somalia.

          Überwältigt von der Spendenbereitschaft

          Die Meldungen über Schiffsunglücke im Mittelmeer sind für Jakob Schoen unerträglich. Er und „Jugend Rettet“ möchten etwas dagegen unternehmen. Ihr knapp 33 Meter langer Fischtrawler diente in der Vergangenheit auch als „Guard Vessel“ für Bohrinseln vor Island. Die Suche nach dem Schiff, sagt Schoen, habe ein Jahr in Anspruch genommen. Die Finanzierung des Bootes stellte ein Ehepaar aus Berlin in Aussicht, das die Spende aber an eine Bedingung knüpfte: „Jugend Rettet“ müsse für den Umbau des Bootes, die Überführung nach Malta und den ersten Betriebsmonat aufkommen.

          Entschlossen zu helfen: Jakob Schoen gründete „Jugend Rettet“.
          Entschlossen zu helfen: Jakob Schoen gründete „Jugend Rettet“. : Bild: Jens Gyarmaty

          Summa summarum waren das 140.000 Euro. Sie kamen mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne auf dem Internetportal „betterplace.org“ und dank zahlreicher Einzelspenden tatsächlich zusammen - innerhalb von fünf Wochen. Von der Spendenbereitschaft der Menschen zeigt sich Schoen überwältigt.

          Reedereien spendeten die Farbe für das Schiff, „Action Medeor“, ein Medikamenten-Hilfswerk, übernahm die komplette Ausstattung des Schiffshospitals, das auch auf eine Geburt vorbereitet ist. Eine Seemannsmission in Emden beherbergt die Umbauarbeiter des Bootes unentgeltlich. Zehn Rettungsinseln im Wert von 35.000 Euro, sagt Schoen, seien ebenfalls gespendet worden.

          Crew aus elf Personen

          „Jugend Rettet“ ist mittlerweile eine private Hilfsorganisation mit einem europaweiten Netzwerk sogenannter Botschafter. Prominente Unterstützer sind die Schauspieler Maria Furtwängler und Jan Josef Liefers. Das Kernteam in Berlin besteht aus acht jungen Leuten, allesamt Schüler oder Studenten, von denen keiner älter als 25 Jahre ist. Jakob Schoen möchte früher oder später Politikwissenschaften studieren.

          Weitere Themen

          Sie wollen doch nur tanzen

          Warum Clubs noch zu sind : Sie wollen doch nur tanzen

          Die Infektionszahlen sinken, und die Lust aufs Nachtleben ist groß. Aber Clubs bleiben vielerorts geschlossen. Könnte ab Juli wieder getanzt werden?

          Topmeldungen

          Schwieriges Terrain für die grüne Parteichefin: Annalena Baerbock am Freitag im Stahlwerk von ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt

          Besuch im Stahlwerk : Baerbocks Auswärtsspiel

          Ausgerechnet in einem Stahlwerk in Eisenhüttenstadt präsentiert die Kanzlerkandidatin der Grünen ihre Pläne für eine klimafreundliche Wirtschaftpolitik. Wie kommt das an?
          Die frühere AfD-Vorsitzende Frauke Petry stellt am 18. Juni ihr neues Buch vor.

          Neues Buch : Frauke Petry rechnet mit der AfD ab

          Die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry meint, dass ihre frühere Partei einen langsamen Tod sterben werde. Gegen Jörg Meuthen und Alice Weidel erhebt sie in ihrem Buch „Requiem für die AfD“ schwere Vorwürfe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.