https://www.faz.net/-gum-8v1e8

Tim Bendzko & Co. : Ich trag dich irgendwie nach Haus

Sag mir, wo die Blumen sind: Tim Bendzko, Mark Forster und Andreas Bourani (v.l.n.r.) Bild: André Laame

Man singt deutsch – ganz melancholisch zur Gitarre. Woher kommen all diese gefühlvollen jungen Männer, und warum lieben so viele ihre Musik?

          5 Min.

          Jedes Genre hat seine Phrasen. Im Schlager sind es die tausend Gefühle, im Pop die time of my life, im Rock meistens was mit fire und desire. Die Sänger, um die es hier gehen soll, sind da schon deutlich trauriger unterwegs: Kaltes Grau, verlassene Straßen - das ist die Welt, in die Tim Bendzko und seine Kollegen in ihren Texten Sonnenstrahlen bringen, ein bisschen Glück, dein Lächeln. Ihre Musik ist die neue Melancholie, sie kommt mit Akustikgitarren und Klavieren, und sie ist überall.

          Aus jedem Radio, aus jedem Fernseher fließt die Musik der neuen Melancholiker. Sie heißen Tim Bendzko, Max Giesinger, Mark Forster, Andreas Bourani, Johannes Oerding, Philipp Poisel, Max Prosa und seit neuestem auch Matthias Schweighöfer. Sie orientieren sich an Vorbildern wie Xavier Naidoo und Herbert Grönemeyer. Sie alle sind um die dreißig, sympathische Kerle, die sich keinen Männlichkeitsklischees verpflichtet fühlen. Man kann sich nicht vorstellen, dass sie je ein Selfie mit einem Fan ablehnen oder schlecht über ihre Exfreundinnen reden würden. Manche waren auf der Popakademie in Mannheim, das dürften jene sein, deren Eltern sich mit dem Hinweis „Du musst doch was Richtiges lernen, Junge“ durchgesetzt haben. Es gibt keinen Grund, sie nicht zu mögen. Es sei denn, es graut einem vor Zeilen wie „Lach und wein und tanz dich frei“.

          Wer sich ihren immensen Erfolg erklären will, kann auf Youtube mit der Suche beginnen. Dort schwärmen Kommentatoren unter den Liedern, sie seien so ehrlich, schmerzvoll und berührend. Dabei geht es kaum um die Musik, sie ist fast nebensächlich. Die neue Melancholie lebt von ihren Texten. „Ich trag dich durch den Sturm irgendwie nach Haus / Wo immer das auch ist, das finde ich schon noch raus“, singt Schweighöfer. Der Schauspieler hat gerade mit „Lachen Weinen Tanzen“ sein erstes Album veröffentlicht - und nach seinen ersten Fernsehauftritten damit drängte sich die Frage auf, ob eigentlich schon mal jemand Schweighöfer und Bendzko im selben Raum gesehen hat.

          Schweighöfer ist in Anklam geboren, da gibt es genug aufzuarbeiten für fünf triste Alben. Inzwischen wohnt er aber in Berlin, wo fast alle neuen Melancholiker zu Hause sind. Und er hat von einem der Besten gelernt: 2011 sang er ganz leise bei Poisels Lied „Eiserner Steg“ mit. Poisel ist in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung: Er wohnt in Tübingen und interessiert sich so wenig für seine äußere Erscheinung, dass man ihn in seinen ausgeleierten Pullovern nicht jederzeit als Schwiegersohn präsentieren möchte. Außerdem wagt er gesanglich etwas mehr - und es gelingt ihm. Seit 2008 ist er bei Grönemeyers Plattenfirma Grönland unter Vertrag. Auf seiner aktuellen Single „Erkläre mir die Liebe“ singt er zu einem hüpfenden Keyboard: „Wann kommst du mich holen / Im heißen Julischnee? / Zweimal Sommer und zurück / Erkläre mir das Leben / Ich weiß nicht, wie es geht“. Erklär mir, Liebe: Ingeborg Bachmann winkt aus der Ferne.

          Weil sie womöglich noch nicht soft genug waren, veröffentlichte Poisel einige seiner Lieder unter dem Titel „Projekt Seerosenteich“ neu instrumentiert mit Klavier und Streichquartett. Überhaupt: Streicher. Melancholie mag ohne Streicher möglich sein, aber wer sichergehen will, setzt sie ein. Bendzko, bekannt seit 2011 durch „Wenn Worte meine Sprache wären“, griff für „Winter“ ebenfalls auf ein Streichquartett zurück. „Wie kann man verbergen, dass das Herz gefriert? / Der Winter ist hier / Bin so merkwürdig abgestumpft / Adrenalin in Ketten aus Blei / Der Winter spielt das falsche Lied“. „Das müssen richtige Hater sein, die da einen Dislike geben“, kommentierte jemand unter dem Youtube-Video.

          Was sagt es über die Deutschen, dass ihre Lieblingssänger solche Texte schreiben? Zumindest eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllt die neue Melancholie: Sie verbindet. Jeder ist mal traurig, jeder fühlt sich dem Leben manchmal nicht gewachsen, jeder sehnt sich nach Liebe und Freundschaft. Welche Partei jemand wählt, wo er herkommt, wie viel er verdient - all das spielt keine Rolle. Die Lieder reduzieren das Leben auf die Gefühlswelt; kontroverse Themen kommen nicht vor. Das ist eine Erleichterung in politisch angespannten Zeiten. „Adrenalin in Ketten aus Blei“, da weiß man nicht so genau, was das heißen soll, aber falsch machen kann man schon mal nichts, wenn man diese Zeile mitsingt. Es ist die perfekte Musik für Menschen, die keine Statements setzen, sondern nur ein bisschen durchgekuschelt werden wollen.

          Diese Menschen sind zahlreich. Bendzkos aktuelles Album „Immer noch Mensch“ stieg im Oktober auf Platz eins der Charts ein und unterlegt die weichen Texte mit noch weicherem R ’n’ B. Auch in dieser Hinsicht ist er ein Sohn der Söhne Mannheims: Bei deren Talentwettbewerb wurde er 2009 zum legitimen Erben von Xavier Naidoo gekürt. Da hatte er sein Studium der evangelischen Theologie bereits abgebrochen. Tatsächlich ähnelt Bendzkos Stimme jener Naidoos stark. Wer ihn sonst musikalisch beeinflusst hat, zeigt die Playlist „Meine Jugend“, die er beim Streamingdienst Tidal angelegt hat: „Du trägst keine Liebe in dir“, der „Earth Song“, „Bilder von Dir“ und „I Believe I Can Fly“ finden sich dort - aber auch mehrere Lieder von Eminem. Davon könnte Bendzko mit seiner gefälligen Musik inzwischen kaum weiter entfernt sein.

          Sein größter Erfolg allerdings war ausgerechnet ein vollkommen untypisches Lied: „Nur noch kurz die Welt retten“ war von einer Selbstironie, die den Melancholikern sonst fremd ist. Sie distanzieren sich nicht durch Ironie von den eigenen Gefühlen; sie distanzieren sich nicht einmal durch Verschweigen oder Verschlüsselung in den Texten. Ihre Lieder sollen wirken, als habe jemand sein Herz ausgeschüttet. Jetzt liegt das ganze Elend da, dazwischen ein bisschen Hoffnung, und die Zuhörer suchen nach Zeilen, in denen sie sich wiederfinden. Die Sänger können sich schon deshalb nicht über ihre Gefühle lustig machen, weil sie sich damit über die der Fans ebenfalls erheben würden.

          „,Glücklich mit nichts‘ bedeutet mir viel, denn ich habe darin aufgeschrieben, wer ich bin und wie ich leben will“, schrieb ein weiterer Melancholiker, als er vor einer Woche das Video zu seiner neuen Single veröffentlichte. „Hört euch das an, denn wir sind uns vielleicht ähnlicher, als wir meinen.“ Der Mann heißt Max Prosa und turnt im Video auf einer Schaukel, die an einem alten Baum hängt. „Ich wollte immer nur singen / Wie ’ne Klinge im Wind, wie ein Vogel im Flug“. Prosa klingt etwas markanter als Bendzko und Poisel; er gibt sich auch wilder: Man meint den jungen Mick Jagger am Mikro stehen zu sehen. Darin erschöpft sich der Rock’n’Roll allerdings schon: Eigentlich käme Prosa ohne Streicher aus, aber so ein Cello schadet natürlich nie.

          Wo die Emotionen hochkochen, sind Hymnen nicht weit. Einer der neuen Melancholiker hat das perfektioniert: Mark Forster. Im vergangenen Jahr konnte er drei Singles in den Top Ten plazieren und war nach Justin Bieber der erfolgreichste Musiker hierzulande. Bei Forster herrscht Hymnenzwang; seine Lieder kommen uptempo daher, aber musikalisch unauffällig. 2014 war er erfolgreich mit „Au revoir“ in Zusammenarbeit mit dem Rapper Sido. Textlich zeigt Forster sich ein bisschen rotziger als seine Kollegen: „In diesem Haus, wo ich wohn / Ist alles so gewohnt, so / Zum Kotzen vertraut“. Die Themenkreise Freundschaft und Liebe bedient Forster trotzdem artig. „Für immer jung und zeitlos / Wir fliegen weg, denn wir leben hoch / Die Welt ist klein und wir sind groß“, heißt es da oder in der aktuellen Single: „Ich roll den roten Teppich aus / Durch die Stadt, bis vor dein Haus / Du bist das Ding für mich / Und die Chöre singen für dich“.

          In dieser heilen Welt müsste Sido eigentlich als ziemlich schlechter Umgang gelten. Trotzdem verhalf einer der Melancholiker dem Rapper 2015 zu seinem ersten Nummer-eins-Hit: Andreas Bourani unterstützte ihn bei „Astronaut“. Da war Bourani selbst bereits mit „Alles nur in meinem Kopf“ und dem WM-Song „Auf uns“ berühmt geworden. Das Intro mit Streichern, das Naidoo-Timbre in der Stimme, der Hymnenrefrain, der Text, der sich vor Schlager nicht fürchtet und von einem „Feuerwerk aus Endorphinen“ handelt, das durch die Nacht zieht, von zehntausend Lichtern, von Unsterblichkeit: „Auf uns“ ist geradezu modellhaft für dieses Genre. Dass es sogar zu Fußballturnieren passt, weiß man spätestens seit „Dieser Weg“ von Xavier Naidoo, 2006 inoffizielle Hymne des deutschen Teams.

          Zehn Jahre später kam der EM-Song „80 Millionen“ von Max Giesinger, einem weiteren Zögling Naidoos: Letzterer war bei der Castingshow „The Voice of Germany“ sein Coach. Im Herbst veröffentlichte Giesinger eine Alleinerziehendenhymne: „Ne ganz normale 50-Stunden-Woche / Heimkommen und erst mal für die Kleinen kochen / Ist für sie ja kein Problem / Weil die Kids für sie an erster Stelle stehen“. Darunter liegt der helle Sound einer Band, der die Hände auf den Rücken gefesselt sind. Im Video tanzt die Mutter am Strand, denn „wenn sie tanzt, ist sie woanders / Für den Moment, dort, wo sie will / Und wenn sie tanzt, ist sie wer anders / Lässt alles los, nur für das Gefühl“. Das klingt nach „Wenn sie diesen Tango hört“ von Pur und deren ständiger Suche nach dem „kleinen Glück“. Wir brauchen keine Revolution; ein kleines Glück, das reicht uns schon: Genau darum geht es bei dieser Musik. Sie ist der warme Tee für das gefrorene Meer in uns.

          Weitere Themen

          Frau und Kind im Watt vermisst

          Suchaktion am Elbdeich : Frau und Kind im Watt vermisst

          Eine Frau und ihr acht Jahre alter Sohn werden im Watt vor Brunsbüttel vermisst. Fußspuren, Kleidungsstücke sowie Schuhe an einer Buhne deuten darauf hin, dass sich beide in Wassernähe aufhielten – gefunden wurden sie bislang aber nicht.

          Topmeldungen

          Parlamentswahl in Polen : National und sozial

          Polens Regierungspartei hat in den vergangenen vier Jahren wenig Respekt für demokratische Gepflogenheiten und den Rechtsstaat gezeigt. Die Opposition konnte dem nun wenig entgegensetzen – für die Demokratie ist das eine schlechte Nachricht.

          Nobelpreis für Wirtschaft : Wie kann Armut gelindert werden?

          Esther Duflo aus Frankreich ist die zweite Frau in der Riege der Wirtschaftsnobelpreisträger. Wie Abhijit Banerjee aus Indien und der Amerikaner Michael Kremer forscht sie daran, wie die globale Armut gelindert werden kann – und soll.
          Königin Elisabeth II. am Montag im britischen Parlament neben ihrem Sohn, Prinz Charles.

          Britisches Unterhaus : Queen’s Speech – und dann?

          Die britische Königin hat an diesem Montag mit ihrer Rede das Parlament wiedereröffnet und die Politikvorhaben der Regierung vorgestellt. Im Brexit-Prozess ist das jedoch nur ein Intermezzo.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.