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Tim Bendzko & Co. : Ich trag dich irgendwie nach Haus

„,Glücklich mit nichts‘ bedeutet mir viel, denn ich habe darin aufgeschrieben, wer ich bin und wie ich leben will“, schrieb ein weiterer Melancholiker, als er vor einer Woche das Video zu seiner neuen Single veröffentlichte. „Hört euch das an, denn wir sind uns vielleicht ähnlicher, als wir meinen.“ Der Mann heißt Max Prosa und turnt im Video auf einer Schaukel, die an einem alten Baum hängt. „Ich wollte immer nur singen / Wie ’ne Klinge im Wind, wie ein Vogel im Flug“. Prosa klingt etwas markanter als Bendzko und Poisel; er gibt sich auch wilder: Man meint den jungen Mick Jagger am Mikro stehen zu sehen. Darin erschöpft sich der Rock’n’Roll allerdings schon: Eigentlich käme Prosa ohne Streicher aus, aber so ein Cello schadet natürlich nie.

Wo die Emotionen hochkochen, sind Hymnen nicht weit. Einer der neuen Melancholiker hat das perfektioniert: Mark Forster. Im vergangenen Jahr konnte er drei Singles in den Top Ten plazieren und war nach Justin Bieber der erfolgreichste Musiker hierzulande. Bei Forster herrscht Hymnenzwang; seine Lieder kommen uptempo daher, aber musikalisch unauffällig. 2014 war er erfolgreich mit „Au revoir“ in Zusammenarbeit mit dem Rapper Sido. Textlich zeigt Forster sich ein bisschen rotziger als seine Kollegen: „In diesem Haus, wo ich wohn / Ist alles so gewohnt, so / Zum Kotzen vertraut“. Die Themenkreise Freundschaft und Liebe bedient Forster trotzdem artig. „Für immer jung und zeitlos / Wir fliegen weg, denn wir leben hoch / Die Welt ist klein und wir sind groß“, heißt es da oder in der aktuellen Single: „Ich roll den roten Teppich aus / Durch die Stadt, bis vor dein Haus / Du bist das Ding für mich / Und die Chöre singen für dich“.

In dieser heilen Welt müsste Sido eigentlich als ziemlich schlechter Umgang gelten. Trotzdem verhalf einer der Melancholiker dem Rapper 2015 zu seinem ersten Nummer-eins-Hit: Andreas Bourani unterstützte ihn bei „Astronaut“. Da war Bourani selbst bereits mit „Alles nur in meinem Kopf“ und dem WM-Song „Auf uns“ berühmt geworden. Das Intro mit Streichern, das Naidoo-Timbre in der Stimme, der Hymnenrefrain, der Text, der sich vor Schlager nicht fürchtet und von einem „Feuerwerk aus Endorphinen“ handelt, das durch die Nacht zieht, von zehntausend Lichtern, von Unsterblichkeit: „Auf uns“ ist geradezu modellhaft für dieses Genre. Dass es sogar zu Fußballturnieren passt, weiß man spätestens seit „Dieser Weg“ von Xavier Naidoo, 2006 inoffizielle Hymne des deutschen Teams.

Zehn Jahre später kam der EM-Song „80 Millionen“ von Max Giesinger, einem weiteren Zögling Naidoos: Letzterer war bei der Castingshow „The Voice of Germany“ sein Coach. Im Herbst veröffentlichte Giesinger eine Alleinerziehendenhymne: „Ne ganz normale 50-Stunden-Woche / Heimkommen und erst mal für die Kleinen kochen / Ist für sie ja kein Problem / Weil die Kids für sie an erster Stelle stehen“. Darunter liegt der helle Sound einer Band, der die Hände auf den Rücken gefesselt sind. Im Video tanzt die Mutter am Strand, denn „wenn sie tanzt, ist sie woanders / Für den Moment, dort, wo sie will / Und wenn sie tanzt, ist sie wer anders / Lässt alles los, nur für das Gefühl“. Das klingt nach „Wenn sie diesen Tango hört“ von Pur und deren ständiger Suche nach dem „kleinen Glück“. Wir brauchen keine Revolution; ein kleines Glück, das reicht uns schon: Genau darum geht es bei dieser Musik. Sie ist der warme Tee für das gefrorene Meer in uns.

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