https://www.faz.net/-gum-8v1e8

Tim Bendzko & Co. : Ich trag dich irgendwie nach Haus

Weil sie womöglich noch nicht soft genug waren, veröffentlichte Poisel einige seiner Lieder unter dem Titel „Projekt Seerosenteich“ neu instrumentiert mit Klavier und Streichquartett. Überhaupt: Streicher. Melancholie mag ohne Streicher möglich sein, aber wer sichergehen will, setzt sie ein. Bendzko, bekannt seit 2011 durch „Wenn Worte meine Sprache wären“, griff für „Winter“ ebenfalls auf ein Streichquartett zurück. „Wie kann man verbergen, dass das Herz gefriert? / Der Winter ist hier / Bin so merkwürdig abgestumpft / Adrenalin in Ketten aus Blei / Der Winter spielt das falsche Lied“. „Das müssen richtige Hater sein, die da einen Dislike geben“, kommentierte jemand unter dem Youtube-Video.

Was sagt es über die Deutschen, dass ihre Lieblingssänger solche Texte schreiben? Zumindest eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllt die neue Melancholie: Sie verbindet. Jeder ist mal traurig, jeder fühlt sich dem Leben manchmal nicht gewachsen, jeder sehnt sich nach Liebe und Freundschaft. Welche Partei jemand wählt, wo er herkommt, wie viel er verdient - all das spielt keine Rolle. Die Lieder reduzieren das Leben auf die Gefühlswelt; kontroverse Themen kommen nicht vor. Das ist eine Erleichterung in politisch angespannten Zeiten. „Adrenalin in Ketten aus Blei“, da weiß man nicht so genau, was das heißen soll, aber falsch machen kann man schon mal nichts, wenn man diese Zeile mitsingt. Es ist die perfekte Musik für Menschen, die keine Statements setzen, sondern nur ein bisschen durchgekuschelt werden wollen.

Diese Menschen sind zahlreich. Bendzkos aktuelles Album „Immer noch Mensch“ stieg im Oktober auf Platz eins der Charts ein und unterlegt die weichen Texte mit noch weicherem R ’n’ B. Auch in dieser Hinsicht ist er ein Sohn der Söhne Mannheims: Bei deren Talentwettbewerb wurde er 2009 zum legitimen Erben von Xavier Naidoo gekürt. Da hatte er sein Studium der evangelischen Theologie bereits abgebrochen. Tatsächlich ähnelt Bendzkos Stimme jener Naidoos stark. Wer ihn sonst musikalisch beeinflusst hat, zeigt die Playlist „Meine Jugend“, die er beim Streamingdienst Tidal angelegt hat: „Du trägst keine Liebe in dir“, der „Earth Song“, „Bilder von Dir“ und „I Believe I Can Fly“ finden sich dort - aber auch mehrere Lieder von Eminem. Davon könnte Bendzko mit seiner gefälligen Musik inzwischen kaum weiter entfernt sein.

Sein größter Erfolg allerdings war ausgerechnet ein vollkommen untypisches Lied: „Nur noch kurz die Welt retten“ war von einer Selbstironie, die den Melancholikern sonst fremd ist. Sie distanzieren sich nicht durch Ironie von den eigenen Gefühlen; sie distanzieren sich nicht einmal durch Verschweigen oder Verschlüsselung in den Texten. Ihre Lieder sollen wirken, als habe jemand sein Herz ausgeschüttet. Jetzt liegt das ganze Elend da, dazwischen ein bisschen Hoffnung, und die Zuhörer suchen nach Zeilen, in denen sie sich wiederfinden. Die Sänger können sich schon deshalb nicht über ihre Gefühle lustig machen, weil sie sich damit über die der Fans ebenfalls erheben würden.

Weitere Themen

Topmeldungen

Impeachment-Ermittlung : Trumps Flucht nach vorn

Der Stabschef des Präsidenten gibt zu, dass Militärhilfe für Kiew an parteipolitische Bedingungen geknüpft wurde. Trump will so tun, als wäre das ganz normal – und könnte damit durchkommen.
Mittlerweile gehören sie zum Treppenhaus wie Fußabtreter.

Der Wohn-Knigge : Schuhterror im Hausflur

Kein Mehrfamilienhaus ohne ausgelatschte Schuhe im Hausflur. Zur Frage, ob man die müffelnden Sandalen seiner Nachbarn ertragen muss, hat unsere Autorin eine klare Meinung.
Oliver Zipse

F.A.S. exklusiv : BMW baut den i3 weiter

Neue Manager, mehr Tempo: BMW-Chef Oliver Zipse baut den Konzern um. An dem teuren Elektroauto i3 hält er aus gutem Grund fest, wie er in seinem ersten Interview sagt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.