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Die ’Ndrangheta : Von Kalabrien in die Welt

Bild: dpa

Die 'Ndrangheta reicht weit über Italien hinaus. Sie ist weniger bekannt als die Camorra und die Cosa Nostra, doch sie ist internationaler organisiert sowie wirtschaftlich erfolgreicher. Und sie ist noch immer dem Prinzip der Blutrache verpflichtet.

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          Die Italiener feierten am Mittwoch ferragosto, Mariä Himmelfahrt, den Höhepunkt des Sommers. Da geht man gerne an den Strand oder trifft sich mit der Familie zum Essen. Doch in die Ferienstimmung platzte die Nachricht aus Duisburg, wo sechs Landsleute getötet wurden – offenbar von der ’Ndrangheta, der kalabresischen Variante des Verbrecherkartells. Und der italienische Innenminister Giuliano Amato konnte die Italiener mit seiner Interpretation des Blutbads auch kaum beruhigen: Es handele sich um die Folge einer Gewalttat zwischen Familien in San Luca – und es sei nicht ausgeschlossen, dass die Gewalt auch dorthin zurückkehre.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Die kalabresische Verbrechensorganisation, die am Mittwoch in Duisburg mit sechs Morden auf sich aufmerksam machte, ist zwar nicht so bekannt wie die Camorra aus Neapel oder die Mafia und die Cosa Nostra aus Sizilien. Dafür sind die Kalabreser umso undurchdringlicher für polizeiliche Ermittlungen, wirtschaftlich erfolgreicher und internationaler organisiert. In Sizilien ist das organisierte Verbrechen geschwächt durch die Aussagen von Kronzeugen und durch die Verhaftung führender Köpfe. In Neapel zerfleischt sich die Camorra in internen Kriegen über die begrenzte Macht in der Stadt. In Kalabrien, der ärmsten Region Italiens, ganz an der Spitze des italienischen Stiefels gelegen, hat sich dagegen die derzeit schlagkräftigste Verbrechensorganisation entwickelt. Der Name, ’Ndrangheta, soll auf die altgriechische Bezeichnung für mutige und tüchtige Männer zurückgehen.

          Kartell hat Tausende Mitglieder

          Rund 8000 Mitglieder hat die ’Ndrangheta in Italien nach einer Schätzung des kalabresischen Staatsanwalts Nicola Gratteri, der sich seit 20 Jahren mit dem organisierten Verbrechen in Kalabrien befasst. Im Gegensatz zu den anderen Verbrechensorganisationen verfügt die ’Ndrangheta aber über keinen obersten Boss. Im Gegenteil, die örtlichen Einheiten („locali“) sind unabhängig voneinander. Zudem sind deren Angehörige auch verwandtschaftlich miteinander verbunden. Daher haben die italienischen Ermittler bisher in Kalabrien kaum Hilfe von Überläufern bekommen. Denn die müssten in Kalabrien nicht nur ihren Treueschwur brechen, sondern zugleich auch Geschwister, Cousins oder den Vater verraten.

          Die Familienbande in der ’Ndrangheta wurden nun aber auch zu deren Schwäche, die mit einem Schlag die sorgfältig verborgen gehaltenen Verbindungen des organisierten Verbrechens in Deutschland offenbarte. Denn in Kalabrien mit seinen archaischen Wurzeln lebt noch immer das Prinzip der Blutrache fort. Die reichte nun aus dem Bergdorf San Luca bis nach Duisburg. San Luca, Teil der Provinz Reggio Calabria, am Rande der früher wegen der Entführungen berüchtigten Region Aspromonte, gehört zum Kernland der ’Ndrangheta, denn in dieser Gegend liegt der Wallfahrtsort Santuario della Madonna dei Polsi, wo seit hundert Jahren regelmäßig das Gipfeltreffen aller Bosse der Organisation abgehalten wurde.

          Streitereien begannen im Karneval 1991

          Die Bosse aus San Luca waren schon in der Vergangenheit an wichtigen Machtkämpfen beteiligt, als eine jüngere Generation die Geschäftsgrundlage der ’Ndrangheta erweitern wollte und statt Aufsehen erregender Entführungen lieber Investitionen in den Drogenhandel wünschte oder die lautlose Aufnahme von Kontakten mit Schlüsselpersonen für die Vergabe öffentlicher Gelder.

          Die Schüsse in Duisburg gehen aber angeblich nicht auf strategische Meinungsverschiedenheiten zurück, sondern auf banale Streitereien bei einem Dorffest zum Karneval 1991. Ein paar Eier, geworfen in Richtung einer konkurrierenden Familie, wurden zur tiefgreifenden Beleidigung. Wenige Stunden gab es Schüsse mit zwei Toten und zwei Verletzten. Eine der letzten Episoden der Fehde spielte sich am ersten Weihnachtstag 2006 ab, mit Schüssen, die offenbar dem vorbestraften Giovanni Luca Nirta galten, die aber seine Frau Maria Nirta Strangio trafen. Von Januar bis zum 3. August gab es vier weitere Morde in der alten Fehde zwischen den beiden Clans Nirta-Strangio und Pelle-Vottari. Vier in Duisburg ermordete Italiener gehörten zum Clan Nirta-Strangio und hatten gerade zuvor Geburtstag gefeiert in einem Restaurant, das einem Mitglied der Familie Strangio gehört.

          Mörder kamen der italienischen Polizei zuvor

          Während in Deutschland noch Ratlosigkeit herrschte, hatten in Italien die Polizeikräfte bereits die Hintergründe der Bluttat dechiffriert. Innenminister Amato sagte, die Mörder seien den Polizeikräften zuvorgekommen, die einen der Ermordeten verfolgt hätten und verhaften wollten. Die Opfer seien zwar unbewaffnet gewesen, es gebe jedoch Anzeichen dafür, dass sie Unheil vorausgeahnt hätten und versucht hätten, sich Waffen zu besorgen, um gegen einen Anschlag gewappnet zu sein. Die Mörder seien ihnen aber zuvorgekommen. Es gehe nun darum, alles zu tun, eine Fortsetzung des Dramas zu verhindern, sagte der Innenminister. Bereits nach der Bluttat am letzten Weihnachtstag hatte an Silvester schwer bewaffnete Polizei San Luca unter Kontrolle gehalten, um eine Eskalation zu vermeiden. Die nächsten Morde geschahen dann aber dennoch vom 4. Januar an.

          Den Ehrenmorden Einhalt gebieten kann allerdings manchmal die ’Ndrangheta selbst. Als in der Vergangenheit in Locri, nicht weit von San Luca entfernt, die Bandenkriege überhand nahmen und damit auch die Präsenz der Polizeikräfte immer größer wurde, waren ausgerechnet die Bosse von San Luca um Vermittlung gebeten worden. Weil die Streitenden in Locri kein Einsehen haben wollten, wurde bald darauf auf Beschluss aller anderen Bosse die lokale Organisation von Locri „wegen Unwürdigkeit“ aufgelöst.

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