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Die lieben Kleinen (8) : Schritt für Schritt ins Leben stolpern

  • -Aktualisiert am

Wer's einmal geschafft hat, bekommt bald erste Schühchen Bild: F.A.Z. / Isabel Klett

Alle Kinder lernen irgendwann laufen - was nicht heißt, daß man es ihnen beibringen sollte. Im Gegenteil: Zuviel Ehrgeiz schadet nur.

          7 Min.

          Mittwochs geht die elf Monate alte Greta mit ihrer Mutter immer zum Kleinkinderturnen. Und tobt dort eine Stunde lang über Böcke und Bänke, durch Stofftunnel und die Kletterwand hoch. Ihre Mutter sitzt derweil mit den anderen Mamas, Omas und dem einen oder anderen Opa an der Wand, plaudert und schaut der Horde Kinder zu. Die Größeren rennen, springen, balancieren, die ganz Kleinen liegen glucksend auf ihrer Matte. Tim und Leonie, jeweils sieben Monate, robben immerhin schon umher: Tim sehr elegant, Leonie eher wie ein "angeschossenes Kaninchen", meint ihre Mutter. Nico rutscht auf dem Po durch die Halle, Maxi auf den Knien, Melanie und Alexander machen tapsig ihre ersten Schritte. Sie haben eines der wesentlichen Merkmale der menschlichen Rasse erreicht: den aufrechten Gang.

          Früher meinte man, auf dem Weg dorthin rekapituliere jeder Mensch noch einmal den Weg der Evolution von der Amphibie zur Krone der Schöpfung. "Biogenetische Grundregel" nannte sich das. Die Regel ist zwar nur eine Theorie und mit ihren bald 150 Jahren auch ein bißchen veraltet. Aber wenn man es nicht so eng sieht, lassen sich tatsächlich reizvolle Parallelen entdecken. Ein Kind ist zunächst ein Wasserwesen, klein und schwerelos schwappt es hin und her im Bauch der Mutter und sieht mal aus wie eine Qualle, mal wie ein Reptil mit Schwänzchen. Mit der Geburt wird es zum Lungenatmer - und von der Schwerkraft schlagartig lahmgelegt. Wie ein gestrandeter Fisch kann ein Neugeborenes ein bißchen zappeln. Erst nach und nach trainiert es die Muskeln, wobei im Gehirn die grauen Zellen reifen und verknüpft werden. So gewinnt das Kind Gewalt über seinen Körper und arbeitet sich Stück für Stück dem aufrechten Gang entgegen.

          Warum hat sich der Mensch aufgerichtet?

          Jedes heutige Menschenkind gehört einer Rasse an, deren Merkmal es ist, auf zwei Beinen zu gehen. Beim Vormenschen war das noch anders, er mußte diese Fähigkeit erst im Laufe der Evolution entwickeln. Warum überhaupt? Warum haben sich unsere äffischen Vorfahren nicht nur ab und zu aufgerichtet, wie es beispielsweise Bären oder Gorillas tun? Warum sind sie irgendwann stehen geblieben? "Darüber gibt es viele Theorien", sagt der Bochumer Anatomieprofessor Holger Preuschoft. "Manche sind mehr, manche weniger plausibel."

          Einig sind sich die Forscher immerhin darin, daß sich damals die Umweltbedingungen änderten, wodurch aus dichten Wäldern Grasland mit vereinzelten Gebüschstreifen wurde. Verbrauchten zwei Beine auf den täglichen langen Wegen vom Schlafgebüsch zum Jagdrevier vielleicht weniger Energie als vier? War es für unsere Vorfahren beim Waten und Angeln in den Savannengewässern vielleicht von Vorteil, die Hände frei zu haben, um Vorräte zu schleppen oder Steine zu schmeißen?

          "Hieb- und stichfest beweisen läßt sich gar nichts", sagt Preuschoft. Die Forscher können zwar Fossilien unter die Lupe nehmen, sie können Schimpansen und Orang-Utans beobachten oder am Computer simulieren, welcher Knochenbau bei welcher Fortbewegungsart wieviel Energie verbraucht. Aber den ersten wackeligen Schritt der Menschheit live beobachten wie stolze Eltern ihren Nachwuchs können sie im nachhinein eben nicht.

          Der erste Schritt - ein großer Moment

          Für die meisten Eltern ist der erste Kinderschritt ein riesengroßer Moment. Davon zeugen ganze Fotoalben voller verwackelter Bilder. "Endlich läufst auch du" steht darunter - als käme es bei den vielen Jahrzehnten auf zwei Beinen auf ein paar Tage oder Wochen an. In der Tat üben viele Eltern mit ihren Kindern, "immer die nächste Stufe", sagt Melanies Mutter. Gerade lockt sie ihre Tochter eine schräge Leiter hoch und drängt sie oben sanft hinunterzuspringen. "Ich habe mit ihr erst Drehen geübt, dann mit Spielzeug zum Krabbeln gelockt. Schließlich haben wir sie hingesetzt und, als sie saß, aufgestellt."

          Orthopäden, Sportpädagogen und Entwicklungspsychologen raten von dieser Art der Nachhilfe ab. Laufen lernen heiße nicht, daß man es einem Kind beibringen könne. Der ganze Körper, die Knochen, die Muskeln, die Koordination müssen sich erst entwickeln. Jede Bewegung ist dabei Vorstufe und Training für die nächste. Üben nützt also nichts. Es schadet eher, wenn ein Kind zu Bewegungen animiert wird, für die Körperbau und Muskelkraft noch nicht genügend ausgebildet sind. Das Hingesetztwerden hat Melanie nicht viel genützt - sie mußte es trotzdem wie alle anderen selbständig lernen.

          Natürlich darf man einem quengeligen Kerl mal ein paar Kissen in den Rücken stopfen, um ihm einen aufrechten Blick in die Welt zu ermöglichen. Man darf dem Kind beim Laufenlernen mal die Hand, beim Radfahren mal einen Schubs geben. Die Betonung liegt allerdings auf "mal". "Das schadet nicht und macht Spaß", sagt Dietmar Breithecker von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltung und Bewegungsförderung.

          Bewegungsdrang ausleben lassen

          Am besten ist es ohnehin, die Kinder ihren Bewegungsdrang ausleben zu lassen, wie sie wollen. Der ist wirklich enorm: In einer Studie der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler wurden fünf Kinder zwei- bis dreimal in der Woche über viele Monate hinweg beobachtet, alle 15 Sekunden wurde die Position des Kindes notiert. Ergebnis: Egal ob die Kleinen sich gerade mal umdrehen konnten oder bereits mit dem Laufen begannen, im Schnitt blieben sie zwei Minuten in der gleichen Stellung, oft nur ein paar Sekunden.

          Das heißt: Kinder brauchen viel Platz. Der Laufstall ist also nur für den Notfall gedacht, der Kindersitz für die Autofahrt und Lauf-lernhilfen sind ganz tabu. "Das Kind hängt schief und passiv darin herum, statt beim Hinfallen und Wiederaufstehen das Gleichgewicht zu trainieren", sagt Dietmar Breithecker. Außerdem passieren schlimme Unfälle, wenn Kinder damit vor die Wand rasen oder die Treppe hinunterstürzen.

          Wer den ersten Schritt geschafft hat, bekommt meist bald die ersten Schühchen. Orthopäden haben zu diesem Thema genau drei Dinge zu sagen: "Barfuß, barfuß, barfuß." Höchstens Schläppchen oder Socken sollten es sein. Auch die extra weichen sogenannten Lauflernschuhe sind zu fest für den zarten Fuß, sie stützen so sehr, daß er zu wenig Muskeln ausbildet. Für draußen brauchen die Kleinen natürlich Schuhe, aber auch die sollten weich und biegsam sein und weit genug, aber nicht so auf Zuwachs gekauft, daß das Kind darin schlurft.

          Wer nie hinfällt, lernt nicht sich aufzufangen

          Die kleine Greta bekommt genügend Freiraum für ihren Bewegungsdrang, ganz wie empfohlen. Zu Hause sowieso und wo immer es sonst die hygienischen Verhältnisse zulassen, legt ihre Mutter die Kleine auf den Boden. Seit Greta krabbeln kann, sind die scharfkantigen Tischbeine mit alten Handtüchern umwickelt, die CD-Sammlung und die guten Gläser sind in die oberen Regale gewandert. "Was soll sie denn denken, wenn sie voller Stolz zum Schrank kriecht, die Schubladen aufzieht und ausräumt - und ich schimpfe, weil etwas kaputtgehen könnte." Wenn sich die Kleine allerdings mal wieder unter dem Sofa gestoßen hat und vor Schreck und Schmerz kaum genug Luft zum Schreien bekommt, dann hat ihre Mutter doch ein schlechtes Gewissen.

          "Ein Kind gehört nicht auf den Fußboden, sondern auf den Schoß", meint denn auch ihre Freundin. Dort oder im sicheren Bettchen hat ihr Sohn Alexander seine ersten Lebensmonate verbracht. Seit er krabbelt und jetzt sogar die ersten Schritte macht, läuft sie ihm den ganzen Tag mit ausgebreiteten, fangbereiten Armen hinterher. Auch hier in der Turnhalle hat sie ihn fest an der Hand. "Ich weiß doch, daß er sonst hinfällt und sich weh tut", sagt sie.

          Das ist natürlich gut möglich. "Doch in der Summe haben überbehütete Kinder häufigere und schwerere Unfälle", sagt Dietmar Breithecker. Wer nie hinfällt, kann schließlich nicht lernen, sich mit den Händen abzufangen, und schlägt sich im Ernstfall vielleicht die Zähne aus. Wer nie von irgendwo herunterfällt oder -springt, bekommt kein Gefühl für die Höhe und bricht sich bei erster Gelegenheit die Knochen.

          Blaue Flecken und Beulen sind lehrreich

          Das heißt nicht, daß die Eltern vollkommen sorglos sein dürfen. "Der Verlust von Leben, Beweglichkeit, Sinnesorganen oder Gliedmaßen sollte natürlich ausgeschlossen sein", sagt Josef Wingsheim von der Elterninitiative Sicherer Spielplatz. Blaue Flecken, Beulen oder verstauchte Handgelenke seien allerdings "akzeptable Restrisiken". Denn nur so lernen Kinder, auf sich selber aufzupassen. Die zweijährige Dina zum Beispiel klettert gerne, schnell und hoch und springt dann wieder runter. Nur heute ist es ihr zu heikel, "Mama, helfen", ruft sie, und als die nicht schnell genug kommt, steigt sie für dieses Mal eben wieder ab.

          "Selbständigkeit kommt von selber stehen" - so drücken es die Fachleute gerne griffig aus -, "und begreifen kommt von greifen." Soll heißen: Bewegung ist wichtig für die Entwicklung, und zwar jede, egal ob gehen, rennen, springen, malen, schnippeln oder Schuhe binden. Jedesmal erfahren die Kinder dabei etwas über sich, ihren Körper, ihre Umwelt, und jede dieser Erfahrungen fordert und fördert das Gehirn. Neu entstandene Verknüpfungen kann das Kind wiederum für neue Erlebnisse und Entdecken nutzen. Und so weiter.

          Auch Phillip wird von seinen Eltern gelassen, wie er will - zu ihrem großen Kummer will er nur meistens nicht. Ein Jahr und zwei Wochen ist er jetzt alt und beginnt gerade erst zu krabbeln. So wie seiner Mutter geht es vielen Eltern von "Spätzündern": Sie sind verunsichert. Schließlich lesen sie in Gesundheitstabellen, daß sich ein Kind "mit zehn Monaten selber hinsetzen" wird und "mit einem Jahr an der Hand läuft". Sie sehen, daß viele befreundete Gleichaltrige längst auf zwei Beinen unterwegs sind. Und hören auch noch überall, die deutschen Kinder seien immer unbeweglicher, faul und dick.

          Platz zum Toben wird geringer

          "Unfitte Kinder", sagt Sabine Rethorst, Sportpädagogin an der Uni Bielefeld, "scheint es in der Tat zu geben." Sie führt regelmäßig motorische Studien durch, läßt die Kleinen zum Beispiel mit den Zehen ein Tuch greifen, unter Zeitdruck Streichhölzer in die Schachtel sammeln oder läßt sie sich durch einen Reifen winden, um ihre Kondition und Koordination zu testen. Es gebe immer ein paar Cracks und ein paar Faule, insgesamt seien die Mittelwerte im Laufe der Jahre aber leicht gesunken. Vermutliche Gründe: In den Städten haben die Kinder kaum Platz zum freien Toben, auf dem Land erlauben es die Eltern nicht, aus Angst vor den Gefahren der Wälder und Felder. Also werden Räuber und Gendarm mit Playmobilen nachgestellt, statt in den Park geht es vor den Fernseher oder den Computer.

          Angebote wie das Familienbildungsprogramm "Pekip", Babyschwimmen oder eben Kinderturnen sind zwar durchaus Alternativen, aber keine Allheilmittel. "Ein, zwei Stunden in der Woche sind viel zuwenig", sagt Sabine Rethorst. Also gilt so oder so: Jeden Tag ausreichend Rennen und Toben und Klettern und Springen. "Engelchen flieg" und "Hoppe, hoppe, Reiter spielen", Treppen steigen, und die Brötchen zu Fuß holen und unterwegs auf dem Bordstein balancieren, Steine schmeißen und in Pfützen springen. Spätestens dann, wenn das Kind läuft.

          Ob ein Kind früh oder spät damit anfängt, hat nichts damit zu tun, wie beweglich es mal sein wird. Denn die Altersangaben, wann ein Kind was können kann, soll oder muß, sind statistische Mittelwerte mit den üblichen Standardabweichungen nach oben und unten. Kinder aber sind Individuen, viele Wege führen zum aufrechten Gang.

          Irgendwann einfach losmarschiert

          "Wenn ein Kind gesund, aktiv und gut koordiniert ist und insgesamt Fortschritte macht", sagt Dietmar Breithecker, "dann kann es sich bewegen, wann und wie es will." Ob er nur mit einem Fuß robbt, das Krabbeln ausläßt oder mit anderthalb immer noch auf allen vieren läuft - alles kein Grund für die Mutter des kleinen Phillip, sich Sorgen zu machen oder ihrem Sohn Krankengymnastik verordnen zu lassen.

          Kinderturnen, ein halbes Jahr später: Auch Phillip läuft jetzt. Wie sein Vater, sein Onkel, seine drei Cousins mit exakt 17 Monaten. Irgendwann ist er einfach aufgestanden und losmarschiert, und plötzlich ist er allen anderen voraus: Er kann mit Löffel und Gabel essen, alleine aus seinem Glas trinken, meldet volle Windeln und spricht die meisten Wörter. Keiner redet mehr vom Faulpelz, Spätzünder, Sorgenkind. Statt dessen sagen die anderen Mütter oft zu ihren Kleinen: "Schau doch mal, wie schön der Phillip das schon kann."

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