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Die lieben Kleinen (8) : Schritt für Schritt ins Leben stolpern

  • -Aktualisiert am

Auch Phillip wird von seinen Eltern gelassen, wie er will - zu ihrem großen Kummer will er nur meistens nicht. Ein Jahr und zwei Wochen ist er jetzt alt und beginnt gerade erst zu krabbeln. So wie seiner Mutter geht es vielen Eltern von "Spätzündern": Sie sind verunsichert. Schließlich lesen sie in Gesundheitstabellen, daß sich ein Kind "mit zehn Monaten selber hinsetzen" wird und "mit einem Jahr an der Hand läuft". Sie sehen, daß viele befreundete Gleichaltrige längst auf zwei Beinen unterwegs sind. Und hören auch noch überall, die deutschen Kinder seien immer unbeweglicher, faul und dick.

Platz zum Toben wird geringer

"Unfitte Kinder", sagt Sabine Rethorst, Sportpädagogin an der Uni Bielefeld, "scheint es in der Tat zu geben." Sie führt regelmäßig motorische Studien durch, läßt die Kleinen zum Beispiel mit den Zehen ein Tuch greifen, unter Zeitdruck Streichhölzer in die Schachtel sammeln oder läßt sie sich durch einen Reifen winden, um ihre Kondition und Koordination zu testen. Es gebe immer ein paar Cracks und ein paar Faule, insgesamt seien die Mittelwerte im Laufe der Jahre aber leicht gesunken. Vermutliche Gründe: In den Städten haben die Kinder kaum Platz zum freien Toben, auf dem Land erlauben es die Eltern nicht, aus Angst vor den Gefahren der Wälder und Felder. Also werden Räuber und Gendarm mit Playmobilen nachgestellt, statt in den Park geht es vor den Fernseher oder den Computer.

Angebote wie das Familienbildungsprogramm "Pekip", Babyschwimmen oder eben Kinderturnen sind zwar durchaus Alternativen, aber keine Allheilmittel. "Ein, zwei Stunden in der Woche sind viel zuwenig", sagt Sabine Rethorst. Also gilt so oder so: Jeden Tag ausreichend Rennen und Toben und Klettern und Springen. "Engelchen flieg" und "Hoppe, hoppe, Reiter spielen", Treppen steigen, und die Brötchen zu Fuß holen und unterwegs auf dem Bordstein balancieren, Steine schmeißen und in Pfützen springen. Spätestens dann, wenn das Kind läuft.

Ob ein Kind früh oder spät damit anfängt, hat nichts damit zu tun, wie beweglich es mal sein wird. Denn die Altersangaben, wann ein Kind was können kann, soll oder muß, sind statistische Mittelwerte mit den üblichen Standardabweichungen nach oben und unten. Kinder aber sind Individuen, viele Wege führen zum aufrechten Gang.

Irgendwann einfach losmarschiert

"Wenn ein Kind gesund, aktiv und gut koordiniert ist und insgesamt Fortschritte macht", sagt Dietmar Breithecker, "dann kann es sich bewegen, wann und wie es will." Ob er nur mit einem Fuß robbt, das Krabbeln ausläßt oder mit anderthalb immer noch auf allen vieren läuft - alles kein Grund für die Mutter des kleinen Phillip, sich Sorgen zu machen oder ihrem Sohn Krankengymnastik verordnen zu lassen.

Kinderturnen, ein halbes Jahr später: Auch Phillip läuft jetzt. Wie sein Vater, sein Onkel, seine drei Cousins mit exakt 17 Monaten. Irgendwann ist er einfach aufgestanden und losmarschiert, und plötzlich ist er allen anderen voraus: Er kann mit Löffel und Gabel essen, alleine aus seinem Glas trinken, meldet volle Windeln und spricht die meisten Wörter. Keiner redet mehr vom Faulpelz, Spätzünder, Sorgenkind. Statt dessen sagen die anderen Mütter oft zu ihren Kleinen: "Schau doch mal, wie schön der Phillip das schon kann."

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