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Die lieben Kleinen (8) : Schritt für Schritt ins Leben stolpern

  • -Aktualisiert am

Wer nie hinfällt, lernt nicht sich aufzufangen

Die kleine Greta bekommt genügend Freiraum für ihren Bewegungsdrang, ganz wie empfohlen. Zu Hause sowieso und wo immer es sonst die hygienischen Verhältnisse zulassen, legt ihre Mutter die Kleine auf den Boden. Seit Greta krabbeln kann, sind die scharfkantigen Tischbeine mit alten Handtüchern umwickelt, die CD-Sammlung und die guten Gläser sind in die oberen Regale gewandert. "Was soll sie denn denken, wenn sie voller Stolz zum Schrank kriecht, die Schubladen aufzieht und ausräumt - und ich schimpfe, weil etwas kaputtgehen könnte." Wenn sich die Kleine allerdings mal wieder unter dem Sofa gestoßen hat und vor Schreck und Schmerz kaum genug Luft zum Schreien bekommt, dann hat ihre Mutter doch ein schlechtes Gewissen.

"Ein Kind gehört nicht auf den Fußboden, sondern auf den Schoß", meint denn auch ihre Freundin. Dort oder im sicheren Bettchen hat ihr Sohn Alexander seine ersten Lebensmonate verbracht. Seit er krabbelt und jetzt sogar die ersten Schritte macht, läuft sie ihm den ganzen Tag mit ausgebreiteten, fangbereiten Armen hinterher. Auch hier in der Turnhalle hat sie ihn fest an der Hand. "Ich weiß doch, daß er sonst hinfällt und sich weh tut", sagt sie.

Das ist natürlich gut möglich. "Doch in der Summe haben überbehütete Kinder häufigere und schwerere Unfälle", sagt Dietmar Breithecker. Wer nie hinfällt, kann schließlich nicht lernen, sich mit den Händen abzufangen, und schlägt sich im Ernstfall vielleicht die Zähne aus. Wer nie von irgendwo herunterfällt oder -springt, bekommt kein Gefühl für die Höhe und bricht sich bei erster Gelegenheit die Knochen.

Blaue Flecken und Beulen sind lehrreich

Das heißt nicht, daß die Eltern vollkommen sorglos sein dürfen. "Der Verlust von Leben, Beweglichkeit, Sinnesorganen oder Gliedmaßen sollte natürlich ausgeschlossen sein", sagt Josef Wingsheim von der Elterninitiative Sicherer Spielplatz. Blaue Flecken, Beulen oder verstauchte Handgelenke seien allerdings "akzeptable Restrisiken". Denn nur so lernen Kinder, auf sich selber aufzupassen. Die zweijährige Dina zum Beispiel klettert gerne, schnell und hoch und springt dann wieder runter. Nur heute ist es ihr zu heikel, "Mama, helfen", ruft sie, und als die nicht schnell genug kommt, steigt sie für dieses Mal eben wieder ab.

"Selbständigkeit kommt von selber stehen" - so drücken es die Fachleute gerne griffig aus -, "und begreifen kommt von greifen." Soll heißen: Bewegung ist wichtig für die Entwicklung, und zwar jede, egal ob gehen, rennen, springen, malen, schnippeln oder Schuhe binden. Jedesmal erfahren die Kinder dabei etwas über sich, ihren Körper, ihre Umwelt, und jede dieser Erfahrungen fordert und fördert das Gehirn. Neu entstandene Verknüpfungen kann das Kind wiederum für neue Erlebnisse und Entdecken nutzen. Und so weiter.

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