https://www.faz.net/-gum-6rp8p

Die letzte Corrida : Todesstoß für den Stierkampf

  • -Aktualisiert am

Sekt statt Blut: Tierschützer feiern am Sonntag vor der Monumental Bild: AFP

Bei der letzten Corrida in Katalonien wurden die Toreros in der Arena in Barcelona noch einmal auf Händen und Schultern getragen. Gesiegt hat in Katalonien nicht die Tierliebe, sondern das antispanische Ressentiment. Es war ein politischer Tod.

          Die katalanischen Nationalisten (und die Tierschützer) haben gewonnen. Gemeinsam haben sie am Wochenende dem Stierkampf in Spanien den ersten regionalen Todesstoß versetzt. Es entbehrte nicht der Ironie und der Tränen, dass ausgerechnet ein katalanischer Torero am Sonntagabend in der Arena „La Monumental“ zu Barcelona bei der letzten Corrida vor dem Verbot das Licht löschte. Serafín Marín, ein erst 28 Jahre alter Matador, hatte in eigener Sache immer wieder den Lokalstolz und die historischen Wurzeln der Tauromachie zu verkörpern versucht. Kokett setzte er sich die rote katalanische „barretina“ auf und schwenkte die „senyera“, die rotgelbe Fahne. Nun, so sagte er, müsse er mit seinem Beruf „ins Exil“ gehen, nach Valencia, Saragossa oder Südfrankreich – wie auch die katalanischen „aficionados“.

          Doch am Wochenende wurden die Toreros in der dieses Mal ausverkauften letzten Arena Kataloniens noch einmal auf Händen und Schultern getragen. Am Samstag waren es Morante de la Puebla, El Juli und José María Manzanarez, über denen vor begeistertem Publikum ein Regen von Stierohren niederging. Am Sonntagabend gaben sich José Tomás, die moderne Legende der Furchtlosigkeit, Juan Mora und der einheimische Serafín Marín ihr Stelldichein. „Freiheit, Freiheit“ klang es von den Rängen, während zum Chagrin der Separatisten die katalanische Nationalhymne gespielt wurde.

          Ein politischer Tod

          In dem Kulturkampf der Symbole ist jedoch der Erfolg der Nationalisten, wie auch Serafín Marín eingestand, „kristallklar“. Denn gesiegt hat in Katalonien nicht die Tierliebe, sondern das antispanische Ressentiment. Die Tierschützer hatten zwar mit ihren schwachen Kräften ein Volksbegehren angestoßen. Aber erst als die regional-nationalistischen Parteien – die katalanischen Sozialisten mit gespaltener Zunge – die Sache zu der Ihren machten, gewann das Unternehmen Schwung. Im Juli 2010 stimmte das Parlament in Barcelona für ein Stierkampfverbot zum 1. Januar 2012. Damit starb die spanische „nationale Fiesta“ am nordöstlichen Mittelmeer einen politischen Tod. Und wer daran zweifelte, dass Heuchelei mit im Spiel war, der erhielt den Beleg sogleich dadurch, dass die „correbous“, eine im Vergleich mit der Corrida gewiss nicht weniger grausige Stierhatz bei katalanischen Volksfesten, als schützenswerte „Tradition“ ausdrücklich von den neuen Bestimmungen ausgenommen wurden. Auf dem Dorf darf man also den Toros weiter die Hörner anzünden, sie mit Knüppeln durch die Straßen prügeln und, wenn die Küste nah ist, auch ins Meer treiben.

          Der französische Torero Sebastien Castella im letzten Kampf auf katalanischem Boden

          Was das restliche Spanien als feindliche Geste empfindet, ist für viele Katalanen – die Stierkampffreunde im Ebro-Delta ausgenommen – ein Beweis moderner Eigenständigkeit und sogar gesellschaftlicher Überlegenheit. Denn nach 600 Jahren Corridas in Katalonien, davon nahezu ein Jahrhundert in der Monumental, war es mit dieser passionierten Freizeitgestaltung schon bergab gegangen. In Gerona und anderen Städten schlossen die Arenen mangels Interesse. Barcelona hielt sich, vor allem seit dem Comeback von José Tomas. Ohne ihn füllte sich die Plaza aber gewöhnlich nur noch zu einem Drittel mit Spaniern und Touristen, während jeder Popsänger am gleichen Ort leichtes Spiel hatte.

          Lukratives Geschäft

          Auch im übrigen Spanien tut sich im Zeichen der Wirtschaftskrise der Stierkampf immer schwerer. In drei Jahren ist die Zahl der Corridas um gut ein Drittel auf noch knapp 1700 zurückgegangen. Zwei Drittel aller Spanier sagen den Demoskopen, dass ihnen die „fiesta nacional“ einerlei sei. Das staatliche Fernsehen hat unter dem Einfluss der sozialistischen Regierung schon vor fünf Jahren abgeschaltet. Immerhin ist sie noch ein lukratives Geschäft für Toreros, Züchter und Impresarios trotz oft lausiger Stiere mit abgeschliffenen Hörnern.

          Die „aficionados“ und die politisch inkorrekte konservative Volkspartei erwägen noch eine Klage gegen das Verbot oder ein Moratoriumsbegehren. Aber daraus dürfte nicht viel werden. Vielmehr sind drei Dinge, wie Serafín Marín sagen würde, „kristallklar“: erstens, dass der Kopf seines letzten Stiers nicht auf dem Müllhaufen der Geschichte landen, sondern ausgestopft werden wird; zweitens, dass die katalanische Schule für Toreros sich außerhalb nach einer neuen Bleibe umsehen muss; drittens, dass der katalanische Eigentümer der Arena in Barcelona großzügig entschädigt werden muss, und zwar aus der Staatskasse.

          Weitere Themen

          Israels Botschafter sorgt sich wegen Antisemitismus Video-Seite öffnen

          Jeremy Issacharoff : Israels Botschafter sorgt sich wegen Antisemitismus

          Israels Botschafter in Deutschland, Jeremy Issacharoff, hat sich in einem Interview besorgt über einen zunehmenden Antisemitismus in Europa geäußert. Er unterstütze den Vorschlag von CDU-Chefin AKK für mehr Besuche von Schülern in Holocaust-Gedenkstätten, halte aber Besuche von Deutschen in Israel für genauso wichtig.

          Topmeldungen

          Der britische Öltanker Stena Impero wurde von den iranischen Revolutionsgarden beim Durchfahren der Straße von Hormuz beschlagnahmt.

          Nach Festsetzen von Tanker : Krise am Persischen Golf spitzt sich zu

          In der Straße von Hormus überschlagen sich die Ereignisse: Iran stoppt zwei britische Tanker, einer wird noch immer von Teheran festgehalten. Die Regierung in London droht mit Konsequenzen – und Washington schickt Verstärkung nach Saudi-Arabien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.