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40 Jahre nach dem Terrorherbst : Die „Landshut“ ist zurück in Deutschland

  • -Aktualisiert am

Vorsichtiger Transport: Die „Landshut“ 2017 bei ihrer Rückkehr nach Deutschland. Bild: SCHMIDT/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Die Lufthansa-Maschine „Landshut“ ist zurück nach Deutschland gebracht worden. Vor 40 Jahren hatten Terroristen das Flugzeug entführt und den Piloten erschossen. Jetzt soll die „Landshut“ in ein Museum – aber ein Konzept gibt es noch nicht.

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          Feuchter Nebel liegt über dem Bodenseeufer. Es ist Frühherbst. Auf dem Flughafen in Friedrichshafen stehen ein grüner Tieflader und zwei gelbe Lastkräne bereit: Im Dornier-Museum und hinter dem Flughafenzaun warten mehr als 2500 Bürger aus Friedrichshafen und Oberschwaben auf eine kostbare Fracht: Ein Frachtflugzeug vom Typ Antovov „AN 124“ soll in gut zwei Stunden landen, die Maschine hat die stark restaurierungsbedürftige Lufthansa-Boeing „Landshut“ am Bord, das Flugzeug, das im Oktober 1977 von einem palästinensischen Terrorkommando in Zusammenarbeit mit der RAF entführt und dann von der Eliteeinheit GSG9 im Mogadischu befreit werden musste.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte sich schon Anfang des Jahres für eine Rückführung der Maschine aus dem brasilianischen Fortaleza nach Deutschland eingesetzt. Gabriel hatte als Standort das Dornier-Museum in Friedrichshafen vorgeschlagen, fast alle Kommunalpolitiker in der Industriestadt am Bodensee fühlten sich bevormundet, was der Bundesaußenminister bestelle, müsse die Stadt nicht zwangsläufig bezahlen, hieß es, als über den Standort diskutiert wurde. Deshalb sind zum Bürgerfest und zur Überführung der Landshut nicht viele Politiker gekommen, zwei Gemeinderäte, der Landrat des Bodenseekreises und der Landtagsabgeordnete Claus Paal von der CDU. Friedrichshafens Oberbürgermeister Andreas Brand (parteilos) ließ sich entschuldigen, er habe leider „andere Termine“. Wer die Betriebskosten für den Unterhalt der noch zu errichtenden neuen Ausstellungshalle übernehmen soll, ist nämlich immer noch ungeklärt. Die Rede ist von 140.000 bis 200.000 Euro jährlich. Für die Halle gibt es auch noch keinen Bauantrag. Bei Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ist kürzlich ein Brief Gabriels eingegangen, in dem der Außenminister eine finanzielle Beteiligung des Landes
          in Millionenhöhe fordert.

          Zeitzeugen haben das Geschehen unterschiedlich verarbeitet

          Als die Antonov um 9.21 Uhr landet und sich zwanzig Minuten später der Rumpf hydraulisch öffnet und der verschrammte und grau gewordene Cockpitkopf der Boeing 737-200 zum Vorschein kommt, gehört der Moment den Zeitzeugen der schrecklichen Entführung: Jürgen Vietor, der Co-Pilot erklimmt fröhlich die Ladefläche, er flog die Maschine von Aden nach Mogadischu, nachdem die Terroristen den Piloten Jürgen Schumann ermordet hatten. Neben ihm steht Daniela Müll, ein Passagierin, damals 20 Jahre alt, die sich noch an jedes Detail der Entführung und vor allem den unglaublichen Gestank in der Boeing erinnert.

          Für das Gruppenbild mit Landshut steigen auch die ehemalige Stewardess Gabriele von Lutzau und der ehemalige GSG-9-Mann Aribert Martin auf die Hebebühne. Jeder der Zeitzeugen hat die Entführung anders verarbeitet: Daniela Müll schrieb zwei Bücher, Jürgen Vietor flog nach einer kurzen Pause bis zu seinem Ruhestand weiter Boeing-Maschinen, Gabriele von Lutzau zog sich ins Familienleben zurück und wurde Künstlerin. Aribert Martin hat vor allem „die Kameradschaft der GSG-9“ in guter Erinnerung, er machte viele Bergtouren gründete nach dem Abschied aus dem Polizeidienst ein Unternehmen.

          Drei Stunden dauert es, bis die stark beschädigte Landshut, der Korpus aus Aluminium ist stark korrodiert, aus der Antonov gerollt und auf den grünen Tieflader verladen ist. Auf einer Landesbahn wird sie noch einmal hin und her gefahren, damit die Zuschauer ordentliche
          Handy-Fotos machen können. Wie es nun weiter gehen wird mit dem Flugzeug, ist noch unklar: Am Samstagabend sollte es zunächst in den Hangar „Whisky“ gebracht werden, der kostet im Monat schon allein 6000 Euro Miete.

          Bevor mit der Restaurierung des Flugzeugs begonnen werden kann, muss Klarheit über die Museumskonzeption geschaffen werden: Wie soll das Flugzeug präsentiert werden? Soll es vollständig wieder hergestellt werden oder sollen in einem Teil der Maschine etwa historische Dokumente oder Filme gezeigt werden? Die Kulturbeauftragte der Bundesregierung, Monika Grütters (CDU), will schon bald einen wissenschaftlichen Beirat einsetzen, der eine Museumskonzeption erarbeiten soll. Der Beirat muss schnell entscheiden, denn jeder Tag, an dem das Flugzeug noch nicht restauriert werden kann, kostet viel Geld. „Wir werden das weiter drehen. Mich macht es stolz, dass wir  die Landshut nach Friedrichshafen geholt haben“, sagt Museumsdirektor David Dornier.

          Die Zeitzeugen Jürger Vietor, Diana Muell und Garbiele von Lutzau mit dem Museumsdirektor David Dornier (links).

          Der Landtagsabgeordnete Claus Paal will sich für eine dauerhafte Finanzierung einsetzen: „Der Terrorismus der RAF ist leider Teil der Landesgeschichte, deshalb sollte sich das Land hier auch engagieren.“ Ganz einfach wird das nicht, denn das Land kann Privatmuseen nicht dauerhaft fördern. Und viele Bürger in Friedrichshafen sind immer noch dauerhaft verstimmt darüber, dass Bundesaußenminister Gabriel und Museumsdirektor Dornier Pläne für die Landshut ausgeheckt haben, über die Oberbürgermeister Andreas Brand und fast alle Stadträte nur aus der Zeitung erfuhren.

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