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Freikirchen : Total close mit Gott

„Dass Jesus so attraktiv ist“: Die Gemeinde Hillsong-Church am Sonntag beim Gottesdienst Bild: Morten Freidel

Die Hillsong-Gemeinde in Konstanz steht für den Erfolg charismatischer Freikirchen. Ist der Glaube der evangelikalen Christen aber wirklich so frei und unverkrampft? Ein Erlebnisbericht.

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          Vor dem Gottesdienst ist vor dem Konzert: Jugendliche in Signalwesten weisen Autofahrer auf einem Schotterparkpatz ein, am Eingang der Fabrikhalle bildet sich eine Schlange, die bis auf die Straße reicht. Dahinter ein Schild aus gebürstetem Metall: „Welcome Home“. In der Vorhalle sitzen Menschen auf weiß gestrichenen Europaletten und trinken Cappuccino. „Gleich geht’s los“, sagt ein Mann mit verheißungsvollem Zwinkern.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Und dann kommt Pastor Jan Kohler auf die Bühne. Er sieht aus wie ein Rockstar: Lederjacke, Lederstiefel, enganliegende, schwarze Jeans. „Lasst uns Jesus einen großen Applaus geben!“ Hinter ihm leuchten blaue Neonröhren in die Dunkelheit, vor ihm die Augen der Besucher. Kohler durchmisst die Bühne mit langen Schritten. Er wolle heute von der Heilung des Gelähmten sprechen. Auf einer Leinwand erscheinen Verse aus dem Markus-Evangelium: Jesus war in die Stadt Kapernaum gekommen, und es versammelten sich so viele Menschen um ihn, dass sie nicht genug Platz hatten. „Das liebe ich“, sagt Kohler. „Jesus war da, und alle wussten es. Er hat keine Aufmerksamkeit gefordert, er bekam sie. Das ist das erste, was mir an der Geschichte aufgefallen ist: Dass Jesus so attraktiv ist.“ Es sei so ähnlich wie beim vergangenen Lady-Gaga Konzert: „Lady Gaga war in unserem Hotel, und alle wussten es.“ Es wissen an diesem Sonntagmorgen auch viele, dass Kohler hier ist. Etwa 300 Menschen sind gekommen, um am Gottesdienst der evangelischen Hillsong-Gemeinde in Konstanz teilzunehmen.

          Ursprünglich stammt Hillsong aus Sydney. Der Pfarrer Brian Houston gründete die Gemeinde 1983, in Australien hat sie mittlerweile 21.000 Mitglieder, und Houston ist so etwas wie ein Superstar. Es gibt Tochtergemeinden in London, Paris, New York, Moskau und eben in Konstanz. Bekannt ist Hillsong vor allem für seine Lobpreisungsbands, die Hillsong-United: Jugendliche, die mit Keyboard und Technobeats den Namen des Herrn loben. Die Alben von Hillsong schafften es bis in die Charts, ihre Musiker bis zur Solokarriere. Auf Youtube gibt es zahlreiche Videos von Young & Free, der Jugendgruppe von Hillsong: Mädchen laufen am Strand entlang, getaucht in cremefarbenes Licht. Männer fahren Skateboard. Am Ende springen alle in einen Pool.

          Emotionen stehen im Mittelpunkt

          Theologisch gehört Hillsong zur bedeutendsten Strömung der Pfingstbewegung, der charismatischen Bewegung. Die Charismatiker glauben an die Gaben des Heiligen Geistes. Dazu gehört zum Beispiel Weisheit, Glaubenskraft, aber auch die Fähigkeit zur Wunderheilung. Sie legen Wert auf die wortgetreue Auslegung des Neuen Testaments und auf einen Gottesdienst, in dem christlicher Glaube zur spirituellen Erfahrung wird. Fachleute bezeichnen das als „enthusiastisches Christentum“. Es soll um Emotionen gehen, nicht um staubtrockene Liturgie.

          In den vergangenen Jahren wuchs die Zahl der Charismatiker rapide, nun hat dieser Trend auch auf Deutschland übergegriffen. Pastor Kohler zeigt, was das heißt: Damals, als Jesus in einem Haus in Kapernaum gepredigt habe, sagt er, sei es gewesen wie in einer chinesischen U-Bahn. „Keiner passt mehr rein, aber es wird immer noch jemand nachgeschoben.“ Kohler läuft jetzt über die Bühne wie der ehemalige Microsoft-Chef Steve Ballmer, kerzengerade, voller Energie, die Arme geöffnet als hielte er eine Rede vor Aktionären. „Wenn Jesus am Start war“, sagt Kohler, „sah es danach so aus wie heute nach einer Facebook-Party: Das Haus ist kaputt.“

          Nach dem Markus-Evangelium geht die weitere Geschichte in etwa so: Ein Gelähmter wollte Jesus Predigt ebenfalls miterleben, weil aber kein Platz mehr in dem Haus war, deckten seine Freunde das Dach ab und ließen ihn an einem Seil herunter. „Ein göttlicher Dachschaden“, sagt Kohler. Er erzählt eine Anekdote: Einmal habe seine Schwester auf eine Party gehen wollen. Ihr Vater habe das allerdings verboten und ihr Zimmer abgeschlossen. Also sprang sie vom Balkon aufs Garagendach. Das sei die zentrale Botschaft: „Es gibt immer ein Dach, über das du gehen kannst. Selbst wenn die Tür geschlossen ist: Es ist noch lange nicht vorbei.“ „Genau!“, ruft jemand. „Bist Du bereit, über’s Dach zu gehen?!“

          Weniger verkopft

          Es geht dann noch um eine Geschichte, in der eine Michael-Jordan-Karte von Panini irgendeine zentrale Rolle spielt und darum, dass Jesus immer „die Hauptsache hat Hauptsache sein lassen“. Noch während Kohler spricht, fadet Musik ein. Auf der Leinwand erscheint ein Stroboskoplichttunnel, Kohler wird von Musikern verschluckt, die plötzlich die Bühne betreten. Orangefarbenes Licht flutet den Saal. Junge Menschen, die aussehen als seien sie direkt aus Berlin nach Konstanz gebeamt worden, springen von ihren Stühlen auf; ein Mann mit schmerzverzerrten Gesicht schließt die Augen. In der Luft hängt der Geruch von Schweiß und künstlichem Nebel.

          Ist das alles völlig harmlos? Ist der herkömmliche Gottesdienst nur zu kalt geworden, zu verkopft? Ein Seelsorger, der sich seit vier Jahren bei Hillsong engagiert, sagt: „In unserer heutigen Zeit ist Gott nicht oft gegenwärtig.“ In seiner ursprünglichen Gemeinde habe er sich nie wohl gefühlt. „Ich wusste nicht, ob mir der Pfarrer überhaupt zuhört. Es geht aber um Intimität, nicht um Professionalität. Hier habe ich einen Gott gefunden, in dessen Schoß ich mich setzen und zu dem ich ‚Papi‘ sagen kann.“ Er empfiehlt den Bibel- oder den Paarkurs. „Da werden euch Dinge wie Finanzen, Sexualität und Ehe gemäß der Bibel erläutert.“ Ob der junge Mann mit James-Dean-Frisur einige Meter weiter die Kurse besucht, ist nicht klar, in jedem Fall sei er hier „total close mit Gott geworden“. Über die katholische Kirche sagt er: „Man sieht, wie Dogmen über die Leute gestülpt werden, wie unfrei sie sind. Ich möchte nicht durch Regeln oder meine Handlungen zu Gott finden, sondern durch die Gnade von Jesus Christus.“

          Ratio und Spiritualität vermitteln

          In gewisser Weise predigt Hillsong nur den alten Glauben in neuem Gewand: professioneller, choreographierter, unter Ausreizung aller technischen Möglichkeiten. Hostie und Wein werden eingetauscht gegen Cappuccino und Techno. Aber er ist auch fundamentaler. Da er sich auf das „Sola-scriptura“-Prinzip stützt, wonach die Heilsbotschaft ausreichend durch die Bibel vermittelt wird und keine kirchliche Ergänzung braucht, gelten traditionelle Familien- und Ehevorstellungen. Als Kohler in seiner Predigt ganz nebenbei sagt, dass er und seine Freundin in getrennten Zimmern schliefen, weil Sex in die Ehe gehöre, donnert Applaus durch die Halle.

          Wie frei aber ist das? Gibt es inmitten der emotionalen Entfesselung noch Raum für Skepsis? Vor etwa einem Jahr veröffentlichte Beatrice von Weizsäcker ein Buch mit dem Titel „Ist da jemand? Gott und meine Zweifel“. Es ist die intellektuelle Umkreisung eines Gegenstands, der sich dem Verstand entzieht. Trotzdem bekennt sich Weizsäcker schließlich zu einem Glauben, in dem sich Ratio und Spiritualität nicht ausschließen. Zu einem Glauben in der Tradition der Aufklärung.

          Jan Kohler sagt: „Lasst euch nicht auffressen vom ganzen Zynismus.“ Er ist am Ende angelangt, jetzt soll es darum gehen, noch ein paar Mitglieder zu missionieren. „Jesus“, sagt Kohler, „hat all deine Schuld, all deine Fehler ans Kreuz genagelt. Es ist ein Geschenk der Gnade. Hast Du dieses Geschenk schon angenommen? Du kannst heute morgen sagen: Yes, das nehme ich an. Du hast heute Abend die Möglichkeit, verändert nach Hause zu gehen.“ Er werde jetzt die Augen schließen und bitte die Gemeinde, das gleiche zu tun. Dann werde er bis drei zählen. Und dann könnten alle, die Jesus in ihr Leben lassen wollten, die Hand heben, jeder für sich. „Eins, zwei, drei – ah, dahinten ist einer!“

          In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Bibel sei nach dem „Sola-scriptura“-Prinzip wörtlich zu nehmen. Das „Sola-Scriptura“-Prinzip besagt aber lediglich, dass die Heilsbotschaft ausreichend durch die Bibel vermittelt wird und keiner kirchlichen Ergänzung bedarf. Wir haben das inzwischen korrigiert.

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