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Freikirchen : Total close mit Gott

Weniger verkopft

Es geht dann noch um eine Geschichte, in der eine Michael-Jordan-Karte von Panini irgendeine zentrale Rolle spielt und darum, dass Jesus immer „die Hauptsache hat Hauptsache sein lassen“. Noch während Kohler spricht, fadet Musik ein. Auf der Leinwand erscheint ein Stroboskoplichttunnel, Kohler wird von Musikern verschluckt, die plötzlich die Bühne betreten. Orangefarbenes Licht flutet den Saal. Junge Menschen, die aussehen als seien sie direkt aus Berlin nach Konstanz gebeamt worden, springen von ihren Stühlen auf; ein Mann mit schmerzverzerrten Gesicht schließt die Augen. In der Luft hängt der Geruch von Schweiß und künstlichem Nebel.

Ist das alles völlig harmlos? Ist der herkömmliche Gottesdienst nur zu kalt geworden, zu verkopft? Ein Seelsorger, der sich seit vier Jahren bei Hillsong engagiert, sagt: „In unserer heutigen Zeit ist Gott nicht oft gegenwärtig.“ In seiner ursprünglichen Gemeinde habe er sich nie wohl gefühlt. „Ich wusste nicht, ob mir der Pfarrer überhaupt zuhört. Es geht aber um Intimität, nicht um Professionalität. Hier habe ich einen Gott gefunden, in dessen Schoß ich mich setzen und zu dem ich ‚Papi‘ sagen kann.“ Er empfiehlt den Bibel- oder den Paarkurs. „Da werden euch Dinge wie Finanzen, Sexualität und Ehe gemäß der Bibel erläutert.“ Ob der junge Mann mit James-Dean-Frisur einige Meter weiter die Kurse besucht, ist nicht klar, in jedem Fall sei er hier „total close mit Gott geworden“. Über die katholische Kirche sagt er: „Man sieht, wie Dogmen über die Leute gestülpt werden, wie unfrei sie sind. Ich möchte nicht durch Regeln oder meine Handlungen zu Gott finden, sondern durch die Gnade von Jesus Christus.“

Ratio und Spiritualität vermitteln

In gewisser Weise predigt Hillsong nur den alten Glauben in neuem Gewand: professioneller, choreographierter, unter Ausreizung aller technischen Möglichkeiten. Hostie und Wein werden eingetauscht gegen Cappuccino und Techno. Aber er ist auch fundamentaler. Da er sich auf das „Sola-scriptura“-Prinzip stützt, wonach die Heilsbotschaft ausreichend durch die Bibel vermittelt wird und keine kirchliche Ergänzung braucht, gelten traditionelle Familien- und Ehevorstellungen. Als Kohler in seiner Predigt ganz nebenbei sagt, dass er und seine Freundin in getrennten Zimmern schliefen, weil Sex in die Ehe gehöre, donnert Applaus durch die Halle.

Wie frei aber ist das? Gibt es inmitten der emotionalen Entfesselung noch Raum für Skepsis? Vor etwa einem Jahr veröffentlichte Beatrice von Weizsäcker ein Buch mit dem Titel „Ist da jemand? Gott und meine Zweifel“. Es ist die intellektuelle Umkreisung eines Gegenstands, der sich dem Verstand entzieht. Trotzdem bekennt sich Weizsäcker schließlich zu einem Glauben, in dem sich Ratio und Spiritualität nicht ausschließen. Zu einem Glauben in der Tradition der Aufklärung.

Jan Kohler sagt: „Lasst euch nicht auffressen vom ganzen Zynismus.“ Er ist am Ende angelangt, jetzt soll es darum gehen, noch ein paar Mitglieder zu missionieren. „Jesus“, sagt Kohler, „hat all deine Schuld, all deine Fehler ans Kreuz genagelt. Es ist ein Geschenk der Gnade. Hast Du dieses Geschenk schon angenommen? Du kannst heute morgen sagen: Yes, das nehme ich an. Du hast heute Abend die Möglichkeit, verändert nach Hause zu gehen.“ Er werde jetzt die Augen schließen und bitte die Gemeinde, das gleiche zu tun. Dann werde er bis drei zählen. Und dann könnten alle, die Jesus in ihr Leben lassen wollten, die Hand heben, jeder für sich. „Eins, zwei, drei – ah, dahinten ist einer!“

In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Bibel sei nach dem „Sola-scriptura“-Prinzip wörtlich zu nehmen. Das „Sola-Scriptura“-Prinzip besagt aber lediglich, dass die Heilsbotschaft ausreichend durch die Bibel vermittelt wird und keiner kirchlichen Ergänzung bedarf. Wir haben das inzwischen korrigiert.

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