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Die Grenzgänger

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© Picture-Alliance

Vom Westen in den Osten oder umgekehrt: Acht Menschen erzählen, warum sie nach dem Mauerfall in den anderen Teil Deutschlands zogen – und wie die Wendejahre ihr Leben veränderten.
Zusammengetragen und protokolliert von Claus Peter Müller, Rüdiger Soldt, und Frank Pergande.

Kathrin Balkenhol, geboren 1980 in Bad Langensalza, fuhr zwei Tage nach der Maueröffnung mit ihrer Familie zum ersten Mal in den Westen. Im Herbst 1997 verließ sie Thüringen, um in Kassel zu studieren – wo die Künstlerin und Lehrerin auch heute lebt.

Bad LangensalzaKassel 11.11.1989: Wir fahren in den Westen: Wir Kinder – ich bin neun, meine Schwester ist sechs Jahre alt – sitzen in der guten Sonntagshose auf dem Rücksitz unseres froschgrünen Trabants. Der Vater ungewohnt nackt im Gesicht, hatte er sich doch noch den Vollbart abgenommen, um seinem Foto im Reisepass zu ähneln. Die Mutter nestelnd an ihrem Taschentuch, wieder und wieder verstohlenes Abtupfen der Tränen. Grenzenlose Freude über die überraschend verkündete Reisefreiheit am Grenzübergang bei Wanfried/Eschwege. Ein bis dahin unbekannter Ort, der, obgleich nur einige Kilometer von uns in Bad Langensalza entfernt, zu einer anderen Welt gehörte. Eine Frau, die gerade die Eingangstreppe vor der Tür putzt, reißt angesichts unseres Trabis den Scheuerlappen nach oben und winkt uns überschwänglich zu.

Die Euphorie der Tage war wie eine Insel im Meer des Flüstertons, den die Erwachsenen im Strom der täglich sich überwälzenden Nachrichten anschlugen. Sprachlosigkeit angesichts der politischen Turbulenzen, Taumeln zwischen Hoffnung und lebensgeschichtlicher Enttäuschung. Die Beklemmungen und Ängste der Erwachsenen sind – trotz ihres Leugnens – für uns Kinder spürbar. Wir reagieren hilflos angesichts der radikalen Veränderung unserer Lebenssituation.

Kathrin Balkenhol als Jungpionierin mit rotem Halstuch © Privat

Ein Gegenbesuch aus dem Westen steht an. Die Kinder staunen, dass wir Gläser in den Fenstern und Türen in den Häusern haben. Wenige Monate später packen meine Schwester und ich verschämt unsere Pionierhalstücher, Abzeichen und Ausweise, mit denen wir stolz Vater Staat, Schule und Elternhaus ehrten, in Erinnerungskisten, werden sie doch zu Zeichen unserer Komplizenschaft mit einem totalitären Staat. Hatten wir beim Altstoffsammeln in der DDR noch das warme Wir-Gefühl hochleben lassen, traute sich nun keiner mehr nur zu denken, dass mit dem Wort »mein« tatsächlich alle gemeint sein könnten. Die anstehende Klassenfahrt wurde abgesagt, brauchte ich doch eine neue Brille, deren Kosten die Haushaltskasse über alle Maßen strapazierte.


Die Existenzängste wuchsen mit dem Ausverkauf unseres Landes in den orientierungslosen Jahren. Der Betrieb, in dem mein Vater arbeitete, wurde an westliche Investoren verkauft, doch diese hatten weder eine Idee zum, noch Interesse am Erhalt der Firma. Das ging so weit, dass nicht einmal die Toilette repariert wurde. Es zogen Jahre ins Land, bis klar war, was mit den Angestellten und der Toilette passieren sollte.

 Offenbar wurden aber auch die mangelnde Eigeninitiative der Ostdeutschen und die Auswanderung derer, die zuversichtlich sein wollten.

Neue Heimat Hessen: Kathrin Balkenhol heute © Privat

Als 17-Jährige bin auch ich zum Studium in den Westen gegangen, grenznah nach Kassel an die hiesige Kunsthochschule. Die Legitimationskrise meiner zerfallenen Heimat wurde hier immer wieder mit der Frage nach der Herkunft heraufbeschworen. Bin ich gegenläufig zur Nostalgiewelle zunächst in den Westen geschwappt, und hatte ich dort den »Ossistatus« anfangs noch flammend und beschönigend gegen die Arroganz westdeutscher Vorurteile und das Gefühl, mich dafür schämen zu müssen, verteidigt, verlor ich mehr und mehr die Geduld, mich wieder und wieder für meinen innerdeutschen Migrantenstatus rechtfertigen zu müssen. Überdruss auch angesichts des Wettstreits zwischen Ost und West um den Status »Wer ist schlechter dran?«. Zunehmend missfiel mir die nostalgische Larmoyanz und die unbestimmte Sehnsucht angesichts der Trümmer der ehemaligen DDR, die mir »Wahl-Wessi« nun von Seiten der Ostdeutschen entgegenschlugen.

Mittlerweile lebe ich ebenso lang im Westen, wie ich im Osten gelebt hatte. Die Stadt Kassel, ehemals dicht am Zonenrand und nun mitten in Deutschland, ist für meinen Mann – aus Hessen – wie mich zur Heimat geworden. Er hat hier ein Atelier, ich unterrichte an einem Gymnasium. Fahre ich über die ehemalige innerdeutsche Grenze – hin wie her – habe ich es mir zum Ritual gemacht, den Osten wie den Westen mit einem kurzen Hupen im Auto zu begrüßen, denn ich empfinde mit beiden Teilen Deutschlands eine partielle Verbundenheit. Und gerade dieses Hin- und Her, der Wechsel der Perspektive ist es, was mich – noch immer – die gegenseitige Enttäuschung spüren lässt.    Kathrin Balkenhol

Jetzt sind die Trabis bunt: Balkenhol (r.) ca. 1994 © Privat

Wolfgang Schluchter, geboren 1938 in Heidelberg, Soziologe und Max-Weber-Fachmann, lehrte in Düsseldorf und Heidelberg. Nach der Wende baute er die Universitäten Leipzig und Erfurt neu auf.

HeidelbergLeipzig Ich kam im April 1991 als Gründungsdekan an die Universität Leipzig, da war die DDR noch quicklebendig. Die Menschen, die ich dort traf, befanden sich, nachdem nach Mauerfall und Beitritt der Alltag eingekehrt war, in einer Art Schockstarre, sie waren häufig orientierungslos. Die alten Lebensgewohnheiten passten nicht mehr in die neue Zeit und neue waren noch nicht erlernt. Unsere Aufgabe war es, aus der Sektion Wissenschaftlicher Kommunismus, an der Lehrer für das Fach Marxismus-Leninismus ausgebildet worden waren und die auch eine kleine Abteilung für Soziologie hatte, zwei Fächer nach westlichem Muster einzurichten. Das waren Politische Wissenschaft und Soziologie. Die prominenten SED-Kader dieser Sektion waren schon entlassen, als ich nach Leipzig kam, es gab aber noch einen umfänglichen Mittelbau. Wegen des neuen Stellenpegels konnten nicht alle bleiben, und diejenigen, die bleiben konnten, hatten ihre Stelle nur auf Zeit.

Wolfgang Schluchter entdeckte im Hochschulsystem der DDR auch Erhaltenswertes. © Privat
Es war ein Neubeginn durch Anpassung. Wegen des Zeitdrucks gab es keine Alternative zur Verwestlichung der Einrichtungen. Es musste erst das westdeutsche Modell auf die ostdeutschen Verhältnisse übertragen werden, bevor man sich an die Reform des dann gesamtdeutschen Wissenschaftssystems machen konnte. Leider sind die Reformen dann nicht in dem Umfang erfolgt, wie es wünschenswert gewesen wäre. Es gab auch gute Elemente im Hochschulsystem der DDR, etwa die Ausbildung der Doktoranden. Man hat später mit den Graduiertenkollegs etwas geschaffen, was es in ähnlicher Form in der DDR schon gegeben hatte.

Die Gründung der Universität Erfurt, an der ich zusammen mit Peter Glotz und Dieter Langewiesche von 1997 bis 2002 beteiligt war, nämlich als Gründungsdekan des Max Weber-Kollegs und der Staatswissenschaftlichen Fakultät , war dann etwas völlig anderes. Es war eine Gründung auf der grünen Wiese. Ein „Harvard an der Gera“, wie Glotz es wollte, ist daraus allerdings nicht geworden, aber doch eine sehr ansehnliche wissenschaftliche Einrichtung. Als ein an Max Weber geschulter Soziologe achtet man auf das Funktionieren von Institutionen und freut sich, welche bilden zu können. Aber - sie zu analysieren und sie zu bilden ist zweierlei.    Wolfgang Schluchter

Kerstin Staudtmeister, geboren 1967 im Kreis Bad Salzungen (Thüringen), passierte die Grenze nach Hessen am 12. November 1989 zum ersten Mal - und danach ungezählte Male. Seit 2009 ist sie in Philippsthal (Hessen) Ausbildungsleiterin beim Bergbauunternehmen K+S Kali.

Bad SalzungenPhilippsthal Ich arbeite in Hessen - in Philippsthal, habe eine tolle Stelle als Leiterin der Ausbildung im Werk Werra der K+S KALI GmbH in einem tollen Unternehmen mit 320 Auszubildenden und 33 Ausbildern. Und jeden Morgen fahre ich zehn Kilometer entlang der Werra von Kieselbach in Thüringen aus dorthin. Neulich wurde ein weißer Strich quer zur Fahrbahn gezogen, vermutlich weil am 9. November hier die Regierungen von Hessen und Thüringen den Mauerfall vor 25 Jahren feiern werden. Hier war die Grenze, dachte ich, und fühlte Gänsehaut von Kopf bis Fuß. Ein Kribbeln zog durch meinen ganzen Körper, und ich fragte mich: Was wäre, wenn die Grenze nicht aufgegangen wäre?

Kerstin Staudtmeister und ihr Mann Andreas im Jahr 1987 © Privat

Mein Mann und ich waren damals 22 Jahre alt, mein Mann Industriemechaniker und ich Elementarpädagogin mit Studienabschluss. Unser Sohn Philip war drei Jahre alt. Ohne Helm saß er auf unserer 125er MZ zwischen uns. Wir bewohnten eine Drei-Raum-Wohnung in einer kleinen Platte in Merkers mit 70 Quadratmeter und einem modernen Braunkohleofen. Unsere Möbel waren eigentlich nur Sperrmüll. Doch wir waren glücklich.

Als die Sachsen damals in Leipzig und Dresden nach der Öffnung der Grenze riefen, fragten wir uns, was fordern diese Leute da? Denn die empfingen kein Westfernsehen und kannten ja die Grenze nicht, mit den Minen, den Selbstschussanlagen und dem Todesstreifen. Wir wären nie auf die Idee gekommen, durch diese Grenze zu gehen, denn wir wussten, das war der sichere Tod. Ich glaubte an Gorbatschow und daran, dass sich das System verändern wird. Es war schlimm, dass man mich zweimal zum weiteren Studium nichtzugelassen hatte, weil ich es ablehnte, in die Partei zu gehen. Die Partei, das war die SED.

Die Anspannung wuchs. Am 25. September 1989 bekam ich zu meinem Geburtstag mein erstes Westpaket von meinem Bruder, der über Ungarn nach Bonn ausgereist war. Er hatte mir lauter Sachen aus dem Aldi geschickt, und es roch alles so gut. Er schrieb mir: „Meine liebe Schwester, ich weiß nicht, wann wir uns wiedersehen.“ Da habe ich geheult.

Am 9. November war klar, es wird etwas passieren. Als wir Karneval feierten, hieß es abends nach 22 Uhr: In Oberzella ist die Grenze auf, und ein Drittel aus dem Saal war weg. Wir fuhren erst am nächsten Tag mit den Nachbarn nach Philippsthal in Hessen. Alle Straßen waren verstopft und ich war so erstaunt, weil es nicht wirklich anders aussah als bei uns. Gar keine schicken West-Geschäfte direkt hinterm Zaun.

Dann begann eine ganz rechtlose, eine ganz aufregende Zeit. Für die, die jung waren und voller Kraft, war das nicht schlimm, dass alles zusammenbrach. Aber für die Generation um die 50 war es schwer, mit allem umzugehen. Auch mit dieser neuen Freiheit.

Wir aber hatten uns damals von Verwandten Begrüßungsgeld geliehen und kauften uns für 600 Mark in Frankfurt einen silbergraublauen Mazda. Die Verkäuferin schenkte uns eine Tüte Süßigkeiten für unseren Sohn dazu, und mein Mann fuhr das Auto ohne Zulassung und Versicherung nach Hause. Der Grenzsoldat winkte ihn durch. Dass so etwas möglich sein sollte, und das mitten in Deutschland!

Die Familie im Wendejahr 1989 © Privat

Mein Mann, er arbeitete wie schon mein Urgroßvater, mein Großvater und meine Eltern auf einem Kalischacht, wurde arbeitslos, aber er fand eine neue Arbeit als Paketfahrer, und ich war schwanger mit meiner Tochter Elisabeth. Alle fragten: „Wer kriegt denn zu so´ner Zeit ´nen Kind?“ Ich entgegnete: „Ja und? Dann geht’s weiter!“

Ich wollte weiter studieren. Sozialpädagogik. Nach Kassel wollte ich nicht. Das war zu weit weg. Die Fachhochschule Fulda erkannte mein Fachabi nicht an. In Erfurt begann ich eine Weiterbildung zur Sozialarbeiterin, arbeitete als Schulsozialarbeiterin in Bad Salzungen, studierte dann berufsbegleitend in Jena Sozialpädagogik mit Diplomabschluss. Es war toll, wie die Kinder aufwuchsen, und ich die Themen aus der Familie, aus dem Beruf und aus dem Arbeitsleben meines Mannes miteinander mit meinem neuen Wissen verknüpfen konnte. Ich machte noch eine Ausbildung in Mediation, leitete ein Wohnheim für geistig Behinderte und studierte von 2006 bis 2008 Supervision und Organisationsberatung in Hannover. Mein Mann glaubte es nicht, dass man das jemals brauchte, was ich da lernte. Für mich aber war es mein größtes Lerngeschenk, das ich je erleben durfte. Zugleich hatte ich noch nie so viel Konkurrenz erlebt wie dort unter den Studenten. Ja, und dann habe ich mein eigenes kleines Unternehmen für Coaching, Organisationsberatung und Supervision gegründet, bevor ich mich um die Stelle als Ausbildungsleiterin bei K+S beworben habe.

Ich liebe die Herausforderung, und ich liebe die Menschen. Wir haben in den letzten Jahren so viel erreicht. Aus vier Ausbildungseinheiten im Werk Werra haben wir eine gemacht - ein echt gelungenes Changeprojekt. Das ist das, was mich beflügelt. Und abends habe ich noch meine kleine Firma. Die Kinder sagen immer, ich arbeitete zuviel. Aber anderen auf den Weg zu helfen, das ist für mich keine Arbeit.

Mein Mann ist für ein Maschinenbauunternehmen tätig. Im Osten will er nicht mehr arbeiten. Er ist sehr stolz auf mich. Und beide fahren wir noch immer Motorrad. Unser Philip ist 28 Jahre alt und Krankenpfleger in der Notaufnahme in Bamberg. Unsere Elisabeth studiert Lehramt für Sozialpädagogik und Sozialkunde in Bamberg. Sie hat sich, mit 24 Jahren und vor Abschluss des Studiums, für ein Kind entschieden. Es ist unvorstellbar, wenn diese 25 Jahre nicht gewesen wären. Was ich bin, bin ich durch diese 25 Jahre.    Kerstin Staudtmeister

Staudtmeister auf einer Kali-Abraumhalde. Ihr Arbeitgeber K+S gehört zu den weltweit größten Konzernen im Salzgeschäft. © Privat

Eberhard Stilz, geboren 1949 in Kleinbottwar, war Richter in Tübingen und im baden-württembergischen Justizministerium tätig. Nach dem Mauerfall baute er die Justiz in Sachsen mit auf. Später wurde er Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht in Stuttgart. Heute ist er Präsident des dortigen Staatsgerichtshofs.

StuttgartDresden Als ich in das damalige Beitrittsgebiet ging, war der Einheitsvertrag noch nicht fertig. Das war im Juli 1990. Wahrscheinlich war ich der erste Beamte aus Baden-Württemberg, der in die Regierungsbezirke Dresden, Leipzig und Chemnitz entsandt wurde. Es gab noch keine neuen Institutionen, sondern unter der Decke noch alte Machtstrukturen. Ich war der Gruppe der Zwanzig um Arnold Vaatz und Steffen Heitmann zugeordnet. Wir sollten versuchen, eine neue Struktur für ein künftiges Bundesland Sachsen aufzubauen – gegen den bestehenden Apparat, der das parallel, aber letztlich erfolglos auch versuchte. Zudem wollten wir verhindern, dass ein Mann aus der alten Block-CDU, Klaus Reichenbach, erster sächsischer Ministerpräsident wurde. Das war ein steiniger Weg, aber wir waren glücklich, als in letzter Minute Kurt Biedenkopf nominiert wurde.

Stilz 2013 in der Universität Tübingen. Von Hans Küng übernahm er das Präsidentenamt in der Stiftung Weltethos. © © Picture-Alliance

Ich wollte eigentlich nur ein paar Wochen bleiben, es wurden dann zweieinhalb Jahre. Im Oktober wurde ich als erster Staatssekretär im neuen Freistaat berufen, und zwar im sächsischen Justizministerium. Aus heutiger Sicht ist damals vieles richtig, aber selbstverständlich auch viel falsch gemacht worden. Grundlegend richtig war es, keine Doppelstrukturen aufzubauen und staatsrechtlich keine getrennten Wege zu gehen. Dagegen war der Westen wie der Osten zu ungeduldig. Es wurde ja schon in dramatischer Verkennung der Gegebenheiten nach einem Jahr gefragt: ‚Wie lange sollen wir Euch da drüben denn noch helfen?‘. Ich habe versucht zu überzeugen, dass es eines sehr langen Atems bedürfe, wenn wir nicht wollten, dass die neuen Länder ein deutsches Mezzogiorno werden. Aus dem Westen waren auch viele Glücksritter unterwegs, gerade in der Wirtschaft. So wurden Vorbehalte vertieft oder auch erst geschaffen. Trotz vieler Fehler: Unter dem Strich halte ich die deutsche Wiedervereinigung für eine große Leistung von Menschen und Politik im Westen wie im Osten, und ich bin besonders glücklich darüber, wie sich der Freistaat Sachsen entwickelt hat.    Eberhard Stilz

Eberhard Stilz (4 v.l.) mit seinen beisitzenden Richtern des Staatsgerichtshofs 2007 im Oberlandesgericht Stuttgart. © © Picture-Alliance

Sibylle Günter, geboren 1964 in Rostock, ging 1996 an das Institut für Plasmaforschung in Garching, dessen wissenschaftliche Leiterin sie inzwischen ist.

RostockGarching Ich hielt mich eigentlich schon für zu alt, um noch einmal ganz neu anzufangen, nachdem ich bereits acht Jahre nach dem Studium wissenschaftlich gearbeitet hatte. Aber der Ruf, der mich aus dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik ereilte, war zu reizvoll. Der Wissenschaft wegen, aber auch weil dort eine feste Stelle in Aussicht stand. So zog ich mit meiner Familie aus meiner Heimatstadt Rostock nach Garching und wurde Bayerin.

Ich war 32 Jahre alt und stellte rasch fest, dass das für eine Wissenschaftslaufbahn im Westen als jung galt. Vier Jahre später wurde ich Direktorin am Institut, die jüngste in der Max-Planck-Gesellschaft überhaupt. Seit 2011 bin ich die wissenschaftliche Direktorin des Instituts. Verantwortlich für 1100 Mitarbeiter, zwei international vielbeachtete Projekte aus der Grundlagenforschung und zwei Standorte, Garching bei München und Greifswald in Vorpommern.

1987 war ich mit meinem Physikstudium in Rostock fertig. Meine Doktorarbeit habe ich einen Tag nach der deutschen Einheit verteidigt, also am 4. Oktober 1990. So ein Datum vergisst man nicht mehr. Die Habilitation war 1996 fertig, die Aussichten auf Karriere damals in der Umbruchzeit ungewiss. Da kam die Einladung aus Garching.

Gerade als wir unser Haus in Rostock fertig hatten. Zwar habe ich mich als theoretische Physikerin schon immer mit Plasmaphysik beschäftigt, aber Plasmaphysik an sich ist ein weites Feld. Für mich war neu, worum es in Garching und Greifswald geht: Fusionsforschung, die Erzeugung von Energie nach dem Beispiel der Sonne, vielleicht die Zukunft unserer Energieversorgung. So kommt es, dass ich zwischen so unterschiedlichen Welten wie Bayern und Vorpommern pendle.    Sibylle Günter

Sibylle Günter pendelt zwischen Bayern und Vorpommern. © Silke Winkler

Birgit Hesse, geboren 1975 in Elmshorn, ging nach ihrem Jurastudium 2002 als Polizistin nach Mecklenburg-Vorpommern und ist seit Januar dort SPD-Sozialministerin.

ElmshornSchwerin Ein paar Wochen nach dem Mauerfall fuhren meine Eltern mit mir nach Schwerin. Wir wohnten in Elmshorn in Schleswig-Holstein. Ich war fünfzehn Jahre alt und erinnere mich nur an das Grau überall und dass der Weg zum Schloss nicht gepflastert war. Das war meine erste Begegnung mit der Stadt. Wer hätte gedacht, dass eine zweite folgen würde: Als ich nach meinem Jurastudium zur Polizei wollte.

Birgit Hesse zur Wendezeit – damals ist sie vierzehn. © Privat
Mecklenburg-Vorpommern bot eine solche Seiteneinsteiger-Möglichkeit für den Höheren Dienst an. Das Vorstellungsgespräch war im Turmzimmer des Arsenals, dem Schweriner Innenministerium. Es klappte. Ich kam zuerst als Revierleiterin nach Wismar. Eine tolle Zeit, auch wenn meine Kollegen erst schluckten: eine junge Frau aus dem Westen als Chefin. Später wechselte ich ins Innenministerium. Mich sprach der damalige CDU-Landtagsabgeordnete Ulrich Born an, ob ich nicht zweite Beigeordnete im Landkreis Nordwestmecklenburg werden wollte.

Ich wollte, neue Aufgaben haben mich immer schon gereizt. Und als kurz darauf ein neuer Landrat gewählt wurde, kandidierte ich erfolgreich für die SPD – ausgerechnet gegen Ulrich Born. Ich war gerade Mutter geworden, was es nicht einfacher machte.

Januar 2014: Hesse wird im Landtag in Schwerin als neue Sozialministerin vereidigt. © © Picture-Alliance

Ende des vergangenen Jahres fragte mich mein Parteivorsitzender Erwin Sellering, der Ministerpräsident, ob ich das Sozialministerium übernehmen würde – als Nachfolgerin von Manuela Schwesig. Wie hätte ich da nein sagen können. Mecklenburg-Vorpommern ist mir längst zur Heimat geworden. Und wenn meine Tochter abends erzählt, in der Kita habe es mittags Bratklops gegeben, weiß ich inzwischen, dass im Osten die Frikadelle so heißt.    Birgit Hesse

Oktober 2014: Birgit Hesse besucht eine Kindertagesstätte in Schwerin. © © Picture-Alliance

Matthias Krieger, geboren 1962 in Mühlhausen, wuchs in Dingelstädt im Eichsfeld auf. Er schloss sein Studium als Bauingenieur 1989 in Weimar ab und zog 1990 nach Kassel. Seit 1992 ist er geschäftsführender Gesellschafter des Bauunternehmens Krieger + Schramm.

ErfurtKassel Ich hatte in meinem Leben zweimal Glück. 1982 lernte ich meine Frau kennen, 1989 erhielten wir die Freiheit. Mehr als die Hälfte meines Lebens verbrachte ich in Unfreiheit, konnte aber meinen persönlichen Traum leben. Ich wollte als Jugendlicher Olympiasieger im Eisschnelllauf werden. Dafür trainierte ich hart. Je mehr Schweiß ich dafür gab, umso näher kam ich meinem Ziel. Ich habe dem Sport viel zu verdanken: Leidenschaft, Willenskraft, Durchhaltevermögen, Ziele setzen und diese umsetzen.

Krieger 1992 beim ersten Auftrag seiner eigenen Baufirma. © Privat

Ich habe sehr früh mit dem Sport begonnen.1975 bin ich mit der siebten Klasse nach Erfurt auf die Sportschule gegangen, dort haben wir zwei bis drei Trainingseinheiten pro Tag absolviert. Und in dieser Zeit, auch schon vor der Sportschule, sind bei mir eigentlich die Grundlagen gelegt worden. Was der Körper praktisch an Schaden mitgenommen hat, hat umso mehr den Geist gestärkt. Dort sind solche Eigenschaften wie Willenskraft, Selbstdisziplin und Ausdauer, Mut, auch Begeisterung, Leidenschaft für eine Sache entstanden. Denn wenn man als Jugendlicher so etwas aushalten will, braucht man einen Traum, man braucht eine Vision.

Matthias Krieger (2. Reihe, ganz rechts) 1974 mit seiner Handballmannschaft. © Privat

Später studierte ich in Weimar mit meiner Frau Bauingenieurwesen. Im November 1989 stellten wir als frischgebackene Diplom-Ingenieure den Ausreiseantrag. Am 1. Januar 1990 startete meine berufliche Karriere in der Freiheit, in Kassel in einem Ingenieurbüro. Nach zwei Jahren als Angestellter gründete ich mit Michael Schramm die Bauunternehmung Krieger + Schramm, die sich zu einem modernen Baudienstleister mit 25 Millionen Euro Umsatz, 75 Mitarbeitern und Niederlassungen in Dingelstädt, Kassel-Lohfelden sowie Frankfurt am Main entwickelt hat. In der Vergangenheit ist mir immer wieder bewusst und klar geworden, dass es viel Fleiß, Willen und Schweiß braucht, um dieses Ziel erreichen. Vor allem engagierte und fähige Mitarbeiter sind für mich das A und O.    Matthias Krieger

Matthias Krieger 2011. Sein Unternehmen beschäftigt heute 75 Mitarbeiter. © Privat

Der Unfallchirurg Kuno Weise, geboren 1945 in Tübingen, promovierte und habilitierte in der schwäbischen Stadt – und zog nach der Wende nach Leipzig, um an der dortigen Uniklinik zu arbeiten.

TübingenLeipzig Zwei Jahre nach der Wende bewarb ich mich von Tübingen aus als Direktor der Unfallchirurgie an der Leipziger Universitätsklinik. 1993 habe ich dort meine Arbeit aufgenommen. Es war schwierig , da es an Infrastruktur fehlte. Die Leipziger Universitätsmedizin, auch die Chirurgie, hatten einen guten Ruf. Aber die Klinik hatte noch immer die bauliche Grundstruktur aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Wenn ein schwerer Trabi-Unfall passierte, war unser Operationssaal blockiert. Der septische OP war so eine Art Nebenraum mit Flügeltüren. Zudem hatte die Klinikleitung nach der Wende bei Implantaten für Knochen-Operationen auf unterschiedliche Systeme gesetzt. Das war ein ziemliches Durcheinander und musste erst einmal standardisiert werden.

Auch an der Arbeitsmoral musste sich etwas ändern. Nicht selten kam es vor, dass Ärzte während der Ambulanzzeit zum Friseur oder zum Einkaufen gingen. Die Patienten mussten dann lange warten. Ich bekam das nur mit, weil ein Patient einmal nach langem Warten verzweifelt mit seinen Krücken auf eine Schwester losging. Das haben wir dann geändert. Damit macht man sich natürlich nicht unbedingt beliebt.

Man muss andererseits sagen, dass die Kollegen zu DDR-Zeiten selbst mit bescheidenen Mitteln sehr gute Medizin gemacht haben. Die mussten oft improvisieren, einige durften aber reisen und zum Beispiel an Kongressen der Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen teilnehmen. Für mich war es eine unschätzbar wertvolle Zeit in Leipzig. Wenn nicht das Angebot gekommen wäre, nach Tübingen zurückzukehren, wären wir vermutlich in Leipzig geblieben. Besonders blieb auch in Erinnerung , dass mir meine Mitarbeiter zum 50. Geburtstag einen Trabi schenkten. Der kam leider nie im Westen an, weil eine Dame mit ihrem Geländewagen auf das Auto auffuhr – Totalschaden.    Kuno Weise

Kuno Weise 1995 in Leipzig: Zum 50. Geburtstag schenkten ihm Mitarbeiter einen Trabi. © Privat
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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 09.11.2014 08:44 Uhr