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Zurück zur Natur : Das Wunder Wald

  • -Aktualisiert am

In allen Wipfel spürest du den Hauch: Der Forst Hümmel ist ein Ort der Ruhe. Bild: Stefan Finger

Die Deutschen erobern sich ihren ewigen Sehnsuchtsort zurück: Sie meditieren im Wald, umarmen Bäume, machen ein Wald-Buch zum Bestseller. Warum gerade jetzt?

          Dieser Wald kann kein glücklicher sein: Kahle, abgebrochene Fichtenstämme umschließen seine Fläche, daneben trostlose, gelbe Buchen. Am wolkenlosen Himmel setzen Flugzeuge zum Landeanflug an. Sieben erwachsene Menschen säumen den Weg. Sehr langsam und schweigend setzen sie hintereinander ein Bein vor das andere, wie Kraniche stolzieren sie den Pfad entlang. Spüren solle man den Waldboden, hatte Meditationslehrerin Cornelia Behr vorgegeben, sich mit seinen Füßen nur auf den Untergrund konzentrieren, alles um sich herum ausschalten. Zwei Radfahrer kreuzen die Gruppe. Der vordere klingelt, doch niemand macht ihm Platz. Kopfschüttelnd steigen beide ab, murmeln unverständlich etwas vor sich hin und schieben ihre Räder durch das dichte Laub.

          Wald tut gut

          Zum ersten Mal richtet Cornelia Behrs diesen „meditativen Waldspaziergang“ aus. Unweit der hessischen Stadt Rüsselsheim will sie den Menschen beibringen, dass ihnen „der Wald guttut“. In Zeiten „unserer gestressten Gesellschaft“ gelte es ein „positives Gefühl für den Wald“ zu entwickeln.

          Nebelschwaden durchziehen die Baumwipfel des Bayrischen Waldes. Bilderstrecke

          Mit dieser Auffassung ist Cornelia Behr nicht allein. Es ist ein eigenartiger Trend, der den Wald derzeit umgibt: Die Deutschen treffen sich hier zum Meditieren, umarmen gemeinsam Bäume, machen Survivaltrainings, halten sogar Managerseminare ab. Die seit zwanzig Jahren existierenden Waldkindergärten erfahren immer größere Beliebtheit, bei Hamburg gibt es seit letztem Jahr einen „Yoga-Wald“. Im Mai hat der Verlag Gruner + Jahr ein neues Naturmagazin herausgebracht, benannt nach dem Klassiker des amerikanischen Schriftstellers Henry David Thoreau: „Walden“. Es scheint fast so, als würden die Deutschen ihren ewigen Sehnsuchtsort neu entdecken. Warum aber gerade jetzt?

          Jemand, der das wissen muss, ist Peter Wohlleben. Der Förster aus dem kleinen Ort Hümmel in der Eifel hat so etwas wie eine Fibel des Waldes geschrieben. Sein Buch über „Das geheime Leben der Bäume“ gehört seit Mai ununterbrochen zu den Sachbuch-Bestsellern. In seiner „Liebeserklärung an den Wald“ fördert er Erstaunliches zutage: Bäume, so Wohlleben, lebten miteinander in einem Familienverbund, schlössen Freundschaften, unterstützten ihren Nachbarn bei Krankheiten, sie hätten Gefühle, gar ein Gedächtnis. Wenn Wohlleben dann noch berichtet, dass Bäume mit Hilfe eines „Internet des Waldes“, dem „Wood Wide Web“, kommunizieren, weiß man nicht genau, ob man staunen oder den Kopf schütteln soll.

          Das „Wood Wide Web“ verbindet

          Der Erfolg des Buches hängt wohl auch mit der Person des Autors zusammen. 1,98 Meter ragt er in die Höhe, trägt eine bequeme Fleecejacke, darunter ein blaues Karo-Hemd. Wohlleben lacht viel. Ohne lange zu überlegen, würde man bei ihm einen Bausparvertrag abschließen.

          Sein Buch sei eine „Übersetzung“, sagt er: „Wissenschaft - Deutsch“. Denn: „Die Geheimnisse des Waldes lassen sich alle mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen belegen.“ Das „Wood Wide Web“ zum Beispiel bestehe aus nichts anderem als Pilzen, die die Bäume unterirdisch miteinander verbinden. Mit Hilfe dieser Pilzleitungen könnten sie Informationen austauschen. All das ist schon seit Jahren bekannt, Wohlleben greift es nur auf und verpackt es in eine einfache, verständliche Sprache. „Die Wissenschaft unterscheidet zwischen Tieren und Pflanzen. Dabei wissen wir von Pflanzen viel zu wenig. Wenn Tiere in Gesellschaft leben, warum sollen Pflanzen es dann nicht auch tun?“

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