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Die Cordhose : Breit, lang, konservativ

Ein Stoff, aus dem die Träume sind: Auch Woody Allen trägt Cord mit Vorliebe Bild: picture-alliance/ dpa

Lange Zeit war die Cordhose die ungeliebte Schwester der Jeans. Mit ihren auffällig gerippten Beinen läuft sie ihr nun den Rang ab

          4 Min.

          Eine Party zum 11.11.'11? Für einen Stoff? Was für Außenstehende nach einem schlechtem Facebook-Witz oder einer Verschwörungstheorie klingt, ist tatsächlich ernst gemeint. In der Welt des längs gerippten Cordstoffes wird der kommende 11. November groß gefeiert. Für die Anhänger des New Yorker "Corduroy Appreciation Clubs", einer Mischung aus Verein und Geheimbund, ist dieser Tag etwa so, als würden totale Mondfinsternis und Silvester auf einen Tag fallen - ein großes Fest, das es in hundert Jahren noch nicht gegeben hat. Denn dann, so erklären Bekenner, wird sich das Stoffgerippe bildlich eins zu eins in der Optik der Datums-Zahlenfolge des 11.11.'11 widerspiegeln.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und auch hierzulande scheint es, als fiebere alles dem "Corduroy Appreciation Day" entgegen. Ob fein oder grob, sieht man die gerippte Cordhose momentan in allen Farben des Herbstlaubes an den Beinen von Menschen, die ansonsten nicht im Geringsten an gesetzte Herren erinnern, jene, die mit den Hosen in alten englischen Clubs ein- und ausgehen würden.

          Uniform der früheren Club-Kultur

          Aber genau dort, hinter den ursprünglich holzvertäfelten Türen und Wänden von früher, die heute teilweise nicht mehr als eine Passwort-Schranke im Internet sind, könnte der Ursprung des jüngsten Cord-Comebacks liegen. Denn während Club-Modelle mit Netzwerken jeder Art in völlig überholter Form schwach an die ehemaligen Gentlemen-Clubs aus dem 19. Jahrhundert erinnern und in unsicheren Zeiten wie diesen Konjunktur haben, so zeigt sich auch die Cordhose, Uniform der früheren Club-Kultur, wieder verstärkt und in neuem Beinkleid.

          Christoph Tophinke, Besitzer des "Chelsea Farmer's Club" mit Stützpunkten in Berlin und Düsseldorf, produziert seit sechs Jahren Cordhosen, die sich mit der Zeit je bunter desto schneller verkauft haben. In Simon Urbans kürzlich erschienenem Roman "Plan D", der die DDR im Jahr 2011 beschreibt, hängt die Zukunft des Landes erheblich von dem Fahndungserfolg des Kommissars Wegener ab, der wiederum von Anfang bis Ende Cord trägt. Und Charlotte Gainsbourg wartet als Claire in Lars von Triers Endzeitfilm "Melancholia" auf den Weltuntergang in Gummistiefeln, grauem Kaschmir-Pulli und einer orangefarbenen Cordhose, die farblich an Mamas Kürbiscremesuppe erinnert.

          Wie durch den Hipstamaten gezogen

          Eine noch bessere Versicherung als die Mitgliedskarte ist in unsicheren Zeiten schließlich die eigene Familie. Selbst wenn sich die, wie in der Werbewelt, nur zufällig für das Anzeigenfoto zusammensetzt. Tommy Hilfiger präsentiert dazu in diesem Herbst "The Hilfigers" als gleichermaßen modesüchtigen und traditionsbewussten Clan, dessen schöne Tochter zu Tweed und Nadelstreifen fein gerippten weinroten Cord trägt.

          Auch die klassische Jeans ist nicht mehr nur blau
          Auch die klassische Jeans ist nicht mehr nur blau : Bild: dpa

          Optisch muten die aktuellen Cordhosen dabei an, als hätte man sie durch den Hipstamaten gezogen. Mit Hipstamatic und Instagram, zwei Apps für das iPhone, hält man seit einiger Zeit das eigene Leben nicht mehr in fotografisch hochaufgelöster Form fest, sondern in grobkörnigen, gelbstichigen Bildern - die man natürlich innerhalb von Sekunden mit seinem weitreichenden Netzwerk teilt. Atmosphärisch und farblich erinnern diese Fotos an die siebziger Jahre, als die Cordhose die zweite Haut war. Ihr historischer Ursprung ist dabei nicht ganz eindeutig überliefert, liegt aber wahrscheinlich im Manchester des 18. Jahrhunderts, als England zur industriellen Revolution ausholte.

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