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Die beste Mensa : Selbstversuch mit Hexenkessel

Wohl bekomms in der Burse Würzburg Bild: dpa

Die Mensa der Universität Würzburg wurde fünfmal mit dem „Goldenen Tablett“ ausgezeichnet. Den speisenden Studenten der Republik soll diese Auszeichnung den Weg weisen. Thomas Jansen wagt einen Selbstversuch.

          3 Min.

          Mittwochmittag kurz vor zwölf. Ein Selbstversuch in der Burse des Studentenwerks Würzburg. Der Weg zum Speisesaal führt wie überall durch eine ausufernde Fahrradlandschaft und ein Spalier aus Prospektverteilern. Nach zwei Glastüren, mittlerweile um zwei Einladungen, zu einer Faschingsparty und einem Gesprächsabend der Grünen, sowie einen grünen Lutscher reicher, ist der Speisesaal erreicht. „Burse-Angebot Fränkischer Hexenkessel“ steht auf einer großen Tafel.

          Thomas Jansen

          Redakteur in der Politik.

          Eine Legende hilft den Auswärtigen weiter: von A wie Alternativ bis V wie Vorderschinken, mit einem S für Schwein ist der Hexenkessel versehen. Drei weitere Kürzel, deren Kenntnis für den Besuch einer deutschen Mensa unerlässlich ist: S wie Studierende, B wie Bedienstete und G wie Gäste, die drei Preiskategorien. Gäste bezahlen am meisten.

          Beste Mensa des Jahres 2007

          Michelin? Gault Millau? Sterne? Kochmützen? Wen interessiert's! Das „Goldene Tablett“ ist die kulinarische Auszeichnung mit der größten Breitenwirkung hierzulande. Gleich fünf davon errang die Burse in Würzburg, die Studenten in einer Befragung der Zeitschrift „Unicum“ zur „besten Mensa des Jahres 2007“ wählten. Den speisenden Massen der Republik, den nahezu zwei Millionen Studierenden, soll diese Auszeichnung den Weg weisen. Denn in die Mensa und nicht in die Schwarzwaldstube nach Baiersbronn oder zu Dieter Müller nach Bergisch Gladbach verschlägt es sie Mittag für Mittag und Woche für Woche nach Vorlesungen, Seminaren oder Praktika. Rund 85 Millionen Mahlzeiten werden in den Küchen der mehr als 700 Mensen, Cafeterien und Bistros der 58 Deutschen Studentenwerke im Jahr zubereitet.

          Ein paar Schritte weiter auf der rechten Seite stehen Tabletts und Besteck. Die Tabletts in Form abgerundeter Dreiecke würden in Privathaushalten als Designermodell bewundert, in Großkantinen gelten sie wohl wegen der Platzersparnis einfach als praktisch. Das Besteck wirkt solide, hat eine vertraute Schwere, Uri Geller findet hier - anders als noch vor Jahren - so leicht keine Nachahmer mehr. Es folgt eine Batterie von Kaffeeautomaten, drapiert mit einem aufgeschnittenen Kaffeebohnensack und allerlei anderem „Eine-Welt“-Zierrat.

          Alkohol für die kleinen Erfolge im Studium

          Gegenüber die Suppenstation. Es duftet nach Blumenkohl-Karottencreme- und Steinpilzsuppe. Neben den Töpfen hängt eine Übersicht. Ein Dutzend verschiedene Brötchen sind dort aufgelistet, vom Körndl-Sandwich bis zum Sauerteigbrötchen. Wer auf das Getränkeangebot um die Ecke schaut, merkt schnell, dass die Zeiten, in denen Erasmus-Studenten von französischen und italienischen Mensen schwärmten, weil es dort Wein gebe, vorbei sind. Fränkischer Rotwein, bayerisches Weizenbier und ein Piccolo - für die kleinen Erfolge im Studium - sind in der Burse ebenfalls zu haben.

          Ein solches Angebot ist inzwischen keine Ausnahme mehr in deutschen Mensen. Man habe gerade auf diesem Gebiet in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. „Studium und Mensa, das gehört zusammen.“ Dies sehen offenkundig auch die Studierenden so. Rund 83 Prozent essen mindestens einmal in der Woche dort, 40 Prozent sind Stammgäste und kommen mehr als dreimal in der Woche, darunter 49 Prozent der Studenten, aber nur 30 Prozent der Studentinnen.

          Essen für 4,20 Euro

          Weiter geht's zur Essenausgabe. Dort stellen sich erste Zweifel ein. Das Norweger Lachsfilet oder das Grünkernküchle? Die narrensichere Nudelvariation? Nein, es bleibt beim Fränkischen Hexenkessel. Der entpuppt sich als ein gulaschähnliches Gericht, stilvoll garniert mit einem Klacks saurer Sahne in der Mitte und ein paar Lauchzwiebelringen an den Rändern. Die Menge ist ordentlich, wenn auch weit von dem entfernt, was wohlmeinende Mütter ihren heranwachsenden Söhnen am Wochenende auf den Teller laden. Dazu eine Portion Fritten, in einer kleinen, runden eidottergelben Schüssel und eine Cola, 0,3 Liter, aus dem Spender. Ein sehnsüchtiger Blick auf die üppige Dessertbar, dann ist die Kasse erreicht. Eine Frau Mitte fünfzig im weißen Mensadress, die man nur durch dessen rote Einsprengsel von einer Krankenschwester unterscheiden kann: „Hexenkessel 2,90 Euro, Fritten 60 Cent, Cola 70 Cent, zusammen 4,20 Euro.“

          Der Preis des Essens ist, wie das Deutsche Studentenwerk in seiner jüngsten Sozialerhebung ermittelt hat, der zweitwichtigste Grund für den studentischen Mensabesuch, an vorderster Stelle steht die Nähe zur Universität, und erst auf dem dritten Platz folgt die Qualität des Essens. Wenn sich diese Rangfolge später ändert, sind aus Studierenden längst Berufstätige geworden. Berufstätige, die die Wahl ihrer Speiseorte nicht mehr von Goldenen Tabletts, sondern von Sternen und Kochmützen abhängig machen. Vorerst wird jedoch noch in der Mensa gegessen, in familiärer Atmosphäre an hellen Holztischen für vier bis acht Personen.

          Die weißen Wände zieren ambitionierte Aufnahmen des Eiffelturms und anderer Pariser Motive. Auch cremefarbene Tischdecken fehlen nicht, darüber gibt es sogar weiße Zierdecken. Das schwarze Klavier am Rande ist mit hellen Kerben übersät. Es wird wohl viel hin und her geschoben. Obendrauf steht ein Kranz aus Korn, vermutlich ein Überbleibsel von Erntedank. Etwa 120 Studierende sitzen hier, ein Paar küsst sich, eine Studentin grübelt vor ihrem Laptop, die anderen essen und reden oder reden und essen.

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