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Diddl : Diese Maus ist nicht zu fassen

Leere Tassen, leere Kassen: Mit Diddl lassen sich keine Mäuse mehr machen Bild: Röth, Frank

Die Diddl-Maus ist eine deutsche Erfolgsgeschichte – und zugleich verhasst wie kein anderes Spielzeug. Nun wird der Vertrieb der Produkte eingestellt. Doch die Nachrufe kommen zu früh.

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          Wer sich mit Mäusen im Haus herumschlägt, der weiß: Man wird die kleinen Plagegeister so schnell nicht los. Ob man es mit Giftködern, den klassischen Schlagfallen oder den humaneren Lebendfallen versucht, ob hochtechnologisch mit Ultraschall oder mit dem Naturhausmittel namens Katze: Der Kampf ist so schnell nicht zu gewinnen. Wo eine Maus ist, da sind meist noch andere, und wenn man Pech hat, richtig viele.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Glaubt man den Berechnungen von Kammerjägern, dann kann ein Mäusepaar binnen eines Jahres eine 2.000-köpfige Mäusedynastie begründen. Da hilft es wenig, dass die einzelne Maus eine Lebenserwartung von nur anderthalb bis drei Jahren hat. Eine Maus, die schon seit 24 Jahren ihr Unwesen treibt, hört auf den Namen Diddl. Von Geesthacht im hohen Norden kam sie über diese Republik, und mit ihrer furchteinflößenden Vermehrungsrate ließ sie die gemeine Hausmaus so paarungswillig erscheinen wie einen Pandabären.

          Fans rufen zu Hamsterkäufen auf

          Der Diddl-Maus kam dabei entgegen, dass ihr kaum natürliche Grenzen gesetzt sind; ihr Lebensraum umfasst Kaffeetassen, Postkarten, Briefpapier, Bettwäsche, Federmappen, Schulranzen und vieles mehr. Nun aber scheint ein entscheidender Schlag gegen die Diddl-Plage gelungen, und ausgeführt hat ihn derjenige, der der Mäuseflut einst selbst die Schleusen öffnete: Die Geesthachter Firma Depesche hat angekündigt, die Lizenz über die Diddl-Produkte zum Jahresende an den Vater der Maus, den Zeichner Thomas Goletz, zurückzugeben.

          Man verkaufe heute „null Diddl“, wird der Depesche-Chef Kjeld Schiøtz in der „Bergedorfer Zeitung“ zitiert. „Die Zeit für Diddl ist um, auch wenn ich dafür keine Erklärung habe.“ Dass Depesche Diddl aus dem Programm nahm, wurde in den Medien zugespitzt zur Botschaft, dass „die berühmteste deutsche Plüschmaus sterben“ müsse. Zum Kondolenzbuch ist eine Facebook-Seite der „Bild“-Zeitung geworden; unter dem Motto „Wir trauern um Diddl“ sind binnen Tagen mehr als 700 Einträge zusammengekommen.

          „Schade, dass alles Gute verschwindet“, beklagt Vanessa, Melina-Maria meint: „Da stirbt ein Stück Kindheit!!“, und Rainer ärgert sich: „Wie kann man so was Kultiges aufgeben?“ Melly bekennt, seit ihrem vierten Lebensjahr gesammelt zu haben, sie kommt auf 598 Diddl-Blöcke und 540 Figuren. Andere Beiträger rufen die Diddl-Fans zu Hamsterkäufen auf, sofern man bei einer Maus davon sprechen kann.

          Schlechte Presse für die Maus

          An Ort und Stelle hört man aber auch andere Töne. „Ich hab sie gehasst“, schreibt Jacqueline, und Tim sekundiert: „Gott sei Dank. Ich hoffe, sie will eine Feuerbestattung.“ Tatsächlich hat kaum je ein Wesen aus der Spielzeugwelt die Menschen derart polarisiert wie die Diddl-Maus, die auch eine verlässlich schlechte Presse hatte: Die Maus, die – was viele nicht wissen – ein Mäuserich ist, sei „die Pest der neunziger Jahre“ gewesen, schrieb einmal die „taz“, während „Spiegel Online“ die „anatomisch völlig entstellte Comicmaus“ schlicht ein „Monster“ nannte.

          Für das Übermaß an Missgunst gibt es Gründe. Zum einen ist Diddl, den sein Schöpfer ursprünglich als Känguru konzipiert hatte und dann in eine marktgängigere Maus umwandelte, wirklich ungewöhnlich schlecht gezeichnet; mit seinen monströsen Klumpfüßen wäre er in freier Wildbahn nicht überlebensfähig – was freilich ebenso gilt für Artverwandte wie die Kommerzkatze Hello Kitty, allein schon deshalb, weil jene keinen Mund besitzt.

          Das Steiß-Tattoo unter den Spielzeugen

          Wo sich aber in Kittys minimalistische Mimik jedes mögliche Gefühl hineininterpretieren lässt, was ihr bei gutem Willen eine gewisse Tiefe verleiht, kennt Diddl nur einen einzigen Ausdruck: Mit treudoofem Silberblick und mit aufgerissenem Maul grinst er uns von alldem Merchandising-Plunder entgegen. Zum Nachteil gegenüber Hello Kitty gereicht es Diddl außerdem, dass er sprechen kann. Denn dabei verbreitet er sentimentale Liebes- und Trostbotschaften in einem Idiom, das man drollig finden kann oder befremdlich.

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