https://www.faz.net/-gum-7qoys

Diddl : Diese Maus ist nicht zu fassen

„Supersahnesausestark“ hüpft Diddl durch seine „Lockerlustiglaunewelt“, wo „alles okäse“ ist und er selbst stets „kribbelkrabbel-flitterflatter-lollileicht-verliebt“ in seine Diddlina. Bei kleinen Mädchen oder geschmacksverwirrten Teenagern mag solche Gefühligkeit gerade so durchgehen. Doch auch erwachsene Frauen oder, schlimmer noch, Männer gibt es, die sich mit Hilfe der Maus auf schwer erträgliche Weise klein machen. Diddl, das ist die plüschgewordene Regression, das Steiß-Tattoo unter den Spielzeugen, das sich dort am wohlsten fühlt, wo des Pierrots Tränen die Wand hinabkullern und zum Räucherstabqualm die Kuschelrock-CD aus den Boxen tönt.

Der Handel auf den Schulhöfen florierte

Zu allem Überfluss drang dann aus dem NSU-Prozess noch die Kunde, dass Beate Zschäpe, als sie unter dem Decknamen Dienelt in Zwickau lebte, angeblich von ihren Nachbarn liebevoll „Diddl-Maus“ genannt wurde. Dem Ruf der Maus dürfte das den Rest gegeben haben. Der Franke Thomas Goletz, aufgrund seiner Öffentlichkeitsscheu so etwas wie der J.D. Salinger unter den Kitschzeichnern, hat seinem Geschöpf einmal eine „goldige Erscheinung“ attestiert. Diddl, lässt der gelernte Graphiker auf der Mause-Homepage wissen, „spricht Dinge aus, die einem selbst manchmal nur schwer über die Lippen gehen“ – womit er, was Wörter angeht wie „knautschknuffelkuschelig“, unzweifelhaft recht hat.

Bei aller Kritik darf man Goletz bescheinigen, dass er mit Diddl eine deutsche Erfolgsgeschichte geschrieben hat. Aus den ersten, 1990 angefertigten Diddl-Motiven entstand 1991 eine Postkartenserie, 1992 folgte der erste Plüsch-Diddl, 1994 die berüchtigten Blockblätter, die auf Schulhöfen gehandelt wurden wie Wertpapiere. Bis 1998, auf dem Höhepunkt der Welle, waren 2.400 verschiedene Diddl-Produkte auf den Markt geworfen worden, exportiert in 26 Länder. 1999 gab es Diddl auf CD („Komm knuddel mich!“, Goldene Schallplatte 2002) und eine Ausstellung in Geesthacht, die laut Depesche-Angaben 80.000 Besucher anzog.

„Diddls Käseblatt“ erscheint weiterhin

Doch diese Zeiten sind lang vorbei. Von der Unternehmens-Website sind die Diddl-Utensilien weitgehend verschwunden, man setzt auf anderes wie auf die „Topmodel“-Linie für „junge Glamour Girls“, die auf die konsequente Entkindlichung der kleinen Konsumentinnen setzt, ähnlich wie die immens erfolgreichen „Monster High“-Puppen von Matell.

Auf der anderen Seite haben kürzlich mit Monchichi und Furby schon die Spielwaren der Mütter und großen Schwestern ein Comeback gefeiert – was auch den Diddl-Fans Hoffnung geben dürfte. Zeichner Goletz, heißt es auf der Website, plant ohnehin „für die kommenden Jahre viele neue blubberbunte Abenteuer mit Diddl und seinen Freunden“. Diddl ist nicht tot, nur sein Verbreitungsgebiet wird für erste kleiner.

Und auch „Diddls Käseblatt“, angepriesen als „Dein käsecooles Magazin“, erscheint wie gehabt. „Für uns ändert sich gar nichts“, sagt Simon Peter, Sprecher des Blue Ocean Verlags, der das Heft mit einer verkauften Auflage von rund 40.000 Exemplaren herausgibt. Beim Verlag, so Peter, sei man überrascht, dass das vermeintliche Aus von Diddl für die Öffentlichkeit „noch so ein großes Thema ist“, nachdem das Portfolio in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft sei. Die Nachrufe auf Diddl, seien sie nun bestürzt oder hämisch, sind also verfrüht. Denn so ist das nun mal mit Mäusen: Man wird sie so schnell nicht wieder los.

Weitere Themen

Belgien meldet ersten Fall in Europa Video-Seite öffnen

Neue Corona-Variante : Belgien meldet ersten Fall in Europa

Belgien hat als erstes Land in Europa eine Infektion mit der in Südafrika nachgewiesenen neuen Coronavirus-Variante gemeldet. Der belgische Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke sagte in Brüssel, ein aus dem Ausland kommender ungeimpfter Mensch sei positiv getestet worden.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.