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Zuckerkrankheit : Diät statt Insulinspritzen?

  • -Aktualisiert am

Alternativlose Behandlung bei Diabetes? Injektionen mit Insulin. Bild: dpa

Wer an „Zucker“ leidet, muss Insulin spritzen? Oft geht es auch ganz ohne Medikamente – selbst nach Jahren der Krankheit noch. Spezielle Diäten bieten Alternativen.

          6 Min.

          Gegen seinen Diabetes hat Martin Herhold sich ein Hemd gekauft. Es ist von einer edlen Marke und eng geschnitten, und wenn es spannt, handelt Herhold sofort. Drei Wochen lang isst er dann keine Kohlenhydrate und in der ersten überhaupt nur 500 Kalorien am Tag. An Tag eins, sagt Herhold, ist das schlimm, dann ist es okay, und das Wichtigste: Spritzen mit Insulin kommen im Leben des 45 Jahre alten Mannes aus Düsseldorf nicht vor.

          Herhold hat Diabetes mellitus Typ 2. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft zählt jedes Jahr rund 300.000 neue Diagnosen – und gerade knapp sechs Millionen Patienten. Anders als viele von ihnen nimmt Herhold keine Medikamente, spritzt kein Insulin und hat auch sonst nichts. Sein Herz ist gesund, sein Kreislauf funktioniert, die Nerven auch – soweit man weiß. Herholds Arzt sagt: „Bei diesem Patienten würde ich fast sagen, er ist vom Diabetes geheilt.“ Der Arzt sagt es dann doch nicht, und beschreibt es korrekt als das „Ausbleiben von Symptomen“. Für Herhold ist egal, wie sein Zustand heißt: Er lebt, als hätte er keinen Diabetes.

          In kaum einem anderen europäischen Land wird so viel Insulin verschrieben wie in Deutschland. 415 Einheiten pro Einwohner waren es 2011 – mehr kamen nur in Finnland zusammen, in Frankreich dagegen gerade einmal halb so viele. Bei Patienten mit Diabetes Typ 1 gibt es dazu keine Alternative, denn deren Bauchspeicheldrüse produziert kein Insulin. Bei Typ 2, an dem mehr als 90 Prozent der Betroffenen leiden, ist das so eine Sache: Die Patienten stellen sogar mehr Insulin her, als sie brauchen. Ihr Körper ist dagegen aber unempfindlich – weil die Betroffenen in aller Regel zu viel wiegen, einen dauerhaft erhöhten Blutzucker haben und sich zu wenig bewegen. Künstliches Insulin löst das Blutzucker-Problem. Die Patienten nehmen aber häufig noch stärker zu, leben mit dem Risiko einer Unterzuckerung, und ob das Hormon eher für oder gegen Herzinfarkte und Schlaganfälle arbeitet, ist unklar.

          Diabetes läuft also für die meisten Patienten so ab: Erst bekommen sie eine Tablette, dann mehrere, irgendwann ist es Insulin. Dabei ist spätestens seit 2011 bewiesen, dass es auch anders geht. Roy Taylor von der Newcastle University setzte seinerzeit elf Diabetes-Patienten auf eine radikale Diät: Acht Wochen lang durften sie nur 600 Kalorien am Tag zu sich nehmen. Alle elf verloren ihren Diabetes, das heißt: Sie mussten keine Medikamente mehr nehmen, auch drei Monate danach nicht. Die kleine medizinische Sensation war: Die Bauchspeicheldrüse der Probanden hatte wieder „gelernt“, brauchbares Insulin zu produzieren.

          Schwächen im Gesundheitssystem

          Taylor hat diesen Effekt später noch in weiteren Studien mit mehr Patienten gezeigt, zuletzt vor einigen Monaten. Dennoch hat sich der Therapieansatz nie durchgesetzt, jedenfalls nicht in Deutschland. Warum das so ist, das erzählt viel über die strukturellen Schwächen im Gesundheitssystem – und noch mehr über seine Trägheit.

          Einer, der die Geschichte auswendig kennt, ist Stephan Martin. Er ist der Arzt von Hemdenträger Martin Herhold und leitet das Westdeutsche Diabetes- und Gesundheitszentrum in Düsseldorf. Seit Jahren verbreitet der Mediziner Roy Taylors Botschaft, die auch seine eigene ist: „Wir können den Diabetes auch ohne Medikamente komplett normalisieren.“ Im insulineuphorischen Deutschland kam das lange nicht gut an. „Ich bin dafür geprügelt worden“, sagt Martin dazu. Aber gerade läuft es gut für ihn. Er hat in einer eigenen Studie nachgewiesen, wie gut Taylors Idee sogar bei langjährigen Insulinpatienten funktioniert. Er hat eine Therapie entwickelt, bei der von Herbst an die erste Krankenkasse testet, ob sie sie bezahlt. Und sogar der medizinische Zeitgeist ist inzwischen auf seiner Seite. Einigermaßen jedenfalls.

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