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Deutschland : Verbote, Verbote, Verbote

Bald geht das Licht aus: Die Glühbirne soll verboten werden Bild: AP

Ob Killerspiele, Glühbirnen, „Standby“-Schaltungen oder Alkohol für Jugendliche: Verbote gelten manchen in Deutschland noch immer als Allheilmittel. Ein Glossar des Verbotsfiebers.

          4 Min.

          Oliver Hassencamp hat es schon vor Jahrzehnten geahnt. „Wenn Argumente fehlen, kommt meist ein Verbot heraus“, schrieb der Schriftsteller und Kollege Erich Kästners. Wenn Hassencamp recht hat, dann steht es ziemlich schlecht um die Debatte in Deutschland. Hierzulande wird gerade über ein Verbot nach dem anderen diskutiert. Was demnächst alles untersagt werden könnte:

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Alkohol für Minderjährige

          Die neueste Idee all jener Gesundheitspolitiker, die im Gespräch bleiben wollen, aber keine Lust haben, die Gesundheitsreform zu überarbeiten. Kaum trinkt sich ein unkluger Sechzehnjähriger mit 45 Tequila ins Koma, fordern die Drogenbeauftragten der großen Koalition ein absolutes Alkoholverbot für Jugendliche - und heißen damit einen Plan der Europäischen Union gut. Dass Alkohol in solchen Mengen alten wie jungen Menschen schadet, ist unbestritten. Aber wer sich mit 14 oder 16 Jahren regelmäßig bewusstlos trinkt, braucht Information und Hilfe - und kein zusätzliches Verbot.

          Auf diesen schönen Anblick müssen wir wohl bald verzichten: Ade Rauchen!
          Auf diesen schönen Anblick müssen wir wohl bald verzichten: Ade Rauchen! : Bild: dpa

          Rauchen in öffentlichen Räumen

          Hier liegt der Fall anders. Wer raucht und dabei nicht alleine ist, lässt andere den Tabaksqualm mitatmen. Und auch Passivrauchen ist ungesund. Das Bundeskabinett hat deshalb beschlossen, das Rauchen in Bundesbehörden, auf Bahnhöfen und in öffentlichen Verkehrsmitteln zum 1. September zu verbieten. Gestritten wird noch um die Gaststätten, für die es möglicherweise Ausnahmen in manchen Bundesländern geben wird. Dass in Deutschland der Hang zur Übertreibung Methode hat, bewies kürzlich fulminant Sabine Bätzing von der SPD. Die Bundesdrogenbeauftragte schlug allen Ernstes vor, das Rauchen im eigenen Auto zu verbieten. Wenn Frau Bätzing das durchgesetzt hat, könnte sie für die Zwangsmitgliedschaft in Sportvereinen streiten.

          Freie Fahrt auf Autobahnen

          Der Klassiker. Genauso beliebt wie bislang chancenlos angesichts einer starken Auto-Lobby. Schneller als 130 Kilometer in der Stunde solle niemand fahren, fordern Umweltschützer und Fachleute für Verkehrssicherheit seit Jahrzehnten. Dafür müssten aber zuerst die Verbraucher zeigen, dass ihnen Vehikel mit Drei-Liter-Verbrauch wichtiger sind als solche, die 250 Kilometer in der Stunde rasen können.

          Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) ist eigentlich für ein Tempolimit, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Er möchte es aber nicht so gerne mit dem Klimaschutz begründen, weil das albern wirken könnte. Spritsparfreunden sei gesagt: lieber eine Stunde lang 130 fahren, als eine halbe Stunde 100 und eine weitere halbe Stunde 160. Berücksichtigen müssen die Politiker, dass bei einem Tempolimit keine japanischen und britischen Autobahntouristen mehr zum Freizeitrasen nach Deutschland kämen.

          „Killerspiele“

          Was die Aufregung betrifft: der legitime Nachfolger des Tempolimits. Gemeint sind Computerspiele, in denen eine mehr oder weniger große Anzahl Spielfiguren getötet oder eliminiert werden muss, um das Ziel zu erreichen. Bekanntester Gegner im Visier wohlmeinender Menschenschützer: Counter-Strike, sozusagen die Marlboro unter den virtuellen Welten.

          Anhänger eines Verbots von Herstellung und Vertrieb - Bayern hat kürzlich eine entsprechende Bundesratsinitiative eingebracht - denken doppelt seltsam. Sie glauben zum einen an ein überholtes Kommunikationsmodell, das davon ausging, jedwede Botschaft („Töten“) werde beim Rezipienten („gefährdeter Jugendlicher“) exakt so ankommen, wie vom Sender („Computerspiel“) gesandt. Spielen und anschließendes Handeln werden eng verknüpft - was Hirnforscher und Kommunikationswissenschaftler differenzierter sehen.

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