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Deutsches Chorfest : Der Frohsinn und die Eintracht darben

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Romantik pur: Die Eintracht-Männer aus Frankfurt-Zeilsheim singen Eichendorffs „Abendlich schon rauscht der Wald“ Bild: Michael Kretzer

Das Deutsche Chorfest in Frankfurt widmet sich in diesem Jahr vor allem den Männerchören. Und das ist auch gut so. Denn vielen geht es ziemlich schlecht.

          6 Min.

          Auf Krücken humpelt der Vorsitzende des Männergesangvereins Eintracht 1880 auf den Hof. Ausgerechnet Stefan Wachendörfer, den mit 50 Jahren jüngsten Zeilsheimer Sänger, zwingt eine Operation an den Stock. Ungestützt könnte er das Ständchen für die Besucher einer Gärtnerei nicht durchstehen. Viele seiner Sangesbrüder haben den Krieg erlebt. Auch sein Vater, der selbst einmal Vorsitzender des MGV war, singt noch mit. Die Witwer in der Gruppe tauschen ihre häusliche Einsamkeit gegen gesellige Chorproben.

          Vor hundert Jahren bot sich noch ein anderes Bild. Damals blühten die Männergesangvereine. Weilte ein Musikbeflissener einige Tage am „goldenen Rhein“, gründete er prompt einen Chor mit dem Namen „Loreley“ oder „Stolzenfels“. Raue Männerkehlen fanden sich in der „Eintracht“, oder nannten ihren Verein „Concordia“. Die Gefühle der Sangesfreudigen waren patriotisch und naturverbunden. Das Singen im Verein, vor allem in den Arbeitergesangvereinen, lenkte von der oft harten Tagesarbeit ab. Man besang das Heimatland, den Wald, den goldenen Rebensaft und die Liebe. In den Liedern zog man als „Spielmann“ oder „Jäger“ umher - und fühlte sich frei wie ein „Zigeuner“.

          Nur noch 141 Mitglieder

          Heute ist der Quell von Jugend und Gemeinsamkeit ausgetrocknet. Lag die Mitgliederzahl der Eintracht im Jahr 2000 noch bei 235, sind es heute nur noch 141. 36 singen im Chor, an diesem Nachmittag gerade mal 25. Trotzdem: Als der weißbärtige Chorleiter, der sein dirigierendes Handwerk schon im dritten Jahrzehnt verrichtet, mit einem energischen Händeklatschen den Beginn des Konzertes ankündigt, rückt die Seniorentruppe zusammen. Notenmappen schnellen in die Höhe, die Stimmgabel gibt den Ton an. Eichendorffs „Abendlich schon rauscht der Wald“ erklingt. Manchmal zitternd, doch das stört niemanden. Stefan Wachendörfers Krücken verschwinden im Halbrund der einträchtigen Männer.

          Eichendorffs Romantik ist der kleinste gemeinsame Nenner deutscher Männerchormusik. Vom Sänger verlangt sie Einfühlungsvermögen. Manchen Zuhörer wiegt sie in einen Tagtraum. Aber es ist womöglich genau dieses Einfühlungsvermögen, das dem in die Jahre gekommenen MGV abgeht. Denn wahre Gefühle im Kollektiv zu vermitteln ist schwierig. Und ein Hang zur Gefühlsduselei „in diesem Alter“, so urteilt der Musikpädagoge Friedhelm Brusniak von der Universität Würzburg, „darf zumindest bezweifelt werden“. Das nehme einem 70 Jahre alten Mann niemand mehr ab. Romantik auf Krücken trägt nur bedingt. Die Romantiker gehörten schließlich einer Generation an, die um 1800 zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt war.

          „Leben, Liebe, Lust, Leid“

          Männerchöre sind ein Kind des 19. Jahrhunderts. Gesangvereine galten seinerzeit als politische Vereine: Liedtexten drohte die Zensur, unliebsamen Chorleitern - oft waren es Volksschullehrer - die Versetzung. Frauen hingegen hatten noch keine politischen Rechte. Sie durften zwar in einem Chor singen, sich aber nicht mit gleichgesinnten Sängerinnen in einem Verein zusammen tun. Bis heute sei das ein wesentlicher Grund für die Flut an Männerchor-Produktionen, erklärt Brusniak. Anfänglich war die Männerchor-Literatur vor allem durch die nationalen Bestrebungen des Vormärz inspiriert. Die Proklamation des Deutschen Kaiserreichs 1871 führte deshalb zu einer Identitätskrise. Welche Werte sollte man nun, da der Kaiser gekrönt war, noch besingen? Der Versuch des Sängerbundes, analog zu dem Turner-Wahlspruch („Frisch, fromm, fröhlich, frei“), ein eigenes Signum in Gestalt der vier L zu installieren („Leben, Liebe, Lust, Leid“), schlug jedenfalls fehl.

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