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Deutscher Koch in Amerika : Bei ihm schmeckt die Wurst „über-juicy“

  • -Aktualisiert am

Bei Pommes rotweiß zucken die Gäste erstmal: Löbach vor seinem Imbiss Bild: Nina Rehfeld

Der Caterer Kai Löbach aus Wuppertal hat Stars wie Mick Jagger und Will Smith bekocht. Jetzt bringt er Amerika auf den Geschmack einer deutschen Spezialität: der Currywurst.

          Schmeckt’s denn?“, will Kai Löbach von den drei Bühnenarbeitern wissen, die soeben von den gegenüberliegenden CBS-Studios in sein neueröffnetes Restaurant geschlendert sind und nun an der Theke über Currywurst mit Pommes rotweiß sitzen. Die jungen Männer nicken mit vollen Mündern. „Sehr gut“, sagt einer von ihnen, „so was habe ich noch nie gegessen!“ Nun, Currywurst ist ein bislang unbekanntes kulinarisches Vergnügen in Hollywood.

          „Das kennt hier kein Mensch, und die meisten denken bei Curry erst mal an indisches Essen“, sagt der 47 Jahre alte Löbach. Deshalb hat er sein Fenster mit großen roten Buchstaben beklebt, die die Dinge etwas klarer machen: Wörter wie „sausages“, „German wurst“ und „über-juicy“ sollen für die richtige Assoziation sorgen. Und zum Kennenlernen der deutschen Imbiss-Spezialität verteilt Löbach im Februar jeden Dienstag von 19 Uhr an für 20 Minuten und 12 Sekunden Gratis-Currywurst.

          Unklar, ob die Stars wegen ihm oder der Wurst kommen

          Löbach eröffnete seinen schlicht „Currywurst“ genannten Laden Anfang September, und die ersten Prominenten haben bereits die Nase durch die Tür gesteckt. Michael Clarke Duncan (der riesenhafte Häftling aus „The Green Mile“) war im November hier, neulich kam Dustin Hoffman vorbei und probierte eine Veganer-Currywurst, die ihm so gut schmeckte, dass er gleich noch eine zweite bestellte. Auch Nastassja Kinski, heißt es, will unbedingt mal reinschauen.

          Ob sie wegen der leckeren Würste oder wegen des Imbissbesitzers kommen, ist unklar. Denn Kai Löbach ist in Hollywood kein Unbekannter. Als Gourmetkoch geht er seit zwanzig Jahren in den Villen der Reichen und Schönen von Hollywood ein und aus; die Currywurstbude, die eher ein Bistro ist, fungiert bloß als Zweitbusiness. Normalerweise bereitet Löbach bei Roland Emmerich die Weihnachtsgans zu und kocht für Kevin Costner oder Maximilian Schell. Thomas Gottschalk wollte ihn sogar als Dauerkoch anstellen, erzählt er. „Aber damit hätte ich mein Catering-Geschäft aufgeben müssen, und das wollte ich nicht.“ Dafür kann Gottschalk nun bei ihm Currywurst essen kommen.

          An der Wand vom „Currywurst“ hängt ein Wikipedia-Auszug über Herta Heuwer, die Berliner Erfinderin der Currywurst, die ihre scharf gewürzte Wurst 1949 erstmals in Charlottenburg verkaufte - mit Ketchup, Worcestershire-Sauce und Currypulver, Zutaten, die sie von britischen Besatzern gekauft hatte. Gleich daneben gibt ein Informationsblatt Auskunft über die gesundheitlichen Vorzüge des Currypulvers. Wir sind schließlich in Kalifornien, wo Essen längst weniger mit Genuss als mit Fitnessförderlichkeit zu tun hat. Bei Pommes rotweiß, sagt Kai Löbach, zuckten die meisten dann auch erst mal. „Dann serviere ich ihnen die Mayo eben extra. Aber wenn sie’s einmal probiert haben, finden sie’s toll.“

          Löbachs Currywurst ist richtig lecker. Zur Wahl stehen fünf verschiedene Würste, von veganisch über ungarisch bis zu Geflügelwurst, dazu Pommes, Sauerkraut oder Bratzwiebeln und acht verschiedene Saucen. Hergestellt sind die Würste bei einem deutschen Metzger nach Löbachs persönlichem Rezept, und die Currysauce, die eher die Konsistenz von Salsa als von Ketchup hat, gibt es in drei verschiedenen Schärfegraden. Das „Currywurst“ will schließlich mehr sein als bloß eine Frittenbude.

          Auch Bergenländer können Currywurst

          Löbach sagt, er sei mit Currywurst groß geworden, in Wuppertal, 500 Kilometer westlich von Herta Heuwers Wirkstätte. Aber auch Hamburg und das Ruhrgebiet reklamieren ja die Erfindung der Currywurst für sich. „Nur weil man Bergenländer ist, heißt das nicht, dass man keine gute Currywurst kennt“, sagt Löbach. „Bei mir gab’s mindestens dreimal die Woche Currywurst. Sogar, wenn Oma für mich gekocht hat.“ Bis er ins currywurstlose Amerika kam.

          Mit 22 schlug Löbach in Hollywood auf, mit nichts als einem Koffer und seinen Küchenmessern in der Hand und der Aussicht auf einen Job im Century Plaza Hotel. Ein Urlaub in L.A. hatte dem jungen Kochgesellen den Floh ins Ohr gesetzt, dass hier das Leben einfacher und schöner sei. „Aber als ich ankam, war es Nacht, und ich hatte keinen Plan. Da war diese Stadt mit 18 Millionen Leuten, und hier war ich aus Wuppertal.“ Er schlief einige Nächte auf der Straße und „rief ein paarmal heulend meine Mutter an“, bevor er mit ein bisschen Glück und der Hilfe freundlicher Menschen Fuß fasste, eine Wohnung und seinen Job antrat.

          Beliebtes Bistro: Dustin Hoffmann war schon hier, und Michael Clarke Duncan (der riesenhafte Häftling aus „The Green Mile“) auch.

          Den hatte er sich allerdings anders vorgestellt. Für einen Stundenlohn von 3,25 Dollar ließ ihn der Küchenchef Paprika schneiden und „zehntausend Lachsrosen formen“, wie Löbach sagt. „Irgendwann dachte ich: Hierfür habe ich doch keine Gesellenausbildung gemacht!“ Er fand einen neuen Job beim Partyservice einer deutschen Metzgerei, baute sich einen Kundenstamm auf, stellte seine eigene Cateringfirma auf die Beine. Zunächst richtete er Events für die deutsche Botschaft und das Goethe-Institut aus, aber bald sagte man seinen Namen weiter.

          „Mick Jagger hat einen feinen Gaumen“

          Mitte der Neunziger stand er dann für die Rolling Stones in der Küche, um sie während der Aufnahme ihres Albums „Voodoo Lounge“ in der Villa des Produzenten Don Was zu bekochen - aus der Küche konnte er sie im mit dicken Vorhängen abgedichteten Wohnzimmer singen hören, allerdings ohne Instrumente. Abends um elf kam die Band zum Essen zusammen, und Mick Jagger gab die kulinarische Region vor: türkisch, italienisch, spanisch. „Mick Jagger ist ja ein vielfach gebildeter Mann, und ich kenne kaum jemanden mit einem so feinen Gaumen“, sagt Löbach. „Dem konnte man nichts unterschummeln, das musste hundertprozentig stimmen.“ Für Keith Richards briet er jeden Abend ein Steak, medium rare. Aber er war zu schüchtern, um nach einem Autogramm zu fragen. Jaggers Ehefrau Jerry Hall stellte Löbach und die Stones schließlich zu einem gemeinsamen Foto auf.

          Außerdem kochte Löbach für Tom Cruise und Nicole Kidman, als sie noch ein Paar waren, organisierte Partys für Til Schweiger und Wim Wenders und bewirtete die Gäste von Hollywoods Superagenten Brian Lord. Gerüchten zufolge geht sein Hollywood-Einfluss weit über seine kulinarischen Künste hinaus: „Jada Pinkett bat mich vor ein paar Jahren, ein besonders sinnliches Menü für sie und ihren Mann Will Smith zu kochen, in einem Spa, den sie am Valentinstag eigens gemietet hatte.“ Löbach stellte ein Menü mit Kaviar und Shrimps, Schokolade und Erdbeeren zusammen - „lauter Aphrodisiaka“, sagt er und lacht. Denn später kam ihm zu Ohren, dass in dieser Nacht Willow entstanden sei, die Tochter der beiden, die inzwischen elf ist und selbst eine Filmkarriere macht.

          Lieblingsgericht: Kürbisbrot mit Nutella, fritiert

          Zu Hause übrigens kocht Kai Löbach nie - es sei denn, er schmeißt eine seiner berühmten Mittwochspartys. „Weil Donnerstag die Haushälterin kommt“, sagt er grinsend. Dann kredenzt er etwas aus seiner Outdoor-Küche am Pool. Essensgeruch im Hause kann er nämlich nicht leiden. „Ich könnte mich ekeln bei der Erinnerung an den sonntäglichen Kohlrouladengeruch in deutschen Mietshäusern“, sagt er. „Bei mir daheim gibt’s nur Graubrot mit Nutella.“ Zu Löbachs Lieblingsrezepten zählt Kürbisbrot mit Nutella, fritiert und mit Vanillesauce überzogen, dazu eine Brombeer-Coulis. Zu schade, dass im „Currywurst“ bloß Kekse zum Nachtisch angeboten werden.

          Gibt es noch jemanden, den er gern mal bekochen würde? Löbach denkt einen Augenblick nach. Mit Sophia Loren, sagt er lächelnd, würde er gern mal auf den Markt gehen, um dann gemeinsam zu kochen: „Aber nicht italienisch!“

          Es ist fast Mittag, und ein paar Leute, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf den Einlass zur CBS-Show „The Price Is Right“ warten, kommen neugierig herüber, um sich die Zeit mit etwas Essbarem zu verkürzen. Während Löbach seinen Gästen das deutsche Fastfood serviert, geht draußen ein junger Mann in weißer Robe und langem blonden Haar vorbei. Er ist barfuß. „Schauen Sie mal, da ist Jesus“, sagt Kai Löbach. „Der kommt hier ein paarmal am Tag vorbei.“ Er lacht. „Only in America!“ Auf eine Currywurst ist Jesus noch nicht hereingekommen. Aber das kann ja noch werden.

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