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Deutsche Elite : Von wegen Vorbild

  • -Aktualisiert am

„Elite” ist ein dehnbarer Begriff - und beschränkt sich ganz offensichtlich nicht nur auf die Chefetagen: Gebäudereiniger in Frankfurt Bild: Daniel Pilar

Deutschlands „Elite“ müsse künftig ihrer Verantwortung besser gerecht werden, heißt es jetzt allenthalben. Aber was ist damit gemeint? Und wer oder was ist denn überhaupt die Elite der Gegenwart?

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          Eine junge Frau, Tochter aus sozialdemokratischem Lehrerhaushalt, bewirbt sich kurz vor dem Ende ihres Studiums bei McKinsey. Einfach mal so, ohne große Ambitionen. Das Auswahlverfahren der Unternehmensberatung gilt zwar als extrem hart, aber die Mittzwanzigerin übersteht die erste Runde und wird zum Assessment-Center nach Griechenland eingeladen. Dort darf sie in einem Luxushotel schon mal ein bisschen McKinsey-Luft schnuppern und lernt Leute kennen, die vielleicht schon bald ihre Kollegen sein könnten. Mario zum Beispiel, einen charmanten Berater, der mit dreißig Jahren bereits ungezählte Leute entlassen, überbordende Kosten gesenkt und damit unter anderem eine marode Fluggesellschaft saniert hat. Dieser Mario ist dermaßen von der Gewissheit durchdrungen, „Elite“ zu sein, dass ihm die wachsende Skepsis der Bewerberin überhaupt nicht auffällt. Die merkt nämlich bald, wie unbehaglich sie sich in der Welt der alerten, selbstverliebten consultants fühlt - und verzichtet freiwillig. Stattdessen beschließt die junge Frau, ein Buch über Eliten zu schreiben.

          So weit, so rührend. Die junge Frau heißt Julia Friedrichs, ihr Buch ist vor wenigen Tagen bei Hoffmann und Campe erschienen (“Gestatten: Elite - Auf den Spuren der Mächtigen von morgen“), am Dienstagabend wurde es in Berlin im Rahmen einer Podiumsdiskussion der Öffentlichkeit präsentiert. Gut möglich, dass Verlagsleiter Günter Berg anstatt des kokett-schäbigen Kreuzberger Versammlungssaals einen etwas repräsentativeren Ort dafür gewählt hätte, wäre ihm die Tragweite des Themas schon vor ein paar Wochen bewusst gewesen. Aber damals konnte ja noch keiner ahnen, was für eine hektische Elite-Diskussion es auslösen würde, als an einem Donnerstagmorgen im Februar die Steuerfahndung an der Villa eines gewissen Dr. Zumwinkel in Köln-Marienburg klingelte. Jedenfalls berichtete diese Woche sogar das ZDF im „heute-journal“ von der Podiumsveranstaltung in einem Berliner Hinterhof.

          Zu einig in der Eliten-Skepsis

          Vielleicht hätte der Abend in anderer Besetzung ganz interessant werden können, aber für eine muntere Debatte waren sich die Leute oben auf dem Podium - neben der Autorin selbst saßen dort der Eliten-Forscher und Sozialist Michael Hartmann sowie der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs - einfach zu einig in ihrer grundsätzlichen Eliten-Skepsis. So kam die vermeintliche Elite also nicht etwa in Form eines leibhaftigen McKinsey-Beraters zu Wort, sondern nur in einem Filmausschnitt mit einer leicht hysterisch wirkenden Mutter, deren kleiner Sohn in einem „Elite-Kindergarten“ lernen soll, wie man Spielzeugmonster für Gleichaltrige vermarktet. Ganz falsch wird der Soziologieprofessor Michael Hartmann nicht gelegen haben mit seiner Einschätzung, Bildungseinrichtungen dieser Art seien weniger eine Frage von Eliten als vielmehr ein simples Geschäftsmodell, mit dem sich verunsicherten Mittelschichtseltern viel Geld aus der Tasche leiern lässt.

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