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„F.A.Z.-Leser helfen“ : Mit gutem Deutsch zu besseren Mitarbeitern

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Gepflegter Humor: Nazan Sezgin hat erst durch einen Sprachkurs die Chance zum Aufstieg bekommen. Bild: Wolfgang Eilmes

Dass Flüchtlinge berufsbezogen Deutsch lernen, ist bei ihrer Integration zentral. Denn ohne Sprachkenntnisse fühlen sich viele blind und taub - wie Nazan Sezgin. Ein Projekt für Fachkräfte in der Altenhilfe zeigt, wie Integration gelingt.

          Blind und taub hat sich Nazan Sezgin früher gefühlt. Doch das ist zum Glück vorbei. Nicht, weil sie ein Augen- oder Ohrenleiden gehabt hätte, das geheilt wurde. Sie konnte einfach nicht genug Deutsch. Das hat sie so sehr eingeschränkt, dass sie sich von ihrer Umgebung wie abgeschnitten fühlte, blind eben und taub - im Alltag, im Beruf. „Es waren verlorene Jahre“, erinnert sich die heute Einundvierzigjährige.

          Mittlerweile aber kann sie sich ohne Probleme verständigen, auch an ihrem Arbeitsplatz im Victor-Gollancz-Haus. In dem Altenzentrum in Sossenheim ist sie als examinierte Altenpflegerin tätig. 2011 begann für Sezgin der Weg zu diesem Beruf. Vorher war sie lediglich Pflegehelferin, auch wegen ihrer lückenhaften Sprachkenntnisse. Das Ziel fest vor Augen, begann sie mit einem Lehrgang, den der Frankfurter Verband für Alten- und Behindertenhilfe Mitarbeitern aus Zuwandererfamilien anbot. Der Verband betreibt auch das Victor-Gollancz-Haus.

          „Die Sprache ist das wichtigste“

          Drei Jahre lang eignete sich Sezgin das nötige Fachwissen an. Von großer Bedeutung war für sie ein auf das Berufsleben zugeschnittener Sprachförderkurs, ohne den sie ihr Ziel nicht erreicht hätte, als Altenpflegerin eigenständig und sicher arbeiten zu können.

          Dass sie 2014 die Prüfung bestanden hatte, wollte sie erst gar nicht glauben, wie sie berichtet. Aber sie hat es geschafft - so wie weitere Kolleginnen mit ausländischen Wurzeln in anderen Häusern des Frankfurter Verbands. Mittlerweile hat die dritte Qualifizierungsrunde begonnen, die gezielte Sprachförderung gehört nach wie vor dazu. Dafür werden die Mitarbeiter zu einem kleinen Teil der Arbeitszeit freigestellt, müssen aber auch in ihrer Freizeit lernen.

          „Die Sprache ist das wichtigste“, sagt Sezgin. Das wusste sie, die vor gut 20 Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam, zwar schon immer. Aber herkömmliche Sprachkurse hatte sie bald abgebrochen. Erst der Intensivkurs in der Qualifizierung, den sie zusammen mit einer Kollegin aus dem Gollancz-Haus bei Meta Cehak-Behrmann gemacht hat, brachte sie voran. Wie dankbar Sezgin ihr immer noch ist, zeigt allein dieser Satz: „Sie hat uns gerettet.“

          Der Deutschkurs ist eng an den Berufsalltag angelehnt

          Cehak-Behrmann ist Philologin und leitet ein Projekt, das nun Flüchtlingen genauso helfen soll wie Nazan Sezgin und für das die Rhein-Main-Zeitung in diesem Jahr um Spenden bittet. Cehak-Behrmann und ihre Kollegin Alessandra Klein wollen von Januar an Sprachlehrer ausbilden, die Flüchtlingen berufsbezogen Deutschunterricht geben, damit sie gut integriert werden können. Das Projekt heißt „Faberis“, die Kurzform von „Fachstelle für berufsintegriertes Sprachlernen“.

          Dass ein solches Angebot erfolgreich ist, zeigen die Erfahrungen im Frankfurter Verband. Mehrere Elemente sind dafür wesentlich, und sie sollen nun beim Sprachtraining für Flüchtlinge zum Tragen kommen, für das Cehak-Behrmann und Klein gerade den Lehrplan schreiben.

          Indem der Deutschkurs eng an den Berufsalltag angelehnt ist, lernen Kursteilnehmer nicht nur das, was sie fachlich wissen müssen, sondern sind auch motivierter. Das zumindest hat Frédéric Lauscher festgestellt, der Vorstand des Frankfurter Verbands. „Es gibt einen Bezug zur Realität, und die Mitarbeiter wissen, wozu sie lernen.“

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