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Des Rätsels Lösung : Die Leiche im Keller ist nicht Rosa Luxemburg

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Das Buch „Rosa Luxemburgs Tod – Dokumente und Kommentare” soll nun alles aufklären Bild: dpa

Wurde Rosa Luxemburg 1919 auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin beigesetzt oder liegt sie seit 90 Jahren im Keller der Berliner Charité? Am Donnerstag soll sie erscheinen - in Buchform: die ganze Wahrheit über den Tod der ermordeten Revolutionärin.

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          Am Donnerstag soll sie erscheinen – in Buchform, auf 204 Seiten: die ganze Wahrheit über den Tod Rosa Luxemburgs. „Dieser Band klärt alles auf“, sagt der Frankfurter Autor und Regisseur Klaus Gietinger, einer der Herausgeber des Buches „Rosa Luxemburgs Tod – Dokumente und Kommentare“. Für ihn ist der Fall klar: Der Leichnam der ermordeten Revolutionärin wurde am 13. Juni 1919 auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin beigesetzt – und liegt keinesfalls seit 90 Jahren im Keller der Berliner Charité. Mit dieser Vermutung war Michael Tsokos, Leiter der Rechtsmedizin der Charité, im Mai vergangenen Jahres an die Öffentlichkeit getreten.

          Es gelang Tsokos nicht, einen Beweis für seine These zu finden, dafür aber, eine Schar von Fachleuten gegen sich aufzubringen. „Ich unterstelle ihm eine gewisse Publicity-Neigung“, sagt Gietinger. „Diese ganze Geschichte ist eine PR-Ente, an den Haaren herbeigezogen“, sagt Volkmar Schneider, Tsokos’ Vorgänger an der Charité, dessen Amtsübergabe an den jungen Kollegen nicht ohne Reibungen verlief. Auch Schneider hat Dokumente gegen seinen Nachfolger gesammelt, die er vor Weihnachten in einem Pamphlet zusammenstellte und an Freunde und Bekannte versandte. „Darin habe ich ihn Punkt für Punkt widerlegt.“

          Einer Öffnung der Gräber stimmte Irene Borde nicht zu

          Tsokos fühlt sich von seinen Kritikern verfolgt: „Das nervt langsam.“ Er habe nur einen spannenden Fall lösen wollen, als er bei seinem Amtsantritt Anfang 2007 eine unbekannte Wasserleiche im Keller der Charité vorfand, die das Gerücht umgab, es handele sich um die sterblichen Überreste Rosa Luxemburgs. Um durch persönliche Gegenstände der Revolutionärin an DNA-Material für einen Abgleich mit dem Torso heranzukommen, wandte Tsokos sich früh an die Öffentlichkeit – ohne Erfolg. Zwar spürte er das Herbarium Rosa Luxemburgs in einem Archiv in Warschau auf, aber der Pflanzensammlung war kein verwertbares DNA-Material zu entnehmen. Mit Irene Borde fand er in Israel eine Großnichte der Revolutionärin, die allerdings verwandtschaftlich zu weit entfernt war für einen Vergleich des Erbgutes. Zuletzt scheiterte der Versuch, Rosa Luxemburgs Eltern exhumieren zu lassen. Einer Öffnung der Gräber in Warschau stimmte Irene Borde nicht zu – nachdem sie, nach Angaben Tsokos’, zunächst ihr Einverständnis erklärt hatte.

          Seine Kritiker werfen Tsokos vor, er habe mit dem schlagzeilenträchtigen Fall den Verkauf seines Buches „Dem Tod auf der Spur. Dreizehn spektakuläre Fälle aus der Rechtsmedizin“ ankurbeln wollen. Bis zum November waren es noch zwölf Fälle, seitdem prangt ein roter Hinweis auf dem Cover: „Jetzt mit seinem neuesten Fall Rosa Luxemburg“. Das sei die Idee seines Verlages gewesen, sagt der Rechtsmediziner, der er aus heutiger Sicht nicht noch einmal zustimmen würde. Tsokos unterschätzte wohl, dass seine These den Irrtum anderer bedeutet. Forscher und Biographen von Rosa Luxemburg hätten demnach schlecht recherchiert. So auch Gietinger, der 2008 das Buch „Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung Rosa Luxemburgs“ veröffentlichte. Und Tsokos’ Vorgänger Schneider sah sich auf einmal mit dem Vorwurf konfrontiert, möglicherweise jahrelang den Leichnam Rosa Luxemburgs im Keller seines Instituts liegen gehabt zu haben, ohne sich um den Fall zu kümmern. „Ich glaube, er wusste noch nicht einmal von der Leiche“, sagt Tsokos. Schneider dagegen sagt, er habe sehr wohl von den Gerüchten um die unbekannte Wasserleiche gehört und habe sie daher eingehend untersuchen lassen. Es habe keinen Hinweis darauf gegeben, dass es sich um die Revolutionärin handele.

          Wer die Tote aus der Charité ist, bleibt weiter ungeklärt

          Für Schneider ist der Fall Luxemburg eine Frage der Ehre. Seiner eigenen, aber vornehmlich der von Fritz Strassmann und Paul Fraenckel, seinen Vorgängern an der Charité. Strassmann und Fraenckel hatten den angeblichen Leichnam Rosa Luxemburgs nach ihrer Entdeckung am 31. Mai 1919 im Berliner Landwehrkanal obduziert. Nach Angaben Tsokos’ hätten sie unter dem Druck des Militärs eine andere Tote als Rosa Luxemburg ausgegeben – den Obduktionsbericht, der im Freiburger Militärarchiv lagert und den Tsokos einsah, hätten sie jedoch mit versteckten Hinweisen auf das Komplott versehen: etwa mit dem Vermerk eines fehlenden Hüftschadens, den Rosa Luxemburg aber gehabt habe. „Strassmann war der bedeutendste Gerichtsmediziner seiner Zeit. Es hat mich geärgert, dass Tsokos sagt, er hätte sich der Fälschung hingegeben“, sagt Schneider. Den Obduktionsbericht hält er für tadellos. „Er ist in sich schlüssig, es gibt keinen Ansatz für einen Zweifel. Ich weiß gar nicht, wie ein erfahrener Rechtsmediziner wie Tsokos zu solch einer Fehleinschätzung kommen kann.“

          Der Berliner Historiker Jörn Schütrumpf, Verleger der Werk- und Briefausgabe von Rosa Luxemburg, teilt dagegen Tsokos’ Meinung. „Den Obduktionsbericht können nur ein Historiker und ein Rechtsmediziner gemeinsam verstehen. Es ist eindeutig, dass gefälscht wurde.“ Die Militärs hätten zunächst tatsächlich geglaubt, den Leichnam der Revolutionärin gefunden zu haben, erst bei der Obduktion sei der Irrtum aufgefallen. „Aber das hätte der Regierung niemand geglaubt. Also haben sie die Flucht nach vorne angetreten und haben die Leiche als Rosa Luxemburg beerdigt, damit Ruhe herrscht. Das haben die Historiker nicht begriffen. Sie haben jahrelang ihre Hausaufgaben nicht gemacht.“ Für Schütrumpf, der zusammen mit Tsokos monatelang nach einem Beweis für oder gegen dessen These forschte, steht derzeit nur fest, dass 1919 die falsche Leiche beerdigt wurde. Ende offen – wer die Tote aus der Charité ist, bleibt weiter ungeklärt. „Wir können nicht beweisen, dass sie nicht Rosa Luxemburg ist.“

          Tsokos hegt noch immer einen Rest Hoffnung, irgendwann DNA-Material Rosa Luxemburgs mit dem des Torsos aus der Charité, dem Kopf, Hände und Füße fehlen, vergleichen zu können. Die unbekannte Wasserleiche wird nach 90 Jahren nun immerhin ihre letzte Ruhe finden. Sie soll in den kommenden Wochen beerdigt werden.

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