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Großputz vor dem Pessachfest : Auf der Jagd nach dem letzten Brotkrümel

Ultraorthodoxe Familie beim Pessach-Fest Bild: Picture Alliance

Bevor am Montag das Pessachfest beginnt, steht in vielen jüdischen Familien ein Großputz auf dem Programm. Die wochenlangen Vorbereitungen sind mit strengen Vorschriften verbunden.

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          In der Küche herrscht Chaos. Ruth Tick hat den riesigen silbernen Kühlschrank leergeräumt. Lebensmittel stapeln sich auf allen freien Flächen. „Es ist kaum zu glauben, was sich alles zwischen den Gummidichtungen versteckt“, sagt sie und schrubbt weiter an der Tür. Sheyna, die Tochter ihrer besten Freundin, schaltet den Staubsauger ein und reinigt die Schubladen, die sie zuvor leergeräumt hat. Die 50 Jahre alte Therapeutin aus Jerusalem hat eigens ein paar Tage freigenommen, um rechtzeitig mit dem großen Pessach-Putz fertig zu werden. Doch die Zeit wird knapp.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Am Montagabend beginnt das jüdische Pessachfest. Es dauert acht Tage und erinnert an den Auszug aus Ägypten. Auf ihrer Flucht hatten die Juden damals keine Zeit, den Brotteig gehen zu lassen. Sie aßen ungesäuertes Brot. Daran erinnern die Mazzen aus Wasser und Mehl, die gläubige Juden während der Pessachfeiertage verzehren. Ihnen ist es auch untersagt, in diesen Tagen anderes „Gesäuertes“ (Hebräisch: Chamez) zu sich zu nehmen oder zu besitzen. Darunter versteht man alle Getreideprodukte, die unter dem Einfluss von Feuchtigkeit oder Hitze zu gären beginnen können. Verboten ist gläubigen Juden auch alles, was sich aus Getreide herstellen lässt. Dazu gehören Nudeln, Kuchen, Kekse, Bier und Whiskey. Bis zum Montagnachmittag muss in guten jüdischen Haushalten der letzte Brot- und Gebäckkrümel beseitigt sein.

          200 Seiten mit verschiedenen Regeln

          „Ich gebe mein Bestes, aber ich lasse mich nicht mehr verrückt machen wie früher“, sagt Ruth Tick und trägt die Regalböden und Schubladen des Kühlschranks ins Bad. In der Badewanne rückt die Mutter von vier Kindern dem hartnäckigen Dreck mit dem Strahl der Dusche zu Leibe. Wenn sie richtig Zeit hätte, würde sie am Ende noch mit der Zahnbürste nacharbeiten. Da sie berufstätig ist, fehlt ihr dafür die Zeit. Manche Frauen seien vom wochenlangen Putzen erschöpft und nachgerade traumatisiert, wenn das Pessach-Fest endlich beginne, sagt Ruth Tick. Die Mutter von Scheyna, die ihr an diesem Tag hilft, hat zum Beispiel schon knapp einen Monat vor den Feiertagen mit der Putzaktion begonnen, damit ihr Haus pünktlich „koscher für Pessach“ ist. Andere Hausfrauen fangen schon im Januar oder Februar an und arbeiten sich generalstabsmäßig Zimmer für Zimmer vor.

          Auf Ruth Ticks Küchentisch liegt ein mehr als 200 Seiten dickes Buch, in dem alle Vorschriften stehen, die es zu beachten gilt. Trotzdem heißt es dort immer wieder: „Im Zweifelsfall fragen sie besser ihren Rabbiner.“ Die jüdischen Religionsgelehrten gemahnen ihre Gemeinde daran, dass es sich nicht um einen normalen Frühjahrsputz handelt, um nach dem Winter gründlich Staub und Spinnweben zu entfernen: Vor Pessach gehe es nur um die schonungslose Jagd auf die allerletzten Chamez-Reste. Selbst die Klagemauer in Jerusalem bleibt nicht verschont. Dort entfernen Mitarbeiter des zuständigen Rabbiners alle Wunschzettel, die Besucher in die Ritzen gesteckt haben.

          Auch die Klagemauer wird gereinigt: Ein Arbeiter entfernt fromme Wünsche aus den Ritzen.
          Auch die Klagemauer wird gereinigt: Ein Arbeiter entfernt fromme Wünsche aus den Ritzen. : Bild: REUTERS

          Legosteine kommen in die Spülmaschine

          Zu Hause kann sich Chamez überall verbergen. Manche Familien nehmen sich deshalb auch die Computertastatur und die Ritzen zwischen den Autopolstern vor. Das Buch bei Ruth Tick gibt Anweisungen dazu, wie mit künstlichen Zähnen und Kosmetika zu verfahren ist. Cremes und Medikamente können möglicherweise Alkohol enthalten, der aus Getreide hergestellt wurde. Sogar das Kinderspielzeug wird gereinigt: Es gibt Eltern, die Teddy-Bären in die Waschmaschine stecken und Legosteine in die Spülmaschine werfen. Halten das die Spielsachen nicht aus, werden sie manchmal über Pessach weggesperrt. Das ist nicht so schlimm, wie es klingt, weil Kinder oft am ersten Pessachabend reichlich beschenkt werden. Aber auch sie müssen sich an die strengen Regeln halten: Sind ihre Zimmer sauber, dürfen sie dort keinen einzigen Keks mehr essen. Neue Brösel würden eine neue Putzaktion nach sich ziehen. Erfahrene Mütter empfehlen, den Kleinen nur noch koschere Knabbereien zum Beispiel aus Reis zu geben. Dann genüge es, vor dem Fest Staub zu saugen.

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