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Der neue Konsument : Wir Gutbürger

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Erstmal zu Chanel: Der neue Gutbürger prüft, überlegt, macht Umwege, sogar Reisen, nur um an ein Produkt zu kommen. Bild: Fricke, Helmut

Es geht nicht mehr nur um gesunde und nachhaltige Produkte. Der neue Konsument betreibt einen enormen Aufwand, um ein abwegiges Nischenprodukt zu erwerben. Er will die bedrohte wirtschaftliche Artenvielfalt retten.

          Nach den Lohas sind wir dran. Nach dem „Lifestyle of Health and Sustainability“ jetzt also ein neuer Typ Konsument, der beim Einkauf von Gebrauchsgegenständen und Verbrauchsmitteln eine nie dagewesene Sorgfalt an den Tag legt: Wir, die Gutbürger. Wir gehen nicht einfach in die Drogerie, wenn wir eine Zahnpasta brauchen, oder in den Supermarkt, wenn wir Lust auf Kekse haben. Nein, wir informieren uns, vergleichen, gehen entlegenen Hinweisen nach, prüfen, überlegen, machen Umwege, sogar Reisen, und geben Sonderanfertigungen in Auftrag. Der Gutbürger kauft eine rare britische Kräuter-Zahnpasta im Museums-Shop in Bilbao, hausgebackene Mohn-Käse-Monde in einer Südtiroler Käserei, ein französisches Pfeffer-Spülmittel in einem Berliner Hinterhof-Concept-Store oder lässt sich ein limitiertes Surfer-Sweatshirt aus einer Hütte in Venice Beach mitbringen.

          Warum all dieser Aufwand, um am Ende ein möglichst abwegiges Nischenprodukt zu erwerben, das zwar teurer ist, aber auch nicht besser? „Schade um das schöne Geld“, sagen die Aldi-Bürger. „Warum tun die sich das an?“, rätseln die Feuilletonisten. Zunächst hatten sie die Gutbürger verdächtigt, einfach nur „Früher-war-alles-besser-Bürger“ zu sein. Als sich herausstellte, dass viele von ihnen technikaffine Early Adopter sind, machten sie aus ihnen „Ich-bin-was-Besseres-Bürger“. Dabei ist der Gebrauch einer Zahnpasta sicher nicht das effektvollste Mittel, um materiell und kulturell Minderbemittelte zu snobben. Die Lohas wollten gesunde und nachhaltige Produkte.

          Warum unser Herz für David schlägt

          Marktforscher beobachten nun im Auftrag der Konzerne uns Gutbürger beim Suchen, Grübeln, Zögern. Womöglich wissen wir gar nicht genau, was wir wollen. Ich verrate Ihnen hier das Geheimnis: genau! Wir wissen tatsächlich oft nicht, was wir wollen. Aber wir wissen genau, was wir nicht wollen. Wir sind die Protestwähler des Konsums. Warum sympathisieren wir mit Manufakturen, Familienbetrieben, Hinterhöfen, Seitenstraßen? Falsche Frage.

          Richtiger: Warum entziehen wir den Marktführern, Ketten, Fußgängerzonen, Shopping Malls unser Geld? Es ist ganz einfach: Wirtschaftliche Machtkonzentrationen führt als Form des Marktversagens zu volkswirtschaftlich ineffizientem Ressourceneinsatz und unerwünschten Verteilungswirkungen. Man begreift es, wenn man eine Dreiviertelstunde in der Warteschleife einer Kunden-Hotline festhängt. Wenn man liest, wie Lebensmittelkonzerne Kennzeichnungspflichten zu Fall bringen, wie Versandhändler ihre Lagerarbeiter ausbeuten, unter welchen Zuständen in den fernöstlichen Zulieferbetrieben der Textilketten gearbeitet wird, wie Konzerne, die fast überall tätig sind, fast nirgends Steuern zahlen …

          Unser Herz schlägt für David, weil wir mit Goliath schlechte Erfahrungen gemacht haben. Den Lohas war wichtig, was sie kaufen. Wir Gutbürger heben den Konsum auf eine neue Ebene: Wir überlegen uns genau, was wir kaufen und von wem wir es kaufen. Vielleicht ist unser Leben deshalb so kompliziert. Und vielleicht sind wir deshalb wirklich die besseren Bürger. Na ja, falls Sie mich irgendwo mit meinen lederbezogenen britischen Hosenklammern auf meinem in Detroit maßgefertigten Retro-Rennrad mit Holzfelgen sehen, brauchen Sie nicht anzuhalten, um mir dafür zu danken, dass ich die bedrohte wirtschaftliche Artenvielfalt rette. Ist schon in Ordnung so. Wir tun das gern für Sie.

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