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Der Menschenfresserberg : Zehntausende starben am Hartmannsweilerkopf

Die Bergkuppe soll ein deutsch-französischer Gedenkort werde. Bild: Rüdiger Soldt

Bis zu 30.000 deutsche und französische Soldaten starben im Ersten Weltkrieg am Hartmannsweilerkopf. Für 2014 ist dort Großes geplant: ein Vorzeigeprojekt für die deutsch-französische Freundschaft. Aber wird daraus auch etwas?

          Es ging um wenig. Um einen Blick ins Rheintal, eine Eisenbahnlinie und ein paar Quadratkilometer. „Ruhige Front“ hieß das Elsass im Ersten Weltkrieg. Die Bergkuppe Hartmannsweilerkopf, 956 Meter hoch, war ein Nebenkriegsschauplatz. Dennoch starben hier bis zu 30.000 Soldaten. Vier Jahre lang lagen deutsche und französische Truppen in den Schützengräben auf dem Hartmannsweilerkopf, der in Frankreich „Vieil Armand“ heißt. Vier Jahre war der Hartmannsweilerkopf eine toxische Welt für sich.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Systematisch trieben deutsche und französische Soldaten Stollen in die Bergkuppe, bis sie durchlöchert war. Die Deutschen verlegten ihren Telefondraht unterirdisch und verwendeten gewalzten Stahl für die Schutzzäune. Die sollten verhindern, dass die Handgranaten des Feindes in die Schützengräben rollten. Die Franzosen verlegten die Telefonkabel oberirdisch und benutzen für die Schutzzäune gewickelten Stahl. Feine Unterschiede in der Kriegsführung.

          Die deutschen Soldaten verschanzten sich in Bunkern, die Franzosen bauten Blockhäuser. Eine Seilbahn half, deutsches Material auf die Bergkuppe zu bringen.

          Die Soldaten standen knietief in Urin, Kot und Leichenteilen

          Im Winter standen die Soldaten knietief im kalten Schützengrabensumpf aus Wasser, Urin, Kot, Munitionsresten und Leichenteilen. Ruhr, Cholera und Typhus breiteten sich aus. In den heißen Sommermonaten war der Geruch unerträglich. Fünf Meter waren deutsche und französische Soldaten voneinander entfernt, sie mussten flüstern, um sich nicht zu verraten.

          Der durch Artilleriebeschuss und Giftgaseinsatz kahlrasierte Hartmannsweilerkopf wurde zum „Montagne de la Mort“ oder „Mangeur d’hommes“, zum „Todesberg“ oder „Menschenfresser“. Schafhirten aus den Pyrenäen und Bauern aus dem Schwarzwald schickten ihre Söhne 1914 auf den Hartmannsweilerkopf und sahen sie nie wieder.

          Auf dem Aussichtsfelsen des Hartmannsweilerkopfes steht heute ein weißes Gipfelkreuz. Jedes Jahr kommen 200.000 Besucher, mehr als die Hälfte sind Deutsche. Von 90 Kilometern Schützengräben sind 60 Kilometer geblieben, außerdem rund 600 Bunker und Unterstände. Die meisten Gräben sind noch begehbar, an manchen Stellen allerdings zugewachsen - Spaziergänger sollen auf Kreuzottern achten. Die in den Granit gehauenen Munitionsfächer haben Moos angesetzt. Schützenmauern aus betongefüllten Sandsäcken stehen noch, die textile Struktur der Leinensäcke ist zu erkennen.

          Die Franzosen verwendeten gewickelten Stahl für ihre Schutzzäune, die Deutschen gewalzten. Bilderstrecke

          Seit ein paar Jahren gibt es zaghafte Versuche, aus dem Schlachtfeld einen deutsch-französischen Gedenkort zu machen. „Der Hartmannsweilerkopf ist das interessanteste Gebirgsschlachtfeld der Westfront, es ist auch eines der am besten erhaltenen Schlachtfelder im Westen“, sagt Jean Klinkert vom „Comité du Monument National du Hartmannsweilerkopf“.

          In der Nähe eines ehemaligen Artilleriebeobachterhäuschens der Franzosen auf der Kuppe haben eine deutsche Reservistenkameradschaft und der französische Verein „Freunde des Hartmannsweilerkopfes“ schon einmal ein Freundschaftsbäumchen gepflanzt. Es sieht mickrig aus. 2008 gab es eine Zeremonie zum 90. Jahrestag des Waffenstillstands mit den Verteidigungsministern. Zum hundertsten Jahrestag des Kriegsbeginns im nächsten August ist Großes geplant: Der französische Präsident François Hollande und der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck sollen Anfang August auf dem ehemaligen Schlachtfeld den Grundstein für ein Museum legen. Bis dahin soll ein Geschichts-Parcours mit 45 Tafeln in französischer, deutscher und englischer Sprache fertig sein. Doch noch ist davon kaum etwas zu sehen.

          Fünf Kilometer Geschichtslehrpfad

          Etwa dreihundert Meter östlich der Kuppe des Todesbergs liegt der französische Soldatenfriedhof mit 1264 Grabsteinen. Ein weißer islamischer Grabstein fällt schon von weitem auf. 1932 bauten die Franzosen eine „Nationale Gedenkstätte“ in Form einer Krypta, auf deren Dach ein gigantischer Sarkophag steht. In der Krypta gibt es einen katholischen, einen evangelischen und einen jüdischen Altar. In den Wänden sind viele Sprenglöcher. Die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg ließen sich von der Sprengung abhalten, weil der französische Bürgermeister ihnen klarmachte, dass in dem Massengrab auch die Gebeine deutscher Soldaten liegen.

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