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Der Maler : Der Rollenkünstler

Mammutaufgabe: Christoph Wetzel Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Stundenlang muß er sich über sechs mal fünfeinhalb Meter große Packpapierplanen beugen: Christoph Wetzel malt die Innenkuppel der Dresdner Frauenkirche originalgetreu aus.

          Was hoch hinaus soll, braucht ein gutes Fundament. Bevor Christoph Wetzel ein Bildnis in der Kuppel der Dresdner Frauenkirche malt, muß er sich stundenlang über sechs mal fünfeinhalb Meter große Packpapierplanen beugen, um mit Kohlekreide, die er an ein Stöckchen gebunden hat, die Umrisse des Evangelisten Johannes auf das Papier zu übertragen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Immer wieder blickt er auf seinen auf Leinwand gemalten Entwurf, den er am Kopfende der Papierbahn aufgerichtet hat. Zur besseren Orientierung bei der Vergrößerung hat Wetzel den Johannes-Entwurf und das Papier mit einem Quadratnetz überzogen. Nach Stunden des Zeichnens, Schauens, Zögerns, Verbesserns hat Wetzel den Karton fertiggestellt. Dann geht seine Frau Elke für ihn auf die Knie. Im Abstand von etwa einem Zentimeter sticht sie die Umrißlinie des Johannes auf dem Karton mit einer Ahle durch. Durch die Löcher wird später Kohlestaub auf die Innenseite der Kuppel durchgepinselt.

          Malen nach Zahlen

          „Malen nach Zahlen“, sagt Wetzel, der sich zum Steinmetz und Restaurator ausbilden ließ und Malerei studierte, der sich als passionierten Porträtmaler bezeichnet und der sich vor dem größten Auftrag seines Lebens nie mit Kirchenmalerei beschäftigte. Doch der seit Jahrhunderten bewährte aufwendige Weg vom Entwurf über den zur Anpassung an die Wölbung teilweise zerschnittenen Karton zum überlebensgroßen Kuppelbild ist die einzige Möglichkeit, mit den Tücken der Perspektive fertigzuwerden. „Wegen der Doppelwölbung der Kuppel würde ich selbst mit jeder Art von High-Tech-Projektion hilflos einbrechen“, sagt Wetzel, während er mit der Arbeit am Karton für das Motiv „Glaube“ beginnt. „Es ist wie beim Hausbau: Wenn man am Fundament schlampt, kann nichts werden.“

          Die Mühen der Vorbereitung begannen für Wetzel vor vielen Monaten mit dem Betrachten von Farbdias. Es ist ein Glück, daß die von Giovanni Battista Groni gemalten Kuppelbilder dank der 1943 angefertigten Dias nicht im Februar 1945 verlorengingen, als die Frauenkirche anderthalb Tage nach der Bombardierung Dresdens in sich zusammenstürzte. Doch schon auf den ersten Blick war Wetzel klar: Nicht einmal über die genaue Farbigkeit gaben die Dias Aufschluß. Vor sechs Jahrzehnten steckte die Farbfotografie noch in ihren Anfängen. Ganz deutlich machen die Fotos dagegen, daß die Gemälde durch mehrfache Übermalungen und Ausbesserungen stark verfälscht worden waren.

          Dem Zeitgeist angeglichen

          Auf dem Dia mit dem Wandbild des Evangelisten Lukas sah Wetzel ein Mann mit Kartoffelgesicht an: „Das ist nicht die Leichtigkeit des Barock.“ Aus verschiedenen Quellen geht hervor, daß die Kuppelgemälde schon Mitte des 19. Jahrhunderts in so schlechtem Zustand gewesen sein müssen, daß man sie ausbesserte. Schließlich entfernten Restauratoren in den vierziger Jahren an einigen Stellen den übermalten Putz, weil das Kuppelmauerwerk mit Eisenklammern stabilisiert werden mußte. Die danach nötigen Übermalungsarbeiten leitete der Dresdner Paul Rößler. Doch er konnte oder wollte sich nicht in die barocke Malweise einfühlen: Die Physiognomien glich er dem damaligen Zeitgeist an.

          Wie also sollte Wetzel die Kuppel der wiedererrichteten Frauenkirche möglichst originalgetreu ausmalen? Er entschied sich, die Dias einfach zur Seite zu legen, mehr über seinen Vorgänger Groni zu erfahren, dessen Form- und Farbensprache, dessen Blick auf die Welt zu studieren. Doch auch das war nicht leicht. Über Groni ist kaum mehr bekannt als daß er Theatermaler war und 1725 aus Venedig nach Dresden berufen wurde. Im nicht weit entfernten Schloß Moritzburg fertigte er illusionistische Malereien an. Über die Frage, weshalb nicht berühmte Kirchenmaler den verantwortungsvollen wie prestigeträchtigen Auftrag bekamen, die acht Kuppelbilder in der Frauenkirche zu malen (neben den vier Evangelisten die vier christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung, Barmherzigkeit), läßt sich nur spekulieren. Wahrscheinlich entschied man sich für Groni, weil er als Theatermaler dran gewohnt war, schnell zu arbeiten. Nur ein einziges Deckengemälde aus seiner Hand ist erhalten.

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