https://www.faz.net/-gum-7qm3w

Das Zentrum Moskaus : Was uns der Kreml zu sagen hat

Bild: F.A.Z.

Einst saßen hier Zar und Patriarch. Noch heute ist das Zentrum Moskaus ein Synonym für die russische Führung. Ein anschaulicher Rundgang durch den Kreml.

          Vor kurzem brachte die staatliche russische Nachrichtenagentur Interfax eine Meldung, die aufmerken ließ. „Doppelt so viele Drogenabhängige im Kreml wie im Durchschnitt in Russland“, stand da am Morgen des 23. Mai unter Berufung auf die Anti-Rauschgift-Behörde – und für einen Moment schien vieles, was in den vergangenen Monaten sonst mit Blick auf „den Kreml“ vermeldet wurde, Sinn zu ergeben: die angebliche vom Westen finanzierte faschistische Machtergreifung in Kiew – eine Halluzination im Dauerrausch, die Pläne, die vom Rohstoffverkauf nach Europa und vom Import elementarer anderer Güter abhängige Wirtschaft mal eben auf Asien und „Made in Russia“ umzustellen – Größenwahn auf schlechtem Trip, die Annexion der Krim und das Chaos in der Ostukraine – Beschaffungskriminalität.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Doch den Kreml-Deutern blieb dieses erfrischend einfache Erklärungsmuster versagt. Es war nämlich so, dass es in der Meldung über die Rauschgiftsüchtigen um die von Russland besetzte ukrainische Halbinsel ging: Ein glückloser Redakteur hatte eine falsche Überschrift gewählt, womöglich im Freudschen Sinne, und so der Meldung zu einer kurzen Karriere in sozialen Netzen verholfen.

          Das funktionierte freilich nur, weil der Kreml, das von einer fast zweieinhalb Kilometer langen Backsteinmauer eingegrenzte Areal im Herzen Moskaus, längst ein Synonym für die russische Führung ist. „Der Kreml“ verurteilt, weist zurück, leugnet, streitet ab, erhebt Vorwürfe. Selten begrüßt „er“ auch einmal etwas.

          „Über dem Kreml ist nichts als der Himmel“

          Einst saßen hier Zar und Patriarch, das Oberhaupt der russischen orthodoxen Kirche, gemeinsam. Auch während Sankt Petersburg Hauptstadt Russlands war, fanden im Kreml Krönungen und andere Feiern statt. Heute ist der Amtssitz Kyrills im Danilow-Kloster, Präsident Wladimir Putin bevorzugt seine Residenz in Nowo Ogarjowo vor den Toren der Hauptstadt, und der Geheimdienst FSB entscheidet aus der Lubjanka einige hundert Meter von dort. Dem Nimbus des Kreml als Ort der Entscheidungen kann das nichts anhaben.

          Reiseführer lehren, dass mit dem Bau der Festung auf einem Hügel über der Moskwa erst die Geschichte der Stadt begann. Laut Eva Gerberdings „Moskau“ besagt ein russisches Sprichwort: „Nichts ist über Moskau als der Kreml, und über dem Kreml ist nichts als der Himmel.“

          Eine Stadt um das „Epizentrum“

          Zunächst stand an dieser Stelle eine Holzfestung. Doch Iwan III., genannt der Große, der eine byzantinische Prinzessin geheiratet hatte, wollte nach dem Fall Konstantinopels 1453 ein „Drittes Rom“ bauen. Auch den Doppeladler, nach der Hammer-und-Sichel-Unterbrechung heute wieder das russische Wappentier, übernahm man von dort. Und so ließ er aus Italien Steinmetze und Architekten kommen, die ihm etliche Kirchen sowie die Backsteinmauer bauten: Sie ist bis zu sechseinhalb Meter dick und bis zu 19 Meter hoch. 18 Türme ergänzen sie. Die Stadt entstand in Ringen um dieses Zentrum, das der erwähnte Führer tragisch-treffend als „Epizentrum“ bezeichnet.

          Blick auf den Kreml (Klick ins Bild zum Vergrößern)

          Nach Osten grenzt der Kreml an den Roten Platz. Hier wurde der Bauernführer Stenka Rasin 1671 gevierteilt, hier ließ Zar Peter der Große gut ein Vierteljahrhundert später aufständischen Palastgarden die Köpfe abschlagen, hier gab es religiöse Prozessionen und gibt es die alljährlichen Paraden zum 9. Mai, dem Tag des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland. Dieses Jahr fand hier zum ersten Mal seit Ende der Sowjetunion auch wieder die Parade zum 1. Mai statt – unter vielen „Hurra“-Rufen, wegen Sonnenscheins und wegen der Krim.

          Weitere Themen

          Gegen die Zombies

          FAZ Plus Artikel: Erbe der Sowjetunion : Gegen die Zombies

          Wo früher die Sowjetunion war, herrschen heute oft Diktatoren, alte Seilschaften und Korruption. Immer mehr junge Leute, denen die eingeimpfte, angstvolle Einordnung ins Kollektiv fremd ist, wollen einen anderen Weg gehen.

          Blut für die Dämonen Video-Seite öffnen

          Brutale Hahnenkämpfe : Blut für die Dämonen

          Auf der indonesischen Ferieninsel Bali hält sich unter dem Deckmantel der Religion ein barbarischer Brauch. Tierschutzorganisationen sind alarmiert – für die Männer kann es der Bankrott bedeuten.

          Die Fortsetzung der Revolution

          Wahlen in der Ukraine : Die Fortsetzung der Revolution

          Die Ukrainer wählen an diesem Sonntag ein neues Parlament. Ihm werden voraussichtlich viele junge Menschen angehören, die sich bei einem Casting durchgesetzt haben – bei dem sie zur Probe „Gesetzentwürfe“ schreiben mussten.

          Topmeldungen

          Angriff auf Eritreer : Opfer wegen der Hautfarbe

          Der Schütze von Wächtersbach handelte aus rassistischen Motiven. Der niedergeschossene Eritreer war laut den Ermittlern ein Zufallsopfer. Ein Abschiedsbrief liefert ein weiteres Detail zur Tat.
          Blick ins Zwischenlager in Gorleben (Bild aus 2011)

          Atommüll-Entsorgung : So arbeitet Deutschlands erster Staatsfonds

          Wie kann man heute 24,1 Milliarden Euro anlegen? Die Antwort muss die Stiftung geben, die zur Finanzierung der Atommüll-Entsorgung gegründet wurde. Jetzt soll erstmals ein Gewinn zu Buche stehen.
          Außenminister: Jean-Yves Le Drian (links) und Heiko Maas (rechts)

          Regierungsbeschluss : Berlin will vorerst keine Schiffe an den Golf schicken

          Außenminister Heiko Maas will sich der Strategie Amerikas nicht anschließen. Da ist er sich mit seinem englischen und französischen Amtskollegen einig. Stattdessen sieht er die Anrainer in der Pflicht.
          Winfried – Markus, Markus – Winfried: Die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und Bayern, Kretschmann und Söder, in Meersburg

          FAZ Plus Artikel: Bayern und Baden-Württemberg : Auf der Südschiene

          Markus Söder und Winfried Kretschmann bemühen sich um Nähe zueinander. Der eine will umweltfreundlicher wirken, der andere ein wenig konservativer. Und beide sind sich einig, dass Deutschland einen starken Süden braucht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.