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: Der Kerpener Kosmopolit

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Vor einem Monat hatte Patrice Bart-Williams das größte Publikum seines Lebens. Es war am 24. Juli, einem Donnerstagnachmittag, und die Sonne stand schon tief, als er mit seiner Band auf die Bühne neben der Berliner Siegessäule trat und vor ungefähr 200 000 Zuschauern zu spielen begann.

          Von Alexander Marguier

          Vor einem Monat hatte Patrice Bart-Williams das größte Publikum seines Lebens. Es war am 24. Juli, einem Donnerstagnachmittag, und die Sonne stand schon tief, als er mit seiner Band auf die Bühne neben der Berliner Siegessäule trat und vor ungefähr 200 000 Zuschauern zu spielen begann. Eingängige Reggae-Nummern, ein angenehm folkiger Siebziger-Jahre-Sound, dazu die sanfte Stimme des neunundzwanzigjährigen Gitarristen: So also klingt Love & Peace anno 2008. Wer Woodstock verpasst hatte (und die meisten Anwesenden waren 1969 noch längst nicht auf der Welt), konnte hier eine Art Revival erleben. Obwohl der Top-Act des Abends überhaupt kein Musiker war, sondern Politiker: Barack Obama, Senator aus Illinois und nebenberuflicher Hoffnungsträger für mindestens die halbe Welt.

          Wie Patrice zu der Ehre kam, Obamas Vorprogramm zu bestreiten, weiß er selbst nicht so genau. Irgendjemand aus dem Team des Präsidentschaftskandidaten habe jedenfalls bei seinem Plattenlabel angerufen und gefragt, ob der Künstler verfügbar sei. "In einem politischen Kontext zu spielen ist ja grundsätzlich nicht unproblematisch. Aber das hatte schon etwas Historisches. Für jemand anderen als Obama hätte ich es wohl nicht getan." So spricht Patrice, der viel zu überlegt ist, um gleich in die weitverbreitete Obama-Euphorie zu verfallen. Aber er zollt ihm viel Respekt - allein schon dafür, "den Menschen den Glauben an die Politik zurückgegeben zu haben". Und dass Barack Obama nach seiner Rede noch Zeit zum Smalltalk hatte, fand Patrice besonders sympathisch. "Ehrlich gesagt, hat er sich mehr mit meiner Mutter unterhalten, die war hinterher ganz aus dem Häuschen." Patrice nimmt seine Mutter öfter mal mit zu Konzerten, er ist ein Familienmensch. Demnächst wird sie ihren Job in der Modebranche aufgeben, um ganz für ihren Sohn dazusein.

          Patrice ist einer der erfolgreichsten deutschen Künstler, auch wenn die People-Magazine hierzulande keine Notiz von ihm nehmen und er von der heimischen Fachpresse meist unter der Rubrik Neo-Reggae abgeheftet wird. Aber in Frankreich füllt er große Hallen wie das legendäre "Zénith" in Paris, ist Headliner bei riesigen Open-Airs wie dem Solidays-Festival, seine Songs laufen in afrikanischen Radiostationen genauso wie als Jingle im amerikanischen Frühstücksfernsehen. Da ist es eigentlich nur konsequent, dass ihm ausgerechnet ein Politiker aus dem Ausland die große Berliner Bühne bereitet hat - wo doch mit Sicherheit sogar Herbert Grönemeyer den Obama-Gig gern übernommen hätte.

          Patrice glaubt, dass sich seine Musik von selbst verbreitet und nicht auf großartige publizistische Hilfestellung angewiesen ist. Vor kurzem war er in Rumänien und gab dort ein Konzert vor Tausenden Fans. Die Begeisterung, mit der er als Star gefeiert wurde, hat ihn dann doch überrascht. Seine Nachforschungen ergaben folgendes: Irgendjemand hatte in einem der zurückliegenden Sommer eine schwarz gebrannte Patrice-CD an die rumänische Schwarzmeerküste gebracht, ein Jahr später liefen die Songs schon an jeder Strandbar zwischen Varna und Odessa. Wäre sein gefälliger Mix aus Reggae, Folk und Hiphop eine Krankheit, müsste wohl vor einer Epidemie gewarnt werden, die früher oder später sogar Deutschland erfassen dürfte wie zuletzt der Jack-Johnson-Virus. Überhaupt ein Wunder, dass es noch nicht längst passiert ist, denn was eingängige Melodien angeht, braucht Patrice keinen Vergleich mit dem singenden Surfer aus Kalifornien zu scheuen. Genauso entspannt und freundlich ist er übrigens auch.

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