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Bukarester Nationaloper : Der Vorhang geht auf, und das Orchester spielt nicht

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Die beiden Balletttänzer Julio Bocca und Alina Cojocaru inszenieren den Schwanensee von Tschaikowski. Bild: AP

Zu viele Ausländer im Ballett, die auch noch viel zu viel verdienten, so der Vorwurf in Rumänien. Übersteigerter Nationalismus und giftiger Neid zerstören den guten Ruf der Bukarester Nationaloper.

          Es ist der Albtraum der Sänger und der Tänzer: Der Vorhang geht auf, sie stehen vor vollem Haus im Scheinwerferlicht auf der Bühne, und dann – nichts. Der Dirigent blättert gelangweilt in der Partitur, und die Musiker fingern an ihren Instrumenten.

          Was sich am Donnerstag voriger Woche in der Bukarester Nationaloper ereignete, erinnert an Federico Fellinis Satire „Orchesterprobe“. Die Musiker weigerten sich, das zweite Klavierkonzert von Schostakowitsch zu Alexei Ratmanskys umjubelter Choreographie „DSCH“ zu Gehör zu bringen. Die Tänzer auf der Bühne, begründete Dirigent Tiberiu Soare dem verblüfften Publikum den Boykott, repräsentierten nicht das Ballett der Bukarester Nationaloper. Soare verzichtete auf Erläuterungen. Ohnehin wusste jeder schon, worum es in dem Streit ging, der seit drei Wochen den Opernbetrieb lahmlegt: Es gebe zu viele Ausländer im Ballett, klagen Soare und viele Mitglieder der Opern-Belegschaft, und die Ausländer verdienten viel zu viel.

          Am Montag dann verhängte die Personalabteilung der Oper über neun Künstler Hausverbot und erteilte dem Sicherheitsdienst den Auftrag, ihnen den Zutritt zu verwehren. An oberster Stelle der schwarzen Liste stehen die international renommierte Primaballerina Alina Cojocaru, ihr Verlobter, der dänische Tänzer und Choreograph Johan Kobborg, sowie der frühere interimistische Operndirektor George Calin. Aus dem Programm gestrichen wurde die Internationale Tanzgala, die an diesem Donnerstag stattfinden und Auszüge aus den Produktionen des Opernballetts zeigen sollte, darunter auch aus Choreographien Johan Kobborgs.

          Kobborg zu einfachem Ensemblemitglied herabgestuft

          Bis vor wenigen Jahren war die Bukarester Nationaloper eine der vielen unauffälligen postkommunistischen Bühnen, an denen renommiertere Häuser zuweilen ihren stimmlichen und tänzerischen Nachwuchs rekrutieren. So gut wie alles ging in Bukarest noch seinen sozialistischen Gang, als Kobborg das Royal Ballet in London verließ und im Dezember 2013 die künstlerische Leitung des Bukarester Opernballetts übernahm. Ungeachtet der dort herrschenden Lethargie und der vielen bürokratischen Hürden gelang es Kobborg, erstklassige Produktionen nach Bukarest zu bringen. Er engagierte ambitionierte in- und ausländische Tänzer und machte die Nationaloper in kurzer Zeit zu einer der besten Adressen im internationalen Ballettgeschehen.

          Alina Cojocaru, Erste Solistin des English National Ballet und dem deutschen Publikum als umjubelter Gaststar des Hamburg-Balletts bekannt, trat nun regelmäßig in ihrer Heimatstadt auf. Sie und Johan Kobborg verbindet seit 15 Jahren eine Tanzpartnerschaft, die Rezensenten zu Vergleichen mit Margot Fonteyn und Rudolf Nurejew anregte.

          Die Schwierigkeiten begannen, als Operndirektor Ioan Dinca unter Korruptionsverdacht geriet und sein Amt zurückgeben musste. Am 4. April beauftragte Kulturminister Vlad Alexandrescu den Dirigenten Tiberiu Soare mit der interimistischen Leitung des Hauses. Mit der Begründung, im Organigramm der Oper sei ein künstlerischer Ballettdirektor nicht vorgesehen, stufte Soare schon eine Woche später Kobborg zu einem einfachen Ensemblemitglied herab, woraufhin der gekränkte Däne seinen Abschied bekanntgab.

          „Eine der schwersten Entscheidungen, die ich je zu treffen hatte“

          Alina Cojocaru und 30 weitere rumänische und ausländische Tänzer versammelten sich noch am selben Tag zu einer Kundgebung für Kobborg vor der Oper, die von anderen Mitgliedern des Ensembles mit Buh-Rufen gestört wurde. Zeugen wollen gehört haben, dass dabei auch „Ausländer raus!“ gerufen wurde. Die ausländischen Tänzer, klagten alteingesessene Ensemblemitglieder, beherrschten nicht einmal die rumänische Sprache, die doch die einzige Amtssprache im Lande sei, und sogar Cojocaru, die in Kiew und in London ausgebildet wurde, spreche nicht akzentfrei rumänisch.

          Kobborgs Kritiker werfen ihm vor, die Bühne für seine eigene Profilierung missbraucht und sich auf Kosten der anderen Ensemblemitglieder bereichert zu haben. Es sei den rumänischen Tänzern nicht zuzumuten, dass sie nur 450 Euro verdienten, während Kobborg ein Salär in Höhe von 7300 Euro einstreiche, sagte ein Ensemblemitglied. Unerwähnt blieb, dass Kobborg in anderen Opernhäusern in vergleichbarer Position mit einem wesentlich höheren Gehalt rechnen könnte.

          „Es war eine der schwersten Entscheidungen, die ich je zu treffen hatte“, begründete Kobborg seinen Abschied, „aber angesichts der gegenwärtigen Lage im Management der Bukarester Nationaloper habe ich keine andere Wahl.“ Cojocaru, die in einer neuen Produktion als „Manon“ auftreten sollte, sagte ihre Teilnahme ab. Weitere Ballettmitglieder kündigten an, nicht mehr für die Nationaloper zu tanzen.

          Nicht der erste Konflikt dieser Art

          Als der Skandal immer weitere Kreise zog, setzte der Kulturminister den Dirigenten Soare ab und ernannte den Pianisten und Dirigenten Vlad Conta zum neuen interimistischen Operndirektor. Soare blieb aber im Management, und der Konflikt entflammte sich wieder an der Weigerung Kobborgs, mit ihm zusammenzuarbeiten. Nun musste auch Conta gehen. Unterdessen ist der Streit auf der Bühne in einen politischen um die personellen Fehlentscheidungen und Improvisationen des Kulturministers übergegangen, der innerhalb von nur drei Wochen vier Operndirektoren ernannt hatte. Am Mittwoch versuchte der stellvertretende Ministerpräsident Vasile Dîncu, eine Einigung zwischen den verfeindeten Lagern an der Oper herbeizuführen. Ein Ergebnis liegt noch nicht vor. Wie auch immer es ausfallen mag: Der Schaden, der durch Neid und nationale Verbohrtheit der Bukarester Nationaloper zugefügt wurde, wird ihrem Ansehen wohl noch lange zu schaffen machen.

          Es ist allerdings nicht der erste Konflikt dieser Art. Die Bukarester Affäre erinnert an die heftigen Auseinandersetzungen in der Tschechischen Philharmonie, als 1993 der Deutsche Gerd Albrecht als erster Ausländer zum Chefdirigenten ernannte wurde. Albrecht (1935 bis 2014) war nach Prag berufen worden, weil er sich im Westen für das tschechische Repertoire eingesetzt hatte. Nationalistisch inspirierte Intrigen, die unter anderem im Kreise der Berater Václav Havels auf der Prager Burg gegen ihn ausgeheckt wurden, veranlassten Albrecht 1996, sich von seinem geliebten Orchester zu verabschieden. Erst acht Jahre später kam es auf einer gemeinsamen Tournee zu einer Versöhnung zwischen dem deutschen Dirigenten und den tschechischen Philharmonikern.

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