https://www.faz.net/-gum-6u4h1

Wirtschaftskrise : Der griechische Anteil am griechischen Käse

Griechenland ist der drittgrößte Olivenölproduzent der Welt, doch etwa 60 Prozent des griechischen Exports gehen nach Italien, wo die eigentliche Wertsteigerung stattfindet Bild: Lüdecke, Matthias

In Athen wird heftig über ungenutzte Potentiale der griechischen Wirtschaft diskutiert. An griechischem Olivenöl etwa verdient Italien mehr als der Exporteur selbst.

          3 Min.

          In der Diskussion über die Zukunft Griechenlands wird immer wieder gesagt, dass ein Schuldenschnitt allein dem Land nicht helfe, weil es in seiner derzeitigen Verfassung bald wieder vor dem Bankrott stehen werde. In ihrer heutigen Form ist die griechische Wirtschaft tatsächlich ein Auslaufmodell. Ohne gesundes Wirtschaftswachstum mit einem größeren Exportanteil wird der Balkanstaat seine Krise nicht überwinden. Doch woher soll das Wachstum kommen? "Tourismus" und "Landwirtschaft" sind oft genannte Antworten, aber über solche Schlagworte hinaus war dazu bisher meist wenig zu hören. Das hat sich geändert, seit unlängst eine Studie zu Wachstumsmöglichkeiten der griechischen Wirtschaft veröffentlicht wurde, über die in Griechenland viel diskutiert wird.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das sehr detaillierte Werk mit einigen überraschenden Ergebnissen trägt den Titel "Griechenland in zehn Jahren" und wurde vom griechischen Arbeitgeber- sowie dem Bankenverband beim Athener Büro der Unternehmensberatung McKinsey in Auftrag gegeben. Zunächst widmen sich die Autoren einer Fehleranalyse und listen die Schwächen der griechischen Wirtschaft auf. Viel davon ist seit Monaten europäisches Allgemeinwissen: eine aufgeblähte und dabei ineffiziente Verwaltung, geringe Produktivität, mangelhafte Rechtssicherheit auf der einen, investitionshemmende Überregulierung auf der anderen Seite. Im Hauptteil der Analyse geht es aber darum, wie Griechenland aus diesen Fehlern lernen kann.

          Eigentliche Wertsteigerung findet woanders statt

          Ein anschauliches, in griechischen Medien häufig zitiertes Beispiel betrifft den Export von Olivenöl. Griechenland ist der drittgrößte Olivenölproduzent der Welt, doch etwa 60 Prozent des griechischen Exports gehen nach Italien, wo die eigentliche (und erhebliche) Wertsteigerung stattfindet. Viel von dem "italienischen Olivenöl", das Deutsche und andere westeuropäische Kunden in teuren Feinkostläden erwerben, stammt eigentlich aus Griechenland. Die Abfüllung in elegante Flakons und die Vermarktung des Endprodukts besorgen aber italienische Händler.

          Eine investitionsfeindliche Gesetzgebung (und zum Teil mangelnder unternehmerischer Geist) haben dafür gesorgt, dass die griechischen Oliven bisher nur in Ausnahmefällen an Ort und Stelle weiterverarbeitet werden. Kurios und dennoch charakteristisch ist auch das Beispiel des griechischen Anteils am Welthandel mit Produkten unter der Bezeichnung "griechischer Feta-Käse" - er beträgt 28 Prozent. Es gibt eine Reihe solcher Beispiele. Allein durch vermehrte industrielle Verarbeitung von landwirtschaftlichen Produkten sowie deren professionelle Vermarktung könnten nach Einschätzung des McKinsey-Berichts im kommenden Jahrzehnt 120.000 neue Arbeitsplätze in Griechenland geschaffen und die Handelsbilanzen um etwa 1,2 Milliarden Euro jährlich verbessert werden.

          Kreta und die Peloponnes böten sich als Standorte für Olivenverarbeitung an, für andere Produkte Nordgriechenland. Voraussetzungen seien allerdings größere landwirtschaftliche Nutzflächen, denn oft sind die bestehenden Einheiten zu klein. Auch werden die Universitäten aufgerufen, in neuen, eng an den Marktbedürfnissen orientierten Studiengängen Fachkräfte auszubilden, am besten in einem (erst zu gründenden) "Agrarwissenschaftlichen Institut".

          Als Vorbedingung für solche Schritte wird der Abbau von Investitionshemmnissen bezeichnet, obwohl sich Griechenlands Misere daran allein nicht festmachen lässt. Laut einer in dem Bericht zitierten Statistik gehört Griechenland gemeinsam mit der Türkei zu den am stärksten regulierten Märkten der Welt - doch die türkische Wirtschaft boomt trotzdem. Allein an dem Korsett von zum Teil unnötigen, zum Teil widersprüchlichen Gesetzen, in die Griechenlands Wirtschaft gezwängt wurde, kann es also nicht liegen.

          Nur auf den ersten Blick überraschend ist es, dass die McKinsey-Autoren dafür eintreten, mehr Beamte einzustellen. Denn natürlich wollen sie einen solchen Schritt auf wenige, ausgewählte Behörden beschränkt sehen. Eine solche ist der chronisch überlastete oberste Verwaltungsgerichtshof des Landes, der nach vorläufigen Zahlen bis zu 9000 neue Fälle pro Jahr erhält, "aber nur 3000 abschließen kann, also einen stetig wachsenden Überhang und immer längere Bearbeitungszeiten schafft, die jetzt bei zwei bis sechs Jahren liegen", wie es in der Studie heißt. Auch andere Behörden arbeiten langsam. Lizenzen und andere Dokumente werden oftmals erst nach quälend langen Wartezeiten ausgestellt.

          Dass es auch anders geht, beweisen die Sonderregelungen, mit denen der Fortgang der in Verzug geratenen Bauprojekte für die Olympischen Spiele in Athen beschleunigt wurde. Um eine Blamage zu vermeiden, wurden in den Jahren vor den Spielen schnelle Entscheidungswege geschaffen. Alle Großbauten wurden so rechtzeitig fertig, die Sommerspiele 2004 waren fast perfekt organisiert.

          Daran müsse die Verwaltung wieder anknüpfen, raten die Autoren des Berichts über Griechenlands mögliche Zukunft. Fehle in den Behörden das Fachwissen, müsse eben über einen begrenzten Zeitraum Know-how eingekauft werden, indem man externe Berater verpflichte. (Nicht erwähnt wird freilich die Gefahr, dass sich solche Berater leicht im Gestrüpp einer Bürokratie verfangen könnten, deren Träger durch die mehrfache Kürzung ihrer Einkommen erbittert sind und neidisch auf hochdotierte Quereinsteiger sein werden.)

          Außer der Verpflichtung von Fachleuten wird der griechischen Regierung sogar geraten, eine neue Behörde zu schaffen. Dabei soll es sich um eine direkt dem Regierungschef unterstellte "Einheit für wirtschaftliche Entwicklung und Reform" handeln, die all die Verbesserungsvorschläge umzusetzen und ihre Ausführung über in jedem maßgeblichen Ministerium postierte Kontrolleure zu überwachen hätte. Auch hier ist bereits Kritik laut geworden in der griechischen Diskussion - mit dem Erfinden von neuen Behörden und Ausschüssen hat man schließlich eine lange, aber keine gute Erfahrung in Griechenland.

          Weitere Themen

          Geringere Ernten wegen Kälte

          Landwirte in Sorge : Geringere Ernten wegen Kälte

          Der Winterweizen hat unter dem kalten Frühjahr gelitten, die Rapsernte ist ernüchternd und der Ertrag bei den Kartoffeln durchschnittlich. Die hessischen Landwirte sorgen sich um den regionalen Lebensmittelanbau.

          Entsetzten über Tankstellen-Mord Video-Seite öffnen

          Idar-Oberstein : Entsetzten über Tankstellen-Mord

          Im Streit über das Tragen einer Maske soll ein 49 Jahre alter Mann einen Mitarbeiter einer Tankstelle in Idar-Oberstein in den Kopf geschossen und damit getötet haben. Am Ort des Geschehens ist man fassungslos.

          Topmeldungen

          Grund für geringes Angebot? Brand in Gazprom-Anlage in Westsibirien im August

          Energiepreise : Russlands riskantes Spiel mit Erdgas

          Hält Gazprom bewusst Erdgas zurück, um die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 durchzusetzen? Der Kreml selbst nährt diese Vermutung. In Deutschland haben erste Versorger bereits Preiserhöhungen angekündigt.
          Wird nun nicht mehr ausgeliefert: Ein französisches Jagd-U-Boot der Barracuda-Klasse in der Version für Australien

          Australiens Rüstungsgeschäft : Lärmende deutsche U-Boote

          Frankreich hat einst Deutschland beim australischen U-Boot-Auftrag ausgestochen. Über die Geschichte des größten Rüstungsauftrags in Australiens Geschichte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.