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Christen : Der Glaubensdiplomat

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"Abenteuer des Heiligen Geistes": So nennt Kardinal Walter Kasper die Ökumene. Damit hat er zugleich die eigene Aufgabe umschrieben. Seit drei Jahren steht Kasper an der Spitze des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen.

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          "Abenteuer des Heiligen Geistes": So nennt Kardinal Walter Kasper die Ökumene. Damit hat er zugleich die eigene Aufgabe umschrieben. Seit drei Jahren steht Kasper an der Spitze des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Er ist verantwortlich für die amtlichen Beziehungen zwischen den 1,1 Milliarden Katholiken zu allen anderen christlichen Gruppen und Gemeinschaften, Kirchen und Konfessionen. Und auch das Gespräch mit den Juden als den "älteren Brüdern" der Christenheit gehört zu seinem Aufgabenbereich.

          Wie viele Mitarbeiter hat der ökumenische Außenminister des Vatikans, um dieses nicht gerade kleine Feld zu beackern? Da muß er nachdenken: Nun, im "Einheitsrat" arbeiten 23 Menschen. Wie bitte? Ja, Sekretärinnen mitgerechnet, fügt Kasper hinzu. Das ist abenteuerlich wenig. Doch wie ein Abenteurer sieht der 71 Jahre alte Kasper nicht aus, wenn er dem Besucher in den unendlich langen und leeren Korridoren des "Einheitsrats" den Weg weist. Von seiner kirchenfürstlichen Würde kündet kein Purpurstreifen, am Werktag braucht Kasper keine klerikalen Ornamente. Schon mit 31 Jahren war der zielstrebige Schwabe Professor, heute ist er selbstbewußt genug, auch über das bürokratische Charisma der Ökumene noch lächeln zu können. Die Präzision verrät den Chef einer Behörde, zu deren Beratern er zuvor seit einem Vierteljahrhundert zählte. Hier kennt der Chef die Dossiers besser als alle Mitarbeiter. Der Minister aber hat es nicht nötig, darauf herumzureiten.

          Das nichtssagende Gebäude an der römischen Via dell'Erba liegt nur wenige Meter vom Petersplatz entfernt - aber außerhalb des Vatikans. Wer Kasper aufsucht, muß sich nicht in die Gewalt des Vatikanstaats begeben. Keine Schweizer Garden, kein Michelangelo, Bramante, Bernini. Statt Barock ein müder Pförtner, der auch in jedes römisches Gymnasium oder Finanzamt passen würde: Ja, das Amt finden Sie oben, zwei Treppen links. Das Amt besteht - für römische Verhältnisse - erst seit vorgestern. Denn erst mit dem II. Vatikanischen Konzil ging die römische Weltkirche auf die aus der protestantischen Mission entstandene ökumenische Bewegung zu, der sich nach dem II. Weltkrieg auch die griechisch-orthodoxen und slawischen Ostkirchen angeschlossen hatten. Rom entsendet Beobachter zum Ökumenischen Rat der Protestanten und Orthodoxen nach Genf, seit 1979 ist einer von ihnen der Tübinger Dogmatikprofessor Walter Kasper. Zehn Jahre später wird er Bischof von Rottenburg-Stuttgart.

          Kaspers steile Karriere in der katholischen Hierarchie ist von Anfang an international vernetzt (mit Gastprofessuren in Washington, Jerusalem und Löwen), schwäbisch geerdet und in der römischen Zentrale verankert. Nur er kann es sich leisten, mit dem obersten römischen Glaubenshüter Kardinal Ratzinger in aller Offenheit einen theologischen Streit zum Verhältnis von Universalkirche und Ortskirche auszufechten - und dennoch ein Jahr später Kardinal zu werden. Vielleicht liegt in dieser deutschen Ämterverteilung auch ein Rollenspiel? Bad guy, nice cop: Der bayerische Kontrolleur der Rechtgläubigkeit ist für die Verbote zuständig, während Diplomat Kasper von Amts wegen den offenen Dialog mit anderen Konfessionen führt. So mag es sein. Doch es ist nicht zu übersehen, daß der Schwabe eigene theologische Akzente setzt.

          Ohne die Selbsterhaltung der Institution in Frage zu stellen, feiert Kasper die Ökumene als Bewegung des Heiligen Geistes. Ihr Charisma liegt in der Kommunikation, nicht der Amtsvollmacht. Den brüderlichen Papierkrieg mit Protestanten und Anglikanern kennt und führt Kasper zu lange, um sich davon noch Wunder des Heiligen Geistes zu erwarten. Die nicht nur im Vatikan und nicht nur hinter vergehaltener Hand geäußerte Meinung, es sei ja wohl ganz gut so, daß die bestens vorbereitete Einigung mit dem anglikanischen Commonwealth nicht zustande kam (so muß sich Rom nicht auch noch mit bekennend schwulen Bischöfen und dem Streit um das Frauenpriestertum herumschlagen), will der Kardinal nicht kommentieren.

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