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Der Filmflieger : Jo, denn ma los

  • -Aktualisiert am

Bild: Franz Bischof

Immer montags, mittwochs und freitags fliegt Jan-Lüppe Brunzema mit seiner Cessna die Nordseeinseln an. Im Gepäck hat er Filmrollen. Und Träume. Denn auch die Inselbewohner sehnen sich nach den neusten Popcornproduktionen.

          Deutsche Märchen wiegen im Durchschnitt 21 Kilo. "Pettersson und Findus" wiegt 25 Kilo, "Das weiße Band" hingegen ist mit seinen 40 Kilo fast doppelt so schwer wie das gemeine deutsche Märchen. Einer, der sich sehr für diese Gewichte interessiert, ist Jan-Lüppen Brunzema. Und zwar geschäftlich. So viel vorweg: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Brunzemas Job beim Berufe-Raten fällt. Er ist der Einzige seines Metiers. So etwas wie ein Postbote für Träume ist der Mann, der selbst in der Sommerhitze einen dunkelblauen Pullover über die Schultern seines weißen Hemds legt: Brunzema ist der Filmflieger, so nennt man ihn an der Küste.

          Ausgangsort ist der Flugplatz Harle in Carolinensiel, Ostfriesland. Neben der 510 Meter langen Landebahn blöken Schafe. Am Flughafen warten Nordseeurlauber - behutete Rentner und Familien mit behüteten Kindern - darauf, auf die Inseln zu kommen. Genauso wie ein Arsenal an Dingen: Zeitungen und Zeitschriften in dicken Stapeln und große achteckige Metallboxen werden in kleine Maschinen wie Brunzemas Cessna 172 verladen. Propeller-Flugzeuge, die von weitem so aussehen wie überdimensionierte Modellflugzeuge, nur dass sie zu groß geraten sind, als dass man mit ihnen spielen könnte.

          „Ich optimiere den Filmversandplan nur“

          Immer am Montag, Mittwoch und Freitag versorgt Brunzema vom Flugplatz Harle aus die Kinos auf den Nordseeinseln mit Filmen. Von der holländischen Grenze bis hoch in den Norden, kurz vor Dänemark, fliegt Brunzema Kinderfilme, Popcornproduktionen, Blockbuster und auch ein paar Klassiker aus. Er beliefert einen Verbund von Inselkinos, die Filmtheater "Mitten im Meer" auf Borkum genauso wie die "Insel-Lichtspiele" auf Juist und das "Kurfilmtheater Wangerooge".

          Jan-Lüppen Brunzema vor seiner Cessna 172

          Die Zeiten, in denen zum Beispiel in Wangerooge den ganzen Sommer lang "Der blaue Engel" in Endlosschleife lief, sind vorbei. Mittlerweile ist Kino in der ruhigen Gegend mit den vielen Leuchttürmen tatsächlich ein Geschäft geworden, das es mit den großen Sälen der Großstädte aufnehmen kann: Auf einer Insel wie Juist läuft jetzt der gleiche Film wie in Berlin oder München. Drei Mal in der Woche wechseln die Filme die Inseln. Nach ein paar Wochen, wenn wieder neue Gäste da sind, kommen die Filme wieder. Die Luftbrücke koordiniert der Borkumer Filmkaufmann Freymuth Schultz. "Ich optimiere den Filmversandplan nur", sagt Brunzema.

          Seit 1980 fliegt Brunzema die Filme

          Insgesamt zehn Maschinen gehören zu dem roten Backsteinhaus von "Luftverkehr Friesland-Harle" (kurz LFH): sechs vom Typ 2 Britten Norman "Islander" und vier vom Typ Cessna 172. Über die Tragflächen wird betankt. Für Passagiere gibt es am Kassenhäuschen wie bei einem Rockkonzert marmorierte Ohrenstöpsel zu 20 Cent das Stück - denn es wird laut. Sehr laut. Jeder Pilot der LFH fliegt bis zu 30 Mal am Tag. Heute Vormittag fliegt Brunzema die achteckigen Metallboxen, die speziell angefertigt wurden, nach Pellworm, Föhr, Langeoog, Borkum, Juist und wieder zurück nach Harle.

          Die Filme sind so schwer, dass die Boxen unten Rollen haben. Wenn also ein Film ins Flugzeug muss, dann rollt ihn Brunzema. Das ist gar nicht so leicht, die Spulen sind sehr schmal und können kippen. Aber Brunzema hat ja viele Jahre Übung - seit 1980 fliegt er die Filme - und kann die Metallboxen mittlerweile einhändig rollen; ganz alleine hievt er sie in sein Flugzeug.

          Mit seinem Vollbart sieht der Pilot wie ein Geschichtenvorleser aus

          Gegen Viertel nach neun sagt Brunzema: "Jo, denn ma los", klettert in die kleine Cessna Jahrgang 1980, fährt den Sitz mit einem Ruck vor, schnallt sich an und setzt sich Kopfhörer auf. Die schützen vor Lärm und haben eine Funkverbindung an Land zu den Towern. Viele Male fliegt ein freundliches "Jo" hin und her. Mit dem grauen, sanft welligen Haar, dem Vollbart in einem Gesicht, dem man ansieht, dass es bei jedem Wetter draußen ist, und einer kleinen Lesebrille, die bis nach ganz unten auf die Nasenspitze rutscht, sieht Brunzema aus, als würde er gleich eine Geschichte vorlesen und nicht nüchterne Transportzeitpläne studieren.

          Die Maschine röhrt, rast schneller und schneller über den Asphalt und schwingt sich schließlich in den Vorzeigehimmel. Ganz geschmeidig steigt die kleine Maschine in die Höhe. Viel weniger wacklig als gedacht, dabei sagt das Radio an diesem Tag den Ostfriesischen Inseln Windstärke sechs nach. Das Meer liegt tief unten in einem dunklen Blauton, der fast ins Schwarze übergeht. Die sanften Wellen verknüpfen sich zu einem gleichmäßigen Muster. Jetzt, am frühen Vormittag, ist Flut: Fähren sind noch unterwegs. Später nicht mehr, wenn sich das Meer zurückzieht, als wäre es beleidigt, und viele einsame Sandbänke stehen lässt.

          Der Filmflieger ist jedoch kein Filmkenner

          Von Harle fliegt Brunzema eine gute halbe Stunde nach Pellworm und bringt die große Welt der Filme in die kleine Welt einer Insel, die ihre Ruhe als Alleinstellungsmerkmal in Werbeprospekten vermarktet. Auf der Insel gibt es nur ein Sommerkino. Von Mitte Juni bis Mitte September laufen in der "Strandkorbhalle" Filme. Das hört sich überschaubar an. Überschaubar beschreibt der Filmflieger auch den Flugplatz: eine Wiese mit Gartenhäuschen. Wenn Brunzema auf Pellworm landen muss, kann es schon mal vorkommen, dass er vorher einen Bauern anruft und ihn fragt, wie nass es ist. Wenn die Wiese trocken genug ist, landet Brunzema. Motor aus, Gurt öffnen, den Kopfhörer abnehmen. Brunzema nimmt die grün-weiß gestreifte Lieferliste, damit er die richtigen Filme einpackt, öffnet die Tür und steigt gebückt, damit er sich nicht den Kopf an den tief sitzenden Flügel stößt, über ein kleines Trittbrett am Fahrwerk aus der Maschine.

          Dort erwartet ihn: niemand. Der Schlüssel zum Gartenhäuschen liegt an einem klassischen Schlüssel-Versteck-Ort. Rollen geht natürlich nicht auf der Wiese, Brunzema schleppt die Filme nach innen. Dort liegt ein Heft, in das der Pilot Datum und Uhrzeit seiner Landung einträgt. Alles hat seine Ordnung. "Jo, weiter geht's." Beim Start referiert Brunzema das EinmalEins des Anfliegens - "Gestartet wird am besten gegen den Wind." Und verrät die Eselsbrücke, um sich die Namen und die Reihenfolge der Inseln zu merken: Welcher Seemann liegt bei Nanni im Bett? Die Anfangsbuchstaben stehen für Wangerooge, Spiekeroog, Langeoog, Baltrum, Norderney, Juist, Borkum - von Osten gesehen die Rangfolge der Ostfriesischen Inseln. Mit Filmen kennt er sich nicht so gut aus. Er greift am Nachbarsitz vorbei nach hinten und schaut die Fracht durch: "Eclipse - Bis(s) zum Abendrot", "Knight & Day", "Das weiße Band".

          Nur bei starkem Nebel fliegt Brunzema nicht

          In diesem Jahr war Brunzema selbst erst vier Mal im Kino. "Naja, eigentlich nur zwei Mal." Brunzema hat "Sturmflut 1" und "Sturmflut 2" doppelt gesehen. Ihn interessieren Filme eben in erster Linie im Flugzeug. 100 Mal im Jahr fliegt er Filme. Der Personennahverkehr läuft das ganze Jahr über, "wie eine Buslinie". Dementsprechend abwechslungsreich ist das Fliegen. Mal hat Brunzema Sonnenschein und freie Sicht wie an diesem Tag, mal ist es bewölkt, diesig, oder es schneit. Nur bei starkem Nebel fliegt Brunzema nicht.

          Jetzt zeigt der Pilot Süderoogsand, eine langgezogene, schlanke Sanderhebung mitten im blauen Meer. Süderoogsand ist eine der größten Sandbänke Europas. Alle Stationen, die Brunzema anfliegt, sind so abgeschieden wie Pellworm, verstreut in der dunkelblauen Nordsee. Allerdings haben die meisten eine bessere Infrastruktur. Oft landet Brunzema einfach auf einer Betonpiste, tauscht mit den Abholern ein paar Worte und ein paar Filme aus, und das war's. Lang bleibt Brunzema nie. Er ist Ostfriese. Jo.

          Auf Juist wartet ein Pferdekutscher auf die Ankunft der Filme

          Auf Borkum wartet schon ein Mitarbeiter des Kinos im weißen VW-Bus auf die Filme. Ein kurzer Plausch. Dann: Sitz vorfahren, anschnallen, Kopfhörer auf, und: "Jo, denn ma los."

          Auf Juist, der letzten Station an diesem Tag, ist die Übergabe spektakulärer: Auf einen alten Bollerwagen aus Metallstangen und mit den Jahren schief gewordenen Holzleisten packt Brunzema die Filme und Süßigkeiten. Ein unfreundlicher Kutscher mit rotem Gesicht und Bauch zieht das Wägelchen etwas abseits des Flugplatzes. Hier warten vier Pferdekutschen auf Touristen, er spannt "Das weiße Band" hinter eine Kutsche.

          An die 85 000 Starts und Landungen hat der gebürtige Emder bislang hingelegt

          Und schon fliegt Brunzema weiter. Reizen ihn die großen Jets? "Nein, das ist nicht mehr Fliegen, das ist ja nur Knöpfchendrehen." In seiner kleinen Cessna mit den vielen runden Anzeigen und Pfeilen auf dem Armaturenbrett ist das Fliegen noch ursprünglicher: "Reine Handarbeit", sagt Brunzema. Kein Autopilot steuert, wenn er gerade seine Transportlisten durchgeht oder sich über Funk mit dem Tower verständigt. An die 85 000 Starts und Landungen hat der gebürtige Emder bislang hingelegt. Die Strecken mit den kleinen Maschinen zwischen den Ostfriesischen Inseln findet Brunzema viel spannender, als jeden Tag Touristen von Bremen nach Mallorca zu befördern. Lieber fliegt er mit seiner Cessna die Bilder, die die großen Gefühle mitbringen. Hollywood kommt zu den Menschen auf den Halligen, zumindest fast, denn auf den Halligen selbst gibt es keine Kinos. Aber die LFH hat auch Auslandseinsätze: Vergangene Woche erst hat Brunzema eine Maschine aus Rom geholt; davor sind sogar schon einmal Maschinen aus Japan überführt worden.

          Brunzema spricht viel über Technik und Zahlen. Wie ein Kapitän, der nüchtern sein Schiff erklärt - und doch kann er seine Leidenschaft nicht verbergen. Fürs Fliegen entflammte ihn ein Ausflug mit der Schule 1969, wo er im Segelflugzeug mitflog. Der Motorfluglizenz drei Jahre später folgten 1975 die Berufspilotenlizenzen. Wie lange aber geht die Filmfliegerei noch? Hanke Rippen, der Geschäftsführer des Wangerooger Kinos, sagt, dass die Kinos bald auf digitale Technik umgestellt werden könnten. Die Filme kommen dann per Festplatte - das ginge auch per Post. Über die Zukunft der Filmfliegerei will er nichts sagen, ringt sich dann aber doch durch zu: "In zehn Jahren könnte Schluss sein mit dem Ganzen." Brunzema, das ist wohl sein Naturell, bleibt nüchtern: "Vielleicht muss ich dann weniger fliegen, vielleicht nur noch zwei Mal die Woche."

          Die Inselgäste hegen eine Leidenschaft fürs Kino

          Auf Wangerooge läuft an diesem Nachmittag "Alvin und die Chipmunks 2". Fürs Kino interessiert sich der Filmvorführer Thomas Konradt nicht besonders. Eher schon dafür, ob genug Besucher da sind - mindestens fünf müssen es sein, damit sich das Abspielen des Films rentiert, so Konradt. Schließlich muss er die ganze Zeit den Film beaufsichtigen, außerdem zahlt das Kino für jedes Mal Abspielen. An diesem Nachmittag haben die zwei kleinen Mädchen, die sich "Alvin und die Chipmunks 2" anschauen wollen, Pech: Es kommt niemand mehr. Der Film fällt aus - obwohl ihn der Filmflieger Brunzema gebracht hat. "Wir können ja mit dem Laptop im Hotel etwas anschauen", versucht die Mutter zu trösten. Vergeblich: Die Kleinen hatten sich schon so auf das Kino gefreut.

          Die Leidenschaft fürs Kino, den beobachtet auch Brunzema bei den Kinogästen auf den Inseln: Die Besucher sind im Urlaub, müssen sich nicht nach der Arbeit abhetzen, sondern können inmitten der Ruhe der Inseln einen ganzen Film schauen. Vielleicht fühlt sich die Zeit auf den Ostfriesischen Inseln tatsächlich etwas langsamer an als in der volldigitalisierten Wirklichkeit. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, wie viel Aufmerksamkeit man den Dingen schenkt. Und zu welchem Aufwand man bereit ist. Manche deutsche Märchen wiegen insgesamt eine gute Tonne - wenn die alte Cessna vollbeladen ist, versteht sich.

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