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Der Filmflieger : Jo, denn ma los

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Auf Juist, der letzten Station an diesem Tag, ist die Übergabe spektakulärer: Auf einen alten Bollerwagen aus Metallstangen und mit den Jahren schief gewordenen Holzleisten packt Brunzema die Filme und Süßigkeiten. Ein unfreundlicher Kutscher mit rotem Gesicht und Bauch zieht das Wägelchen etwas abseits des Flugplatzes. Hier warten vier Pferdekutschen auf Touristen, er spannt "Das weiße Band" hinter eine Kutsche.

An die 85 000 Starts und Landungen hat der gebürtige Emder bislang hingelegt

Und schon fliegt Brunzema weiter. Reizen ihn die großen Jets? "Nein, das ist nicht mehr Fliegen, das ist ja nur Knöpfchendrehen." In seiner kleinen Cessna mit den vielen runden Anzeigen und Pfeilen auf dem Armaturenbrett ist das Fliegen noch ursprünglicher: "Reine Handarbeit", sagt Brunzema. Kein Autopilot steuert, wenn er gerade seine Transportlisten durchgeht oder sich über Funk mit dem Tower verständigt. An die 85 000 Starts und Landungen hat der gebürtige Emder bislang hingelegt. Die Strecken mit den kleinen Maschinen zwischen den Ostfriesischen Inseln findet Brunzema viel spannender, als jeden Tag Touristen von Bremen nach Mallorca zu befördern. Lieber fliegt er mit seiner Cessna die Bilder, die die großen Gefühle mitbringen. Hollywood kommt zu den Menschen auf den Halligen, zumindest fast, denn auf den Halligen selbst gibt es keine Kinos. Aber die LFH hat auch Auslandseinsätze: Vergangene Woche erst hat Brunzema eine Maschine aus Rom geholt; davor sind sogar schon einmal Maschinen aus Japan überführt worden.

Brunzema spricht viel über Technik und Zahlen. Wie ein Kapitän, der nüchtern sein Schiff erklärt - und doch kann er seine Leidenschaft nicht verbergen. Fürs Fliegen entflammte ihn ein Ausflug mit der Schule 1969, wo er im Segelflugzeug mitflog. Der Motorfluglizenz drei Jahre später folgten 1975 die Berufspilotenlizenzen. Wie lange aber geht die Filmfliegerei noch? Hanke Rippen, der Geschäftsführer des Wangerooger Kinos, sagt, dass die Kinos bald auf digitale Technik umgestellt werden könnten. Die Filme kommen dann per Festplatte - das ginge auch per Post. Über die Zukunft der Filmfliegerei will er nichts sagen, ringt sich dann aber doch durch zu: "In zehn Jahren könnte Schluss sein mit dem Ganzen." Brunzema, das ist wohl sein Naturell, bleibt nüchtern: "Vielleicht muss ich dann weniger fliegen, vielleicht nur noch zwei Mal die Woche."

Die Inselgäste hegen eine Leidenschaft fürs Kino

Auf Wangerooge läuft an diesem Nachmittag "Alvin und die Chipmunks 2". Fürs Kino interessiert sich der Filmvorführer Thomas Konradt nicht besonders. Eher schon dafür, ob genug Besucher da sind - mindestens fünf müssen es sein, damit sich das Abspielen des Films rentiert, so Konradt. Schließlich muss er die ganze Zeit den Film beaufsichtigen, außerdem zahlt das Kino für jedes Mal Abspielen. An diesem Nachmittag haben die zwei kleinen Mädchen, die sich "Alvin und die Chipmunks 2" anschauen wollen, Pech: Es kommt niemand mehr. Der Film fällt aus - obwohl ihn der Filmflieger Brunzema gebracht hat. "Wir können ja mit dem Laptop im Hotel etwas anschauen", versucht die Mutter zu trösten. Vergeblich: Die Kleinen hatten sich schon so auf das Kino gefreut.

Die Leidenschaft fürs Kino, den beobachtet auch Brunzema bei den Kinogästen auf den Inseln: Die Besucher sind im Urlaub, müssen sich nicht nach der Arbeit abhetzen, sondern können inmitten der Ruhe der Inseln einen ganzen Film schauen. Vielleicht fühlt sich die Zeit auf den Ostfriesischen Inseln tatsächlich etwas langsamer an als in der volldigitalisierten Wirklichkeit. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, wie viel Aufmerksamkeit man den Dingen schenkt. Und zu welchem Aufwand man bereit ist. Manche deutsche Märchen wiegen insgesamt eine gute Tonne - wenn die alte Cessna vollbeladen ist, versteht sich.

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