https://www.faz.net/-gum-6m61f

Der Attentäter im Internet : Im blinden Hass gegen Hass

Muslimfeindlicher Terrorist? Anders Breivik in einem Polizeiwagen nach der Gerichtsentscheidung, die Untersuchungshaft auf acht Wochen zu verlängern Bild: dpa

Als Anders Behring Breivik damit begonnen haben will, einen Massenmord zu planen, vor neun Jahren, war er Mitglied der Fortschrittspartei. Doch die war ihm zu lasch. Also wandte er sich seinen tatsächlichen oder vermeintlichen Gesinnungsgenossen im Internet zu.

          Es muss ein Schock im Schock gewesen sein, als Siv Jensen erfuhr, dass Anders Behring Breivik aktives Mitglied der Fortschrittspartei gewesen ist. Für kurze Zeit war er sogar Vorsitzender in einem Osloer Ortsverband der Partei. Das war von Januar bis Oktober 2002, also vor jenen unheimlichen neun Jahren, als Breivik nach eigenem Bekunden den Entschluss gefasst haben will, zum Massenmörder zu werden.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Siv Jensen ist seit 2006 die Vorsitzende der Fortschrittspartei, Nachfolgerin des Parteigründers Carl I. Hagen, der in den siebziger und achtziger Jahren in Norwegen vorgemacht hatte, was dann später nur noch mit Namen wie Haider, Blocher, Le Pen oder Wilders verbunden wurde.

          Richtig erfolgreich war Hagen erst Ende der neunziger Jahre, als seine Partei zum ersten Mal und gleich als zweitstärkste Fraktion in das Storting, das Parlament in Oslo, einzog. Zehn Jahre später setzte Siv Jensen dazu an, stärkste Partei zu werden. Bei der Wahl von 2009 trennten sie davon nur noch wenige Prozentpunkte - die Sozialdemokraten blieben weiterhin die stärkste Kraft.

          Schock im Schock: Siv Jensen (2. von rechts), die Vorsitzende der Fortschrittspartei bei der Messe zum Gedenken an die Attentatsopfer am Sonntag in Oslo

          Eine Zeit, als ein Fünftel der Bevölkerung Oslos muslimisch geworden war

          Als Breivik sich der Partei anschloss, hatte Hagen seit einigen Jahren ein neues Feld entdeckt, das bei der Gründung der Partei Anfang der siebziger Jahre so gut wie keine Rolle spielte: die Einwanderung, die pakistanisch-muslimischen Gettos von Oslo, die „Islamisierung“ Norwegens. Aus einem sozial-liberalen Populismus, der sich für Steuersenkung, Privatisierung, Entbürokratisierung und höhere Ausgaben für Schule, Polizei und Gesundheit einsetzte, wurde nun obendrein ein rechtspopulistisches Sammelbecken für gobalisierungskritische und ausländerfeindliche Regungen - in einer Zeit, als ein Fünftel der Bevölkerung Oslos muslimisch geworden war, während das Land drumherum ungefähr so war wie bisher.

          Hagen nahm damit in sein Repertoire auf, womit weder die bürgerlichen Parteien noch die Arbeiterpartei zurechtkamen, nämlich ein wachsendes Unbehagen an missglückter Integration. Die Brücke zwischen damals und heute war für die Fortschrittspartei die Kritik an der auf Konsens und Kontrolle gebauten Dominanz der Sozialdemokratie, der die Fortschrittspartei vorwarf, Norwegen ähnlich wie die schwedische Arbeiterbewegung in einem Volksheim zu ersticken. So konnte sich Hagen im Namen des Liberalismus immer von Rechtsextremisten distanzieren, die in Norwegen erst in den vergangenen Jahren auffällig wurden - unter anderem durch Brandanschläge auf Moscheen oder Gewalt gegen Einwanderer.

          Hagen war in der Grauzone zum Rechtsradikalismus noch das schillernde Enfant terrible der norwegischen Politik, doch mit Siv Jensen wollte sich die Partei nicht mehr außerhalb der norwegischen Gesellschaft stellen. Das gab sie auch jetzt zum Ausdruck. Sie ließ auf die Nachricht der Mitgliedschaft Breiviks verlautbaren: Heute fühlten sich alle Fortschrittsparteiler als Mitglieder der Jungsozialisten, die Breiviks mörderischer Wahnsinn auf der Fjordinsel Utøya heimgesucht hatte.

          Weitere Themen

          Aufstieg nicht ausgeschlossen

          Frankfurts SPD-Chef Mike Josef : Aufstieg nicht ausgeschlossen

          2002 wählte er aufgrund seiner christlichen Prägung noch CSU-Kanzlerkandidat Stoiber. Heute ist Mike Josef Frankfurter Planungsdezernent und Hoffnungsträger der Sozialdemokratie. Welche Türen stehen ihm zukünftig noch offen?

          Topmeldungen

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Rückschlag für Paris : Neymar macht Tuchel das Leben schwer

          Paris ist schon seit einiger Zeit nicht mehr das Fußball-Paradies für den deutschen Trainer. Seine Reputation in der Öffentlichkeit und die Autorität innerhalb des Klubs sind beeinträchtigt. Und dann ist da ja noch Neymar.
          Was passiert beim Rausch im Gehirn? Borowiak erklärt es als eine Art Massenschlägerei unter den Neurotransmittern im Wirtshaus.

          Bekenntnisse des Alkoholikers : Zum Abfüllen bereit

          Kein Moralisieren, kein Mahnen und zum Glück auch gar kein Sachbuch: Wenn Wolfgang Berger aus den Erfahrungen des Autors und Satirikers Simon Borowiak mit dem Alkohol als Sucht liest, können alle etwas lernen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.