https://www.faz.net/-gum-72qur

Denkmal nach 9/11 : Die Weltkugel geht unter

Da liegt sie nun – und wo kommt sie hin? New Yorker Feuerwehrleute am Wochenende vor der „Großen Kugelkaryatide“ Fritz Königs im Battery Park Bild: Helmut Fricke

New York weiß nicht wohin mit der „Sphere“ des Bildhauers Fritz Koenig. Bis vor elf Jahren stand das Kunstwerk im Mittelpunkt des World Trade Centers, ein halbes Jahr nach den Anschlägen wurde es ins Abseits gestellt.

          Die Erinnerung ist eine Kugel. Groß, schwer, alt und dreckig. Wenn sie eine Anziehungskraft hätte, die über ihren künstlerischen Wert hinausginge, dann könnte man auf ihr gehen. Und käme immer wieder schnell dort an, wo man losgelaufen ist.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Da steht sie also, die Kugel, „The Sphere“. Da liegt sie nun, muss man fast sagen. Oder auch: Da verkommt sie. Im Battery Park, knapp einen Kilometer südwestlich der Riesen-Baustelle, die man längst nicht mehr Ground Zero nennt, soll der Globus aus 52 zumeist verbeulten Bronze-Segmenten an den 11. September 2001 erinnern. Letzte Woche kam Michael Burke, der Bruder eines getöteten Feuerwehrmanns, mit ein paar Eimern Wassern, um den Fuß der Kugel vom Taubendreck zu reinigen. Jetzt sitzen die Tauben wieder da und ziehen ihre Köpfe ein, als ob sie die Debatte nicht mehr hören könnten.

          Ein halbes Jahr nach den Anschlägen wurde das Kunstwerk ins Abseits gestellt. Auf der Riesen-Baustelle war kein Platz. Auch das 11.-September-Museum, dessen Eröffnung sich wegen eines Streits zwischen Bürgermeister Michael Bloomberg und den beiden Gouverneuren von New York und New Jersey hinzieht, ist schon ausgebucht. Und wo sie jetzt ist, kann die „Große Kugelkaryatide“ des deutschen Bildhauers Fritz Koenig auch nicht mehr lange bleiben: Der Battery Park soll neugestaltet werden. „Sie muss ins 9/11-Museum“, meint Michael Burke. Aber je mehr Zeit seit den Anschlägen verstrichen ist, desto weniger hört man ihm zu.

          Symbol für den „Weltfrieden durch Handel“

          Auf dem Gelände des ehemaligen World Trade Centers ist der „Freedom Tower“, an dem noch gebaut wird, schon wieder das höchste Gebäude New Yorks. Täglich besuchen dort Zehntausende die Gedenkstätte, im vergangenen Jahr waren es insgesamt 4,5 Millionen Menschen. Und an diesem Dienstag findet an den „footprints“ der Türme die Gedenkfeier zum elften Jahrestag statt. Hier unten an der „Sphere“ aber laufen nur ahnungslose Touristen zu den Fähren an der Südspitze von Manhattan, vorbei an dem unförmigen Stück Vergangenheit, das nicht vergehen will.

          Immerhin hält plötzlich ein Drehleiterwagen der Feuerwehr an, „Ladder 15“, die einzige Einheit, die in den brennenden Türmen so hoch stürmte, dass sie wirklich Feuer bekämpfte. Allein aus dieser Einheit kamen acht Männer um. Ihre drei Kollegen sind nun auf ungefährlicher Mission. Jemand hat gemeldet, dass die ewige Flamme am Denkmal erloschen ist. „Das passiert immer mal wieder“, sagt einer von ihnen und zündet sie an. Dann gehen sie wieder.

          Bis vor elf Jahren stand die Kugel im Mittelpunkt der Welt, nämlich des World Trade Centers. Zwischen den sieben Hochhäusern des gigantischen Gebäudekomplexes drehte sie sich durch Wasserdruck im großen Brunnen der Plaza binnen 24 Stunden unmerklich einmal um ihre eigene Achse. In der Mittagspause aßen die Angestellten auf den Bänken ihr Sandwich und schauten auf das 7,60 Meter hohe Symbol für den „Weltfrieden durch Handel“. Erkannten vielleicht auch den angedeuteten Atlas, dem die Welt langsam schwer zu werden schien.

          „Diese Kugel ist ein Stück von mir“

          Die Trümmer des Nord- und des Südturms beschädigten die „Sphere“ stark. Aber sie wurde nicht ganz zerstört, anders als etwa der „Bent Propeller“ von Alexander Calder. Die „Sphere“ ragte buchstäblich aus dem Katastrophenberg heraus. Als man die Skulptur hervorzog, fand man auch in ihr Trümmer, unter anderem Wrackteile und eine Schreibmaschine.

          Fritz Koenig, der Bildhauer, mittlerweile 88 Jahre alt, erzählt solche Dinge gar nicht mehr so gern. Er lebt in Ganslberg bei Landshut und hütet sein Erbe. Aber ausgerechnet sein wichtigstes Kunstwerk, an dem er von 1967 bis 1971 arbeitete, ist vergessen: „Diese Kugel ist ein Stück von mir“, sagt der Bildhauer am Telefon. „Dabei bin ich ein ganz eckiger Mensch.“

          Vielleicht führte dieser Charakter Minoru Yamasaki damals nach Ganslberg. Eigentlich sollte eine Henry-Moore-Skulptur die Plaza aufwerten. Als der Architekt des World Trade Centers aber einige von Koenigs Werken in der Staempfli Gallery sah, fuhr er sogleich zu dem Bildhauer nach Bayern. Fritz Koenig, der seit 1964 eine Professur für Plastisches Gestalten an der Technischen Hochschule München innehatte, nahm den Auftrag gerne an: „Ich habe nichts Größeres, nichts Dickeres gemacht in meinem Leben.“

          Wenn der Bildhauer in Ganslberg aus dem Fenster schaut, sieht er noch die Werkstatt, in der die schwere Kugel mit dem schmalen Säulenkörper entstand, bevor sie nach Bremen gebracht und dann nach Manhattan verschifft wurde. Koenig, der auch das Mahnmal im Münchner Olympiapark für die Opfer des Attentats bei den Olympischen Spielen 1972 schuf, war dabei, als die Kugel in den Battery Park kam, wie im Percy-Adlon-Film „Koenigs Kugel“ zu sehen ist. Und er ist immerhin froh, dass „ein genialer junger Ingenieur“ die Kugelkaryatide nach der Katastrophe wieder zusammengesetzt hat. So ist die biomorphe und doch abstrahierte Form, die der Bildhauer in den sechziger Jahren entwickelt hatte, wieder gut zu erkennen.

          Und was nun? Mal ärgert sich Fritz Koenig über die „Gschaftlhuber“, die sich die Plätze in dem neuen Museum schon gesichert haben. Mal sieht er es mit der Gelassenheit des Alters: „Die Kugel hat so viel erlebt, der kann nichts mehr passieren.“ So schließen sich die Debatten um die dicke, dreckige Kugel im Battery Park. Und so drehen sie sich im Kreis.

          Öffnen

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sheryl Sandberg

          Tech-Konzern in Not : Ist Facebook noch zu retten, Frau Sandberg?

          Datenklau, Hasskommentare, Politpropaganda: Facebook steckt in seiner größten Krise. Top-Managerin Sheryl Sandberg erklärt, wie es mit dem größten sozialen Netzwerk der Welt weitergeht. Und mit ihr selbst.

          Zwei Jahre Trump : Viel Feind, ein wenig Ehr

          Zwei Jahre ist Donald Trump nun Präsident der Vereinigten Staaten und seine Agenda ist überlagert von Problemen und Skandalen. Doch ganz ohne Erfolge ist er nicht.

          Demo in Stuttgart : „Ja zum Diesel“

          In Stuttgart haben rund 700 Menschen gegen das Fahrverbot für ältere Diesel demonstriert – und die Landesregierung damit in Sorge versetzt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.