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Demenz : „Papa ist wie eine Pflanze“

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Portrait eines demenzkranken Mannes Bild: Hinnerk Bodendieck

Hans ist dement, seine Frau Hilda pflegt ihn zu Hause. Sie muss auf ihn aufpassen wie auf ein Kleinkind. Ihre Töchter meinen, sie halte den Vater vom Sterben ab. Hilda sieht das anders. Katrin Hummel beschreibt Hildas Gefühle und Gedanken.

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          Hans ist dement, seine Frau Hilda pflegt ihn zu Hause. Ihre Töchter meinen, sie halte den Vater vom Sterben ab und opfere sich zu sehr auf. Hilda sieht das anders. Katrin Hummel beschreibt Hildas Gefühle und Gedanken in einem Buch. Ein Auszug.

          Es ist unser vierzigster Hochzeitstag. „Alles Liebe zur Rubinhochzeit“, sage ich, als ich Hans' Zimmer betrete, um ihn zu wecken. Natürlich reagiert er nicht. Da ich nicht damit gerechnet habe, bin ich gewappnet. Ich lege seine Hand auf den Bedienungsknopf des Bettes, mit dem man die Rückenlehne in eine senkrechte Position bringen kann. Er spürt den Reiz, drückt darauf, die Lehne fährt hoch. Er hatte früher einen so glasklaren Verstand - und jetzt kann er gerade noch den Bedienungsknopf drücken, wenn ich ihm den Finger darauf lege. Ich streichle ihn und flüstere: „Ich mag dich, Hans.“ Ich sage nicht: „Ich liebe dich.“ Das habe ich früher auch nicht so oft gesagt. Wir haben es einander nicht jeden Tag gesagt, obwohl es so war.

          Viele Frauen in meinem Alter sind an ihrem vierzigsten Hochzeitstag schon Witwe. Ich hingegen lebe mit einem Mann zusammen, auf den ich aufpassen muss wie auf ein Kleinkind. Nach dem Aufstehen will er von seinem Zimmer in die Küche gehen, doch die Küchentür steht bloß einen Spalt offen. Da öffnet er sie nicht, um hindurchzugehen, sondern bleibt ratlos davor stehen. Ich ermutige ihn, dagegen zu drücken, und deute eine drückende Handbewegung an. Doch er reagiert nicht. Ich muss ihm die Tür weit aufhalten, damit er versteht, dass er hindurchgehen kann. Das habe ich in den vergangenen Tagen schon öfter beobachtet. Zu Anfang dachte ich noch, es sei vorübergehend. Aber dann achtete ich darauf, wie er reagierte, wenn eine Tür richtig geschlossen war. Und bemerkte, dass dies für ihn ein unüberwindliches Hindernis darstellt.

          Die Patienten ziehen sich in eine eigene Welt zurück

          Es gibt keinen Ausweg für ihn

          Am Morgen unseres Hochzeitstages verirrt er sich zum ersten Mal im Haus. Er bleibt in der Waschküche vor dem Trockner stehen, links steht der Wäscheständer, rechts die Waschmaschine, und findet nicht mehr zurück. Er steht so lange da, bis ich es bemerke. Es erscheint mir wie ein Sinnbild für sein Dasein. Es gibt keinen Ausweg für ihn, er steckt in einer Sackgasse. Am Ende geht es nicht mehr weiter.

          Als er endlich an den Frühstückstisch kommt, will er nicht auf der Bank sitzen, und als er auf dem Stuhl sitzt, sinkt er in sich zusammen. Ich richte ihn wieder auf, halte ihm die Kaffeetasse an dem Mund, doch er spielt bloß mit den Lippen an ihr herum und trinkt nicht. Auch das hat er sich in den vergangenen Wochen angewöhnt. Ich gieße etwas Kaffee auf seinen Kaffeelöffel, um ihm das Getränk einzuflößen, doch er dreht den Kopf weg. „Hans, Liebster, nimm ein Löffelchen. Du musst doch trinken“, ermuntere ich ihn. Doch nur mit viel Geduld bringe ich ihn dazu, ein paar Löffel zu nehmen. Viel lieber spielt er an dem Kaffeelöffel herum, streckt die Zunge danach aus und prüft. Ich halte eine Serviette darunter.

          Ungerührt sieht er mir zu

          Er hat kein Empfinden mehr dafür, dass ihm seine Tischsitten abhanden gekommen sind. Wenn er Flüssigkeit im Mund hat und sie nicht schlucken will, lässt er sie einfach wieder herauslaufen. Er öffnet den Mund nur einen Spaltbreit, aber da er den Kopf sowieso immer vorbeugt, fließt sie gleich wieder heraus.

          Nach dem Frühstück führe ich ihn zu seinem Sessel und reiche ihm sein altes Schraubenzieher-Set, in dem sich zwölf Schraubenzieher verschiedener Größe befinden. Einen Augenblick lang blickt er fasziniert darauf, doch anstatt es zu nehmen, sieht er ungerührt dabei zu, wie ich es in seinen Schoß gleiten lasse. Ich mache mir Vorwürfe: Ich müsste noch mehr mit ihm üben, ihn noch öfter auffordern, etwas zu tun - irgendetwas.

          Wie eine Pflanze

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