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Debatte in Schweden : Duzen, Siezen, Nizen

Wird noch gewohnt oder schon gelebt? Kunden in einer Ikea-Filiale in Nieder-Eschbach. Bild: Hannes Jung

Viele Deutsche schwärmen vom Land, in dem alles so unkompliziert ist und die Menschen sich duzen. Doch langsam stößt das Ideal der hierarchielosen Anrede in Schweden an seine Grenzen.

          Wohnst du noch oder lebst du schon? Den Slogan der Möbelkette Ikea, die sich in ihrer Außendarstellung stets betont schwedisch gibt, haben Millionen Kataloge in Deutschlands Haushalte gebracht - und die gängigen Klischees bestärkt: In Schweden achtet man auf Design und Wohnkomfort. In Schweden ist man familienfreundlich. Und: In Schweden duzt man sich. Gerade davon schwärmen viele deutsche Urlauber, wenn sie vom Wandern, Segeln, Angeln oder Skifahren aus dem Norden zurückkehren. Wie unkompliziert es dort doch zugeht! Wie flach die sozialen Hierarchien sind! Wie sich die entspannte Freundlichkeit der Menschen noch in diesem sprachlichen Detail spiegelt!

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit einigen Jahren aber greift unter den jungen Schweden eine Unsicherheit um sich, die diese positiven Vorurteile in Frage stellt. Gesiezt wird zwar auch weiterhin niemand zwischen Malmö und Kiruna. Das Nizen aber macht dem Duzen zusehends Konkurrenz. „Wenn wir darüber reden, gibt es immer Streit“, berichtet die Stilratgeberin Magdalena Ribbing, die in der Tageszeitung „Dagens Nyheter“ eine Kolumne über gute Manieren schreibt.

          Vor allem im Geschäftsleben, in Restaurants und Kaufhäusern, gebrauchen nach ihrer Erfahrung jüngere Angestellte gegenüber älteren Kunden oder Gästen zunehmend die altertümliche Anredeform „Ni“. Dazu werden sie bisweilen sogar von ihren Vorgesetzten aufgefordert.

          Doch was besonders höflich klingen soll, wirkt auf die so Angesprochenen oft geradezu beleidigend. Denn wenn sie nur alt genug sind, wissen sie noch um die ursprüngliche Verwendung des Pronomens: So sprachen vor dem Zweiten Weltkrieg Adlige ihre Bediensteten, Herren ihre Knechte und Mägde an - aber nie umgekehrt. Von unten nach oben gebrauchte man stattdessen Titel und die dritte Person: „Wohnen die Herren Leser noch oder leben sie schon?“

          Post vom Finanzamt: „Hej Lena!“

          Die Verwirrung hat inzwischen sogar den schwedischen Sprachrat auf den Plan gerufen, eine Behörde, die von der Regierung mit der Pflege und Erforschung der im Königreich verwendeten Sprachen betraut ist. Deren Leiterin, die Linguistikprofessorin Lena Ekberg, sagt, die Veränderung im Anredeverhalten sei nach ihrer Einschätzung seit etwa zehn Jahren zu beobachten; zu erklären sei sie damit, dass sich Sprachen oft zirkulär und nicht linear entwickelten.

          „Wir hatten eine Phase der Entformalisierung und Gleichstellung“, fasst die Sprachwissenschaftlerin in ihrem Büro in Stockholm die schwedische Sprachpolitik der sechziger und siebziger Jahre zusammen. Damals genossen die Sozialdemokraten nahezu den Status einer Staatspartei; dazu passte das allgemeine Duzen ausgezeichnet. Als wichtigste Wegmarke gilt gemeinhin die Entscheidung der nationalen Gesundheitsbehörde, von 1967 an sowohl in Gesprächen als auch im Schriftverkehr alle ihre Mitarbeiter und Klienten, also jeden Schweden so anzureden; ausgenommen blieben nur die Mitglieder der Königsfamilie, für die bis heute der jeweilige Titel und die dritte Person als angemessen gelten.

          Der Rest war Duzen. „Irgendwann kamen dann sogar Briefe vom Finanzamt, die mit ,Hej, Lena!’ anfingen“, berichtet die Linguistin Ekberg. „Das empfanden mit der Zeit aber viele als zu intim.“ Die Renaissance des Nizens sei eine Gegenreaktion darauf, eine Art sprachlicher Roll-back also.

          Muss man sich sorgen machen um Schweden?

          Wie aber lassen sich die Missverständnisse vermeiden, die sich nun zwischen den Generationen ergeben? Der Sprachrat und die Stilexpertin Ribbing gleichermaßen empfehlen gegenüber Unbekannten das gänzliche Vermeiden des Anredefürworts. Dafür bieten die schwedischen Verben durch eine weit verbreitete, unpersönliche Passivform à la „Wird noch gewohnt oder schon gelebt?“ eine besonders günstige Voraussetzung. (Mit dieser Strategie des Passivs vermeiden ja auch manche Deutsche die Entscheidung, ob sie jemanden duzen oder siezen.)

          Außerdem fordert die Behörde zu sprachlicher Flexibilität auf: Es ließen sich noch viele andere, ähnlich unverfänglicher Formulierungen finden. Der Beispielsatz könnte dann etwa lauten: „Gefällt die Wohnung noch oder hat das Leben schon begonnen?“

          Das mag in deutschen Ohren gestelzt klingen, der Befund insgesamt eine tiefgreifende gesellschaftliche Unsicherheit nahelegen - oder als sprachlicher Ausweis der neuen politischen Verhältnisse interpretiert werden, denn in Schweden regieren seit 2006 nicht mehr die Sozialdemokraten, sondern die Bürgerlichen. Muss man sich Sorgen machen um die Schweden?

          „Das sind allesamt Fehlschlüsse“, kontert die Mainzer Sprachwissenschaftlerin Damaris Nübling. Die Wirkung von Sprachpolitik sei äußerst begrenzt, das „Ni“ in Schweden empirischen Untersuchungen zufolge nie ganz verschwunden gewesen, von der sozialen Schichtung ganz zu schweigen. Um sie sprachlich zu markieren, sei aber nicht unbedingt ein Höflichkeitspronomen wie das deutsche „Sie“ nötig, auch Intonation und Wortwahl, Mienenspiel und Gestik könnten diese Funktion übernehmen. Wer beseelt aus dem Schwedenurlaub zurückkehre, habe dies nur noch nicht durchschaut.

          „Es gibt nichts Dümmeres, als zu glauben, dass sich in Schweden alle nach deutschem Maßstab duzen“, fasst Nübling ihre Analyse zusammen. „Selbst wenn sich alle dort mit ,du’ anreden.“ Ikea, der Konzern, der seine Steuern lieber in den Niederlanden zahlt als in seiner werbewirksamen Heimat, wird sich vermutlich nicht darum kümmern. „Lass dich von unserem Katalog inspirieren“, schreibt der neue Geschäftsführer seinen Kunden.

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