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Durch die Zeit

Text von STEPHAN FINSTERBUSCH, Fotos von MATTHIAS LÜDECKE

20.10.2017 · Die Berliner Mauer war gerade gefallen, da zog Matthias Lüdecke mit einer alten Kamera durch den Osten Deutschlands. Nun war der Fotograf wieder dort – mit dem Handy.

Berlin, Tucholskystraße im Februar 1990 und Juli 2017

V ierzig Jahre hatte Stillstand geherrscht, dann geschah alles ganz schnell: Die Leipziger gingen auf die Straße, die Dresdner stürmten ihren Bahnhof, die Berliner die Mauer. Das änderte alles. Die Häuser, die Leute, das Land. Zwischen damals und heute liegt mehr als ein Vierteljahrhundert. Es war nicht einfach, die Orte nach all den Jahren wiederzufinden. Den Hinterhof mit dem grauen Schuppen, den Rummelplatz, die Kneipe mit der vermauerten Tür, den alten Buchladen, die Kürschnerei. Matthias Lüdecke hielt die Zeiten fest – erst auf Film, dann auf Chip.

Er ist Berliner und Fotograf. Seit drei Jahrzehnten arbeitet er auch für die F.A.Z. Früher lebte er in Kreuzberg keine hundert Meter von der Mauer entfernt. Doch in den Osten der Stadt kam er damals kaum. Die Grenzer ließen ihn nicht rüber, oder sie zerlegten ihm das Auto. Ein eingemauertes Land. Als freie Bürger dann freie Fahrt hatten, fuhr er durch den Osten. Monatelang. Er holte sich Land und Leute vor die Kamera. Vor ein paar Wochen machte er die Tour noch einmal. Berlin, Brandenburg, Sachsen und Thüringen, Anhalt und Mecklenburg. Auf dem Beifahrersitz seines knallgelben und etwas in die Jahre gekommenen VW-Busses lag ein Smartphone und diese dicke Mappe.

Berlin, Prenzlauer Berg. Das Mietshaus an der Ecke Schwedter zur Kremmener Straße im September 1990 und im Mai 2017

Dort waren Dutzende Aufnahmen drin. Seine ersten Reportagefahrten durch ein untergehendes Land. Große Abzüge, kontrastreiche, leicht gekörnte Bilder. Ein Schatz in Schwarz und Weiß. Die Aufnahmen sind seine Wegweiser. Landkarten durch die Zeit. Mit der Wende kam erst der Auf- und dann der Abbruch. Harte Jahre. Der Sozialismus flog auf den Müllberg der Geschichte, und vieles flog mit: Betriebe und Fabriken, Bücher, Akten, ganze Biographien. Eine Gesellschaft ging unter, und Lüdecke hielt sie fest.

Mit einer Kamera „Made in USSR“. Eine Kiev 88. Schwer und robust. Spiegelreflex, Mittelformat, Schraubbajonett. „Kurz nach dem Mauerfall bot ein Ost-Berliner Händler sie mir an.“ Für 300 Westmark. Er griff zu. Der Apparat wurde sein Begleiter. „Das Tolle an ihm ist, ich kann von oben in den Sucher sehen und ihn so vor dem Bauch halten, während ich die Bilder mache.“ Das schreckt niemanden ab. „Im Gegenteil. Die Leute wollten wissen, was ich da machte.“ Und er machte einiges: Blende und Belichtung einstellen, fokussieren, schärfen, abdrücken.

Bad Freienwalde im Februar 1990 und im Juni 2017

Bernau, Berliner Straße im Februar des Jahres 1990 und im Juni 2017

Straupitz im Spreewald im Mai 1990 und im Mai 2017

Lüdecke sitzt im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin. Ein kleines Café mit langer Theke. Draußen auf der Straße rauscht der Verkehr. Die Spree schlägt einen Bogen. Auf der anderen Seite des Flusses steht das Kanzleramt. Sein Smartphone klingelt. Die Welt tickt heute im Takt der Bits und Bytes. Die alte „Kiev“ brauchte damals ihre Zeit. Mehr als fünf Bilder eines Motivs waren mit ihr kaum drin. Die Digitale macht heute in einer Sekunde das Doppelte. Die meisten ihrer Aufnahmen aber wandern in den Müllkorb des Computers. Die Bilder der „Kiev“ landeten auf Papier. Lüdecke hat sie in der Mappe: Berlins verfallene Mitte, die Dörfer im Spreewald, das Fachwerk im Oderbruch, Straupitz, Bad Freienwalde und Bernau, eine Stadt in Brandenburg.

Straupitz, ehemaliger Kornspeicher im Mai 1990 und im Mai 2017

Es war ein kalter Tag. Winter 1990. Schwammiges Licht, eine lange Fahrt über Holperpflaster. Lüdecke lief in Bernau die Straßen rauf und runter. Fachwerk neben Plattenbau. Irgendwie stand er dann auf diesem Hinterhof. Bröckelnde Mauern, Eierkisten, ein Fahrrad. „Ich justierte die Kamera und wollte gerade abdrücken, da kommen diese Männer aus der Tür.“ Zwei Köche einer Suppenküche. Weiße Punkte vor einer grauen Wand. Lüdecke zog die Blende zu und die Verschlusszeit hoch. Ein Moment für die Ewigkeit.

Bernau, Hinterhof im Februar 1990 und im Juni 2017

Gerade war er wieder dort. Immer den alten Bildern nach. Glatte Straßen, bunte Fassaden. Ein renoviertes Land. „Viele Orte haben sich so verändert, dass ich oft erst einmal suchen musste, um die alten Stellen wiederzufinden", sagt er. Selbst in Berlin habe er einiges nicht gleich erkannt. In Bernau suchte er den alten Hof. Gleicher Ort, neue Zeit, Kamera am Handy. Verputzte Häuser, Farbe an den Fassaden, kein Mensch zu sehen. Klick.

Wriezen, Schützenplatz im März 1990 und im Juni 2017

Quelle: F.A.Z. Woche

Veröffentlicht: 20.10.2017 17:34 Uhr