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Aussprachedatenbank : Dieser Alfred heißt Älfred, nicht Olfred

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Den Sprechern vorsprechen, wie sie’s zu sprechen haben: Eine Mitarbeiterin der Aussprachedatenbank liest neue Namen und Bezeichnungen ein. Bild: Silber, Stefanie

Roatsch oder Roasch? Donani oder doch Dochnani? Im Zweifel wendet sich der Sprecher an die Aussprachedatenbank der ARD. Die hilft seit 1997 bei schwierigen und fremden Wörtern.

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          In dem Spielfilm „Schlaflos in Seattle“ (1993) unterhalten sich zwei Paare über die amerikanische Schauspielerin Deborah Kerr. Eine Frau sagt, sie wisse nie, wie man deren Namen richtig ausspreche, und die beiden Männer antworten gleichzeitig „Körr“ und „Karr“. Den Leuten hätte geholfen werden können, hätte es damals schon die Aussprachedatenbank der ARD beim Hessischen Rundfunk gegeben. Doch die wurde erst 1997 gegründet. Heute ist die Suche für Roland Heinemann nur ein Handgriff. Der Redaktionsleiter der Aussprachedatenbank tippt in den Terminal den Namen Deborah Kerr ein, drückt einen Befehl und schon schnarrt eine Stimme: Deborah Karr. Den Vornamen hat man übrigens auf der ersten Silbe zu betonen, nicht auf der zweiten.

          Über rund 375.000 solcher Datensätze verfügt die ARD-Aussprachedatenbank (für die es auch die gut aussprechbare Abkürzung ADB gibt). Sie ist ein Kind des Computerzeitalters, denn solche „Datenbanken“ hatte es früher auch schon verstreut über die Studios gegeben. Das waren allerdings Karteikarten, auf denen dann handschriftlich „Celebidache: Tschelebidake“ notiert war, damit kein Sprecher über den Namen des rumänischen Dirigenten stolpern musste.

          Mancher Name wird eiskalt eingedeutscht

          Diese handschriftlichen Notizen wurden nun im Computer zu akustischen Visitenkarten zusammengefügt, die Datenbank ist praktisch die Fortsetzung der Karteikarte mit den Mitteln der IT. Hätte es in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren eine solche elektronische Sammlung schon gegeben, dann wäre es auch nicht zu so großer anfänglicher Verwirrung gekommen um die Namen Karel Wojtyła und Lech Wałesa, die damals in den Radio- und Fernsehnachrichten jeweils anders ausgesprochen wurden. Heute weiß jeder, dass der Buchstabe L mit dem Schrägstrich sich wie ein schwaches, gehauchtes U ausspricht.

          Bei anderen Buchstaben ist die Sache nicht so klar. Viele Menschen sprechen zum Beispiel gern von Olfred Hitchcock, statt, wie es richtig heißt, von Älfred. Oder von der Royal Olbert Hall, dabei muss es Älbert heißen. Dass die Engländer nicht den Namen des einstigen Prinzgemahls, sondern die Halle betonen, dass sie also in „Royal Albert Háll“ das dritte und nicht das zweite Wort betonen, das müssen die Nachrichtensprecher nach Ansicht von Roland Heinemann nicht berücksichtigen. Mancher Name wird auch eiskalt eingedeutscht. David Coulthard etwa spricht sich selbst in kinnverrenkender Weise aus, die hierzulande niemand mit dem in Schottland geborenen früheren Rennfahrer in Verbindung bringen würde. Deswegen hieß und heißt er im deutschen Radio Kulthart.

          Und Charlotte Roche? Die in High Wycombe geborene (was sich ungefähr wie Har Wrkom anzuhören scheint) Bestsellerautorin spricht sich nicht wie oft zu hören als „Roatsch“ aus, sondern eher als „Roasch“, so, „als würden einem mehrere Zähne fehlen“, wie sie in der Aussprachedatenbank selbst akustisch zu Protokoll gibt. Ein Fall für sich ist die Worcestershiresauce, die aus unerfindlichen Gründen „Wusterschirsoße“ genannt werden muss. Sie wurde 1837 in Worcester in der Grafschaft Worcester-shire erfunden.

          „So original wie möglich und so deutsch wie nötig“

          Neueren Datums ist die Mailbox, jedenfalls die auf dem Mobiltelefon. Aber spricht man diesen Begriff nun englisch aus, also als „Mejlbox“ oder deutsch („Mehlbox“), wie es oft zu hören ist und wie der Duden es durchgehen lässt. Geschmacksache, findet Roland Heinemann, er als Anglist empfiehlt „Mejlbox“. In diesem Fall hilft also auch die sonst so hilfreiche Maxime „So original wie möglich und so deutsch wie nötig“ nicht weiter.

          Mancher Begriff oder Name freilich richtet sich in der Aussprache nicht nach Regeln, sondern ist bloße Konvention, Festlegung. Klaus von Dohnanyi, ehedem Wissenschaftsminister und Erster Bürgermeister von Hamburg, spricht seinen Namen „Donani“ aus, Betonung auf der zweiten Silbe. Andere Mitglieder seiner Familie halten es anders, etwa der Dirigent Christoph von Dohnanyi: Dochnani, auf der ersten Silbe betont. Bei manchen Begriffen kommt es auch darauf an, wo sie ausgesprochen werden: In Österreich heißt es vor allem das E-Mail, in Deutschland meist die E-Mail. Die Stadt Brunsbüttel in Schleswig-Holstein sollte man in allen ARD-Anstalten auf der zweiten Silbe betonen, nicht aber im Norddeutschen Rundfunk. Dort heißt es Brúnsbüttel, Betonung auf der ersten Silbe.

          Um all solche Regeln, Konventionen und Usancen zu erkunden, bedarf es vieler Helfer. Die ADB kann auf einen Kreis von etwa 1400 „Informanten“ zurückgreifen. Das sind die Auslandskorrespondenten der ARD, Botschaften, Konsulate, Muttersprachler aus aller Herren Länder, Übersetzungsbüros, die Duden-Redaktion, der Deutsche Sprachatlas an der Uni Marburg, freie Mitarbeiter. Einer von ihnen ist zum Beispiel der aus Äthiopien stammende Schriftsteller Asfa-Wossen Asserate, der stets freudig und freundlich Auskunft erteilt über die Aussprache ostafrikanischer Namen und Begriffe. Besonders hilfreich sind natürlich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ARD-Anstalten, die einer Person mit schwierigem Namen ein Mikro vorhalten, damit per akustischer Selbstauskunft keine Zweifel mehr an der richtigen Aussprache aufkommen können.

          Außerdem recherchieren die qualifizierten freien 20 bis 30 Mitarbeiter (fest angestellt ist bei der ADB nur deren Leiter Heinemann) ständig neue Begriffe. Wenn etwa die Al-Nusra-Front in Syrien sich neu aufstellt, wird auch sofort von einer Mitarbeiterin in Frankfurt die Aussprache von „Dschabhat Fatah Scham“ recherchiert. Manchmal ist solche Recherche auch präventiv, etwa wenn vor der Bekanntgabe der Nobelpreise die in Frage kommenden Kandidaten gecheckt werden.

          „Zweck der Datenbank ist der redaktionelle Gebrauch“

          Nutzer der Datenbank sind vor allem Redakteure und Sprecher. Jan Hofer, Chefsprecher der Tagesschau im Ersten Deutschen Fernsehen, ist ein dankbarer und stets willkommener Dauerkunde. Seit dem 1. April des vergangenen Jahres nimmt auch das ZDF die Dienste der Datenbank in Anspruch, zunächst in einer Pilotphase und unter dem schönen Begriff „aufwandsparende Kooperation“. Auch die staatlichen Schweizer, österreichischen und italienischen Sender haben Anschluss. Die Hauptnutzer aber sind alle Landesrundfunkanstalten, Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und Deutsche Welle.

          Wer allerdings beim Bier darum wettet, ob sich der isländische Vulkan Eyjafjallajökull am Anfang mit Ai oder Ej ausspricht, hat keine Chance. „Zweck der Datenbank ist der redaktionelle Gebrauch“, sagt Eckard John, Leiter Dokumentation und Archive beim Hessischen Rundfunk, wo die Datenbank in bescheidenen Räumen residiert.

          Alle 15 Minuten spuckt der Computer in Frankfurt die am häufigsten gefragten Namen aus. Fethullah Gülen steht derzeit aus aktuellem Anlass weit oben, aber das kann sich schlagartig ändern, wenn in der Welt etwas passiert. Als in einer Kirche in Frankreich ein Priester massakriert wurde, stand die Stadt „Rouen“ ganz oben.

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