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Titanic : Räuberische Titanic-Touristen

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SAN FRANCISCO. Das grelle Licht der Scheinwerfer reicht nicht weit: In der Tiefe des Nordatlantiks herrscht ewige Finsternis. Unvermittelt taucht in den Lichtkegeln des Forschungs-U-Bootes eine dunkle Wand auf, ein Schiffswrack. Der eiserne Rumpf ist dicht mit Bakterienkolonien bewachsen. Sie hängen, ...

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          SAN FRANCISCO. Das grelle Licht der Scheinwerfer reicht nicht weit: In der Tiefe des Nordatlantiks herrscht ewige Finsternis. Unvermittelt taucht in den Lichtkegeln des Forschungs-U-Bootes eine dunkle Wand auf, ein Schiffswrack. Der eiserne Rumpf ist dicht mit Bakterienkolonien bewachsen. Sie hängen, langen Bärten gleich, von der Schiffswand, und wehen in der Strömung hin und her. Energie haben die Mikroben genug: Sie nagen am Rumpf der Titanic, die auf ihrer Jungfernfahrt am 15. April 1912 sank und 1500 Menschen in den Tod riß.

          Obwohl in den Jahrzehnten nach der Katastrophe viele Abenteurer, Forscher und Seeleute nach dem Wrack suchten, ruhte der Schiffskörper unbehelligt auf dem 4000 Meter tiefen Meeresgrund. Erst 1985 entdeckte der amerikanische Tiefseeforscher Robert Ballard das Schiff. Die Unterwasserfotos von dem Luxusliner gingen damals um die Welt. Jetzt kehrte Ballard an Bord des amerikanischen Bergungsschiffes "Ronald H. Brown" zum erstenmal an den Ort seiner spektakulären Entdeckung, 640 Kilometer vor Neufundland, zurück.

          Bei mehreren Fahrten mit einem Tauchboot inspizierte er das Wrack - und war erschüttert. "Die Titanic", so sagte er in einer über das Internet übertragenen Videokonferenz von Bord des Bergungsschiffes, "zerfällt viel schneller, als wir es je erwartet hätten." Unter anderem stellte er fest, daß viele Geländer und Masten an den Außendecks abgebrochen seien und die Holzbohlen der Decks zerfielen. Durch eines der dabei entstandenen Löcher konnte er in die Kabine des Kapitäns, Edward Smith, blicken. Im Lichtkegel der Suchscheinwerfer erschien dabei auch für kurze Zeit die Badewanne des Kapitäns.

          Zum Teil ist der Zerfall des Wracks auf natürliche Zersetzungvorgänge zurückzuführen. Nicht nur eisenfressende Bakterien, sondern auch holzzersetzende Organismen sowie chemische Reaktionen mit dem Salzwasser nagen an den Überresten der Titanic. Sorgen bereiten Ballard aber vor allem jene Abenteurer und skrupellosen Geschäftemacher, die das Wrack der Titanic allmählich plündern. Für diese - nach internationalem Seerecht - Diebstähle hat Ballard auf seinen jüngsten Tauchfahrten viele Hinweise gefunden. So fehlen mittlerweile sowohl die Schiffsglocke wie auch eine reichverzierte Lampe, die auf der Jungfernfahrt den Hauptmast des Schiffes schmückte.

          Nach der Kollision mit dem Eisberg zerbrach die Titanic in zwei Teile, die unabhängig voneinander sanken. Der Bug ging dabei etwa einen Kilometer vom Hauptteil des Schiffes entfernt auf dem Meeresboden nieder. In dem Trümmerfeld, das sich zwischen diesen beiden Wrackteilen erstreckt, sah Ballard vor 19 Jahren noch viele persönliche Gegenstände von Passagieren wie beispielsweise Schuhe und Kleidung. Er fand dort aber auch Schiffsausrüstung und Werkzeuge sowie Möbel aus den Kabinen und Geschirr aus den Speisesälen. Nach Meinung des Forscher ist der größte Teil davon inzwischen verschwunden. Einige Fundstücke sind von einem Bergungsunternehmen, das über eine entsprechende Genehmigung verfügt, aufgesammelt worden. Über diese Stücke, die in Museen ausgestellt sind, wird genau Buch geführt. Nach Meinung von Ballard und David Concannon, einem Rechtsanwalt aus New York, der lange Zeit das Bergungsunternehmen vertrat, fehlt aber inzwischen viel mehr, als in den Büchern der Bergungsreederei verzeichnet ist.

          Tatsächlich hat sich seit Bekanntwerden der geographischen Koordinaten des Unglücksorts ein regelrechter Titanic-Tourismus entwickelt. Für etwa 40 000 Dollar wird Wagemutigen in einem engen Tauchboot eine Fahrt durch das berühmte Wrack angeboten. Doch die Touristen müssen nicht nur gut bei Kasse sein, sie dürfen auch nicht unter Platzangst leiden. Vor drei Jahren ließ sich ein Paar aus New York sogar trauen, nachdem ihr Mini-U-Boot auf dem Deck der Titanic aufgesetzt hatte.

          Aber nicht alle Tauchfahrten zum Havaristen sind harmlos. Offenbar versuchten Plünderer im Jahre 2002 mit einem U-Boot ein Loch in den Bug der Titanic zu rammen. Ihr Ziel war der Frachtraum der ersten Klasse, in dem kostbare Schätze, unter anderem Gold und Diamanten, vermutet werden. Der Einbruch mißlang zwar, aber bei den Rammversuchen richteten die Plünderer erhebliche Schäden nicht nur am Bug, sondern auch an jenem Mast an, in dem das Krähennest für den Ausguck angebracht war. Von dort erspähte ein Matrose jenen Eisberg, der dem Schiff zum Verhängnis wurde. Das Krähennest gilt nach Aussagen von Ballerd inzwischen als gestohlen.

          Ballard vergleicht die Diebstähle vom Wrack der Titanic mit den Plünderungen der ägyptischen Pharaonengräber im 19. Jahrhundert. Zusammen mit der amerikanischen Regierungsbehörde für Ozeanographie und Atmosphärenforschung (Noaa) setzt sich der Tiefseeforscher für einen internationalen Vertrag zum Schutz der Titanic und anderer historisch wichtiger Schiffswracks ein. Ebenso wie die Plünderungen antiker Gräber seien die Räubereien unter Wasser ein Vergehen an der Geschichte. Nur mit einem internationalen Vertrag könne man den Geschäftemachern das Handwerk legen, meint er.

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