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Sprachkritik : „Volksverräter“ ist das Unwort des Jahres 2016

  • -Aktualisiert am

Eine Frau wartet neben einem Schild mit der Aufschrift „Volksverräterin“ im August 2015 vor einer Flüchtlingsunterkunft im sächsischen Heidenau auf die Ankunft von Bundeskanzlerin Merkel. Bild: dpa

Nach „Gutmensch“ im Jahr 2015 ist das Unwort des Jahres 2016 „Volksverräter“. Das Wort sei ein „Erbe von Diktaturen“ unter anderem der Nationalsozialisten, hieß es in der Begründung.

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          Sprachliche Entgleisungen erfüllen Pegida-Aktivisten und AfD-Mitglieder mit Genugtuung. Was treibt sie an? Nicht nur Enttäuschung und Frustration, in Teilen auch Abscheu und Hass. Das wurde deutlich, als rechte Demonstranten am 3. Oktober 2016, dem Tag der Deutschen Einheit, in Dresden Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck als „Volksverräter“ diffamierten.

          Eine sprachkritische Jury der Technischen Universität Darmstadt hat den Begriff am Dienstag nun zum „Unwort des Jahres 2016“ gewählt. Man habe sich für das Wort entschieden, weil es etwa gegenüber Politikern so diffamierend wirke, „dass ein solcher Sprachgebrauch das ernsthafte Gespräch und damit die für die Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft abwürgt“.

          Völkische Gruppierungen und Nationalsozialisten setzten den Terminus schon in der Weimarer Zeit als propagandistisches Instrument im Zusammenhang mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg ein. Reichsminister Matthias Erzberger vom katholischen Zentrum wurde in Pamphleten und Reden als „Volksverräter“ diffamiert, nachdem er die Annahme des Versailler Vertrags mangels Alternativen befürwortet hatte. Rechtsradikale erschossen ihn auf offener Straße. Im Nationalsozialismus diente das Wort unter anderem dazu, politische Gegner zu isolieren und mundtot zu machen.

          Die Vorstellung vom „Volksverräter“ durchdrang auch das Strafrechtsdenken. Andersdenkende wurden als „Volksverräter“ in Willkürprozessen zur Schau gestellt. Nach der Vorstellung des NS-Richters und Präsidenten des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, sollte die Rechtsprechung „vom festen Willen zur Ausrottung des Verrats“ getragen sein. Straftatbestände wie Hochverrat, Landesverrat, Gebietsverrat sowie Volksverrat wurden angewendet – und vermeintliche Täter zu Tausenden zum Tode verurteilt.

          Der baden-württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Stefan Räpple wurde im November 2016 wegen seines Ausrufs „Voksverräter“ von der Landtagspräsidentin gerügt.
          Der baden-württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Stefan Räpple wurde im November 2016 wegen seines Ausrufs „Voksverräter“ von der Landtagspräsidentin gerügt. : Bild: dpa

          Nun ist das Wort wieder da. So beschimpfte Stefan Räpple von der AfD-Fraktion im November im Landtag von Baden-Württemberg Mitglieder aus anderen Fraktionen als „Volksverräter“. In der Debatte über Flüchtlinge diffamiere der Begriff auch „Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischen Imperialismus“, sagte Nina Janich vom Darmstädter Institut für deutsche Sprache am Dienstag. Zum „Wort des Jahres“ hatte die Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache am 6. Dezember das Kunstwort „postfaktisch“ gekürt.

          Von „alternativlos“ bis „Gutmensch“

          2015 – Gutmensch: Der Vorwurf diffamiere Hilfsbereitschaft und Toleranz pauschal als naiv und dumm.

          2014 – Lügenpresse: Die pauschale Verurteilung verhindere fundierte Medienkritik und leiste einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit.

          2013 – Sozialtourismus: Der Ausdruck diskriminiere Menschen, „die aus purer Not in Deutschland eine bessere Zukunft suchen“ und verschleiere ihr Recht hierzu.

          2012 – Opfer-Abo: Der Begriff stelle Frauen pauschal unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und damit selbst Täterin zu sein. Jörg Kachelmann hatte die Wortschöpfung unter anderem in einem

          „Spiegel“-Interview verwendet.

          2011 – Döner-Morde: Der Begriff wurde für die Mordserie der rechtsextremistischen NSU-Terroristen verwendet. Mit der „sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung“ würden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt.

          2010 – Alternativlos: Das Wort suggeriere zu Unrecht, dass keine Diskussion mehr notwendig sei.

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