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Sinklöcher : Das Tote Meer stirbt

Es bleibt kaum noch Zeit: Am Ufer treten immer mehr Sinklöcher auf. Bild: Reuters

Seit der Pegel des Toten Meers sinkt, haben sich am Ufer Tausende Sinklöcher aufgetan. An manchen Stellen erinnert die Landschaft an ein Flächenbombardement. Verursacht ist all das von Menschenhand.

          Eli Raz achtet auf jeden seiner Schritte. Besonders wenn der ausgedörrte Boden unter seinen Wandersandalen auf einmal nachgibt. Schon einmal hat die Erde den israelischen Geologen um ein Haar verschlungen. Ein Sinkloch tat sich zu seinen Füßen auf, er stürzte in die Tiefe. Es dauerte einen halben Tag, bis seine Retter ihn fanden und unverletzt bargen. Doch der 75 Jahre alte Israeli, der in der sengenden Hitze am liebsten kurze Hosen und ein altes T-Shirt trägt, hat weniger Angst um sich selbst. „Ich mache mir seit Jahrzehnten große Sorgen um das Tote Meer“, sagt Eli Raz, und es klingt, als spreche er von einem vertrauten Menschen: Von den schattigen Gärten seines Kibbuz aus kann er beobachten, wie der Salzsee immer kleiner wird. Um mehr als 40 Meter ist das Wasser schon zurückgegangen, seit er sich mit seiner Familie im Jahr 1973 in Ein Gedi niedergelassen hat - jedes Jahr um gut einen Meter. Die Folgen sind verheerend.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Der stetig wachsende Uferstreifen gleicht streckenweise einer apokalyptischen Landschaft. „Meine Horrorvorstellung ist, dass ein Sinkloch eines Tages einen vollbesetzten Reisebus verschluckt“, sagt Eli Raz. Seit dem Anfang der neunziger Jahre brachen am israelischen Westufer des Toten Meers mehr als 4000 solcher Krater auf. Bis zu 25 Meter tief können sie sein und einen Durchmesser von 30 Metern haben. An manchen Stellen erinnert das Ufer an ein Flächenbombardement im Zweiten Weltkrieg. Ein Krater klafft neben dem anderen. Mehr als hundert Sinklöcher entdeckte Eli Raz allein in dem „Hochrisiko-Streifen“ unterhalb des Kibbuz, durch den auch ein Teil der Hauptstraße verläuft. Er und andere Fachleute alarmierten die Regierung, weil sich auf Satelliten- und Infrarotaufnahmen neue Einbrüche abzeichneten. Aber die Politiker reagierten erst, als es fast zu spät war. Am Jahresbeginn gab dann der Asphalt der Landstraße 90 tatsächlich nach: Über Nacht wurde das fast zwei Kilometer lange Teilstück der wichtigsten Verbindung von Eilat nach Jerusalem und ins Jordantal geschlossen - möglicherweise für immer. Unter der Fahrbahn entdeckten Ingenieure die Hohlräume, vor denen Eli Raz gewarnt hatte.

          In einer geschlossenen Touristenanlage versinken ganze Bauten im Erdboden. Bilderstrecke

          Bis die schmale Ausweichstrecke fertig war, staute sich monatelang der Verkehr. Früher gab es am Ufer einen Campingplatz, eine Raststätte mit einer Tankstelle und den einzigen öffentlichen Strand am ganzen Toten Meer. Heute verbieten große Warnschilder den Zugang, und die Straße ist mit Betonblöcken versperrt. Nördlich von Ein Gedi musste zwei Monate zuvor der „Mineral Beach“-Strand schließen. Ein Sinkloch hatte sich unter dem Parkplatz und der Massageabteilung des Bades am Toten Meer geöffnet, das im Jahr 250 000 Besucher hatte. Der kleine Kibbuz Mitzpe Schalem verlor eine seiner wichtigsten Einnahmequellen.

          Auch der Kibbuz Ein Gedi mit seinem Gästehaus und dem botanischen Garten lebt von seinen Besuchern. „In den vergangenen Monaten beobachteten wir einen Rückgang. Wegen der Straßensperrung und der Staus konnten einige Gäste unser Hotel nicht rechtzeitig erreichen“, sagt Immanuel Gal und blickt hinunter zur neuen Umgehungsstraße. Sie führt durch die Felder des Kibbuz und reicht bis an das Naturschutzgebiet. Er fürchtet, dass die Wanderer und Blumenfreunde Ein Gedi meiden, wenn die Umgebung immer mehr mit solchen Notmaßnahmen verschandelt wird. Früher erstreckten sich neben der Straße große Palmenhaine. Heute ragen dort Baumstümpfe in den Himmel. Schon in der Bibel war die Oase Ein Gedi für ihre üppige Vegetation bekannt. Die Datteln aus dem Kibbuz gehören zu den besten in ganz Israel. Doch der Kibbuz musste den Großteil seiner Plantagen aufgeben. Als dort die Erde nachgab, war es sogar zu gefährlich, die Bäume auszugraben und zu verpflanzen. Man hatte Angst davor, Menschen und Maschinen könnten in neuen Kratern versinken. Weiter im Süden, in Richtung der Masada-Festung, will der Kibbuz auf einem weniger gefährdeten Grundstück eine neue Plantage anlegen - mit der Entschädigung der Regierung, welche die Anlieger gerade wegen der Schäden verklagen.

          Das tote Meer verschwindet

          „Wir leiden unter einer ökologischen Katastrophe“, sagt der Vorsitzende des Regionalrats von Tamar, Dov Litvinoff, zu dem auch Ein Gedi gehört. Er und die Hoteliers haben große Pläne für die Region und können die jüngsten alarmierenden Meldungen dabei nicht brauchen: In den kommenden Jahren soll sich vor allem am südlichen Becken des Toten Meers die Zahl der Hotelbetten auf mehr als 8000 verdoppeln. Am wesentlich größeren Nordbecken können die Besucher jetzt nur noch an drei kleinen Stränden bei Qumran und im „Ein Gedi Spa“ baden. Dort müssen sie von den Umkleiden und den heißen Quellen mittlerweile einen kleinen Zug besteigen, um die 1,5 Kilometer bis zu der Salzlauge zurückzulegen. Die Bademeister müssen alle paar Monate ihren Hochsitz verschieben, so schnell zieht sich das Wasser zurück. Diesen Rückgang müsste man schleunigst stoppen, um zu verhindern, dass die Erde an noch mehr Orten aufbricht. „Wenn der Wasserpegel des Toten Meers nicht mehr weiter sinkt, könnte sich auch die Bildung von Sinklöchern verlangsamen“, erwartet Eli Raz. Denn durch das Sinken des Wasserspiegels geriet der Grundwasserhaushalt durcheinander. Unter dem See befinden sich große unterirdische Salzablagerungen. Das Salzwasser darüber konnte ihnen nichts anhaben. Seit das Tote Meer jedoch immer weiter schrumpft, dringt aus den Bergen Süßwasser bis zu diesen Salzschichten vor und wäscht sie aus. So entstehen die Hohlräume, die dann plötzlich einbrechen.

          Das hat nichts mit dem Klimawandel zu tun, es ist von Menschen verursacht“, sagt Eli Raz. Das Tote Meer verschwindet, und die Löcher öffnen sich, weil man dem Salzsee das Wasser abgegraben hat. Früher glich der Jordan aus, was die Sonne verdampfte. Seit den fünfziger Jahren blockiert aber unterhalb des Sees Genezareth ein Damm den Fluss, an dem einst Johannes Jesus getauft haben soll. Der See wurde zum wichtigsten Trinkwasserspeicher. Das restliche Wasser nutzen die Bauern im Jordantal für ihre Felder, die in Israel und Jordanien immer größer wurden. Das Tote Meer erreicht nur noch ein dreckiges Rinnsal. Gleichzeitig setzt die Industrie dem Toten Meer heftig zu. Südlich des Hauptbeckens lassen die israelischen „Dead Sea Works“ und die jordanische „Arab Potash Company“ bis zu 40 Prozent des Wassers des Toten Meers einfach verdampfen, um ziemlich bequem an kostbare Mineralstoffe wie Pottasche, Magnesium und Brom zu kommen. „Vierzig Prozent bedeuten jedes Jahr vierzig Zentimeter, die der Pegel fällt“, rechnet Eli Raz vor.

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          Es fehlt nicht an Vorschlägen, wie der endgültige Tod des Toten Meers zu verhindern ist. Politiker favorisierten mehr als ein Jahrzehnt lang ein gewaltiges Projekt, das wohl nie zustande kommen wird. Die ursprüngliche Idee klang bestechend einfach: Salzhaltiges Wasser aus dem Roten Meer soll dabei helfen, das Tote Meer wieder aufzufüllen. Wegen des Höhenunterschieds von mehr 400 Metern treibt es auf seinem Weg in Richtung Norden mehrere Wasserkraftwerke an. Der dort hergestellte Strom trägt dann dazu bei, das Meerwasser zu entsalzen und in die jordanischen Großstädte und die Palästinensergebiete hinaufzupumpen. Die entstehenden 400 Millionen Kubikmeter Salzlauge sollten dann den Pegel des Toten Meers wieder steigen lassen. Jahrelang wurde über das mehr als zehn Milliarden Dollar teure grenzüberschreitende Friedensprojekt gestritten. Die Weltbank, welche die Federführung hatte, hält den Plan für machbar. Umweltschützer warnen aber davor, am biblischen Ort „Gott zu spielen“. Der Ausgang sei ungewiss, wenn Menschen in das empfindliche ökologische Gleichgewicht eingreifen und das Wasser des Roten und des Toten Meeres miteinander vermischen. Dadurch könnten milchig-weißer Gips und rote Algen im Toten Meer entstehen und es umkippen lassen.

          Umweltschützer wollen den Jordan wiederbeleben

          Israel, Jordanien und die Palästinenser wollen vorerst nur eine Entsalzungsanlage am Roten Meer und von dort eine Leitung bis ans Tote Meer bauen. Meerwasser und Salzlauge werden aber nicht ausreichen, um den sinkenden Pegel aufzuhalten. „Das ist typisch für Politiker. Sie waren regelrecht verknallt in ihr Großprojekt und haben wertvolle Zeit verloren“, kritisiert Eli Raz. Er und Umweltschützer wie die Gruppe „Eco Peace Middle East“, der Israelis, Palästinenser und Jordanier angehören, empfehlen stattdessen, den Jordan wiederzubeleben. Seit Israel rund ein halbes Dutzend Meerwasserentsalzungsanlagen gebaut hat, hat der See Genezareth am Oberlauf des Jordans seine Bedeutung als Trinkwasserreservoir verloren. Deshalb könnte der Damm wieder geöffnet werden, um den Jordan wieder in den sprudelnden Fluss zu verwandeln, der er vor einem Jahrhundert war. Dazu müssten auch alle Jordan-Anlieger ihren Beitrag leisten, Trinkwasser sparen und so viel Abwasser wie möglich für die Landwirtschaft wiederverwenden. Auch für die industrielle Nutzung gäbe es mit der Membran-Technologie eine Ausweichmöglichkeit. Sie ist teurer, würde aber die Verdunstung merklich verringern.

          Wie akut die Lage ist, bekamen auch die Jordanier zu spüren. Am östlichen Ufer haben Sinklöcher schon die Strandanlage eines großen Hotels zerstört. Tiere und Pflanzen sind gefährdet, wenn sich das Tote Meer weiter zurückzieht und in den Naturschutzgebieten am Ufer die Süßwasserquellen versiegen. Abends kreist ein Storchenpaar über dem Kibbuz Ein Gedi. Zugvögel legen in diesen Tagen am tiefsten Punkt der Erde gern einen Zwischenstopp auf ihrem Weg nach Afrika ein. Durch die Gärten der üppig blühenden Oase streifen Steinböcke. Vor wenigen Jahren wurde in der Nähe noch ein Leopard gesichtet.

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