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Das „Phoenix“-Stahlwerk in Hörde : Aufbruch zu neuen Ufern

Das Gelände des zukünftigen Phoenix-Sees Bild:

Wo bis vor kurzem mitten in Dortmund das „Phoenix“-Stahlwerk stand, wird nun ein See geflutet. Der See im Osten, den manche mit der Hamburger Binnenalster vergleichen, soll Investoren und Häuselbauer anlocken.

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          Wie sehr die allermeisten Leute in Dortmund-Hörde das große Wasser herbeisehnen, verraten nicht nur Lokale mit Namen wie „Pizza am See“, „Döner am See“ oder „Al Lago“. Selbst die Grundschule, die schon Weingartenschule heißt, weil die Leute im Mittelalter an den Hörder Hängen Wein anbauten, ist längst zu neuen Ufern aufgebrochen und führt als Beinamen „am See“. Immerhin ein bisschen See gibt es ja seit einigen Wochen tatsächlich in Hörde. Nach dem offiziellen Beginn der Flutung an diesem Freitag wird es nur noch gut ein Jahr dauern, bis der See seine Uferlinie erreicht hat und eine Fläche ausfüllen wird, die zweimal so groß ist wie die Dortmunder Innenstadt. Dann wird der Name „Phoenix“ endgültig nicht mehr für das traditionsreiche Stahlwerk stehen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Der Direktor des Westfälischen Wirtschaftsarchivs, Karl-Peter Ellerbrock, spricht von „Strukturbruch“, weil das sonst so oft verwendete Wort „Strukturwandel“ viel zu harmlos klingt für das, was in Hörde passiert ist. Die 1928 von Dortmund eingemeindete Kommune Hörde ist für Historiker Ellerbrock das Paradebeispiel des Strukturbruchs im Ruhrgebiet. Es geht um den großen industriellen Zeitensturm: einmal Industrialisierung und zurück.

          In Hörde begann Dortmunds stählernes Zeitalter

          Lange war Hörde ein verschlafenes Nest. Im Tal mäanderte die Emscher durch sumpfiges Gebiet. An den Hängen lebten die meisten Leute von der Landwirtschaft. Nach 1766 aber entwickelte sich der Ort mit seinen Steinkohlevorkommen zu einem wichtigen Zentrum der Vor-Industrialisierung. Mit einem Schlag im Zentrum der Industriellen Revolution befand sich Hörde, als der Unternehmer Hermann Diedrich Piepenstock aus Iserlohn auf einer Wiese neben der alten Hörder Burg seine Hermannshütte gründete, weil er ganz nah bei der Kohle produzieren wollte. In Hörde begann Dortmunds stählernes Zeitalter. „Piepenstock küsste die alte Hansestadt Dortmund wach, die einen langen Abstieg hinter sich hatte“, sagt Ellerbrock.

          So rasant entwickelte sich die dann 1906 mit der „Phoenix“ AG fusionierte Hörder Hütte, dass sie kurz vor dem Ersten Weltkrieg Rang vier der größten deutschen Unternehmen belegte. Im Rahmen der Rüstungsproduktion im „Dritten Reich“ stieg der Rohstahlausstoß erstmals auf mehr als eine Million Tonnen im Jahr. Zwar wurde das Werk im Bombenkrieg stark zerstört. Doch schon im September 1945 kochten die Arbeiter in Hörde wieder Stahl. „Phoenix“ — zwischenzeitlich mit der Hoesch AG verschmolzen — überstand in den folgenden Jahrzehnten Stahlkrise auf Stahlkrise und behielt Hörde auch topographisch fest im Griff: Weil das Roheisen am anderen Ende Hördes in den Hochöfen des Stahlwerks „Phoenix“-West erzeugt wurde, musste es per Werksbahn mitten durch die Stadt zur Weiterverarbeitung nach „Phoenix“-Ost transportiert werden. Vor allem in den Wintermonaten verlieh das glühende Eisen dem Himmel über Hörde einen rötlichen Schimmer. „Das Christkind backt Plätzchen“, sagten die Leute dann.

          „Bitterfeld des Westens“

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