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Das Kobe-Rind : Zu Besuch bei einem sagenhaften Tier

Nur ausgewähltes Heu für die Jungtiere

Bis zum Alter von fünfzehn Monaten bekommen die speziellen Zuchtbetrieben abgekauften Jungtiere Vitamin-A-reiches Heu aus Oregon und Kanada zu fressen, das in Containern über den Pazifik gelangt. Dann wird auf Heu und Weizenstroh aus der Nachbarschaft (Australien) umgestellt, ergänzt durch geschroteten Mais und Weizenkleie. Immerhin diese Zutaten stammen aus Japan. Keinen Scheffel davon baut diese Farm, die einer Aktiengesellschaft gehört, selbst an. Der Betrieb hat keine Felder, daher geht auch der Dung der Tiere wieder vom Hof - nach sieben Wochen Lufttrocknung und Kompostierung, als Dünger an Gemüsebauern. Zweimal wird den Tieren Blut abgenommen und untersucht. Doch eigentlich wissen erfahrene Mäster wie Ishida schon nach einem tiefen Blick ins Auge ihrer Rinder, ob ihnen etwas fehlt. Kreidemarkierungen an den Boxen der nach allen Seiten offenen Ställe dokumentieren, wann Vitamine dem Wasser für die Tiere zugesetzt worden sind. Sake, so sagt Herr Ishida, käme ohnehin nicht über den ersten Magen des Rinds hinaus. Man müsse es nur in Ruhe fressen und schlafen lassen, dann werde schon alles gut.

Etwa zweieinhalb Jahre dauert dieses alkohol-, aber auch weitgehend stressfreie Leben. Dann sind die Färsen 600 bis 650, die Ochsen 700 Kilogramm schwer und somit schlachtreif. Gut 300 Stück wirft Ishidas Betrieb im Jahr auf den Markt. Eine gute Million Yen (rund 8000 Euro) bringt ein schönes Tier ein. Im Großhandel steigt der Preis für das geschlachtete Kilo auf derzeit gut 2300 Yen (etwa 17 Euro). Das ist jedoch noch lange nicht das Ende der Nahrungs- und schon gar nicht der Wertschöpfungskette.

5000 Yen für ein Filet

Der japanische Gourmet muss beim Metzger bis zu 5000 Yen auf den Tresen legen, wenn er das schönste Stück Filet erwerben will - je hundert Gramm, versteht sich. Auf der nach oben offenen Restaurantskala sind natürlich noch andere Preise möglich. Doch selbst sehr Betuchte müssen erst schauen, wie und wo sie an das Marmorfleisch kommen. Kobe-Beef wird in einer Art geschlossener Gesellschaft aus Züchtern, Händlern, Metzgern und Restaurants vertrieben. Wer Zugang zu diesem exklusiven Kreis erhält, kann aber auch sicher sein, das Original auf dem Teller zu haben.

An dieser Gewissheit ist auch in Zeiten der Krise noch so vielen Japanern gelegen, dass der Kobe-Beef-Kurs nicht so in die Tiefe rauschte wie der Nikkei. Den Zeitpunkt der Lehman-Pleite kann aber auch der stellvertretende Abteilungsleiter für Rindfleisch aus der Präfektur Hyogo mühelos auf seiner Preiskurve identifizieren. Die wachsende Arbeitslosigkeit habe allerdings das Interesse an der Zucht der teuren Tiere neu belebt, das in den vergangenen Jahren nachgelassen hatte. Hatten vielleicht auch die Japaner geglaubt, Kobe-Rinder müssten täglich zwei Stunden lang massiert werden?

Gestohlen worden ist übrigens noch keines der Rinder des Herrn Ishida - in Japan neige man nicht zur Hausschlachtung, sagt er. Nicht einmal auf der Farm selbst gibt es ein Schlachtfest. Immerhin bekommt der Betriebsleiter sehr gelegentlich "zu Testzwecken" ein Stück des erzeugten Fleisches vorgesetzt. Der zuständige Beamte dagegen hatte nach eigener Auskunft noch nie das Vergnügen. Legenden sind schließlich und eigentlich nicht zum Verspeisen da. Auch an diesem Tag verlassen die Besucher hungrig die Stätte der Ställe. Einer schielt auf dem Rückweg nach dem nächsten McDonald's-Schild. Irgendwie lässt der Mythos des Kobe-Rindes sogar noch einen einfachen Hamburger zur Verheißung werden.

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