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Humboldt-Forum : Mit Geduld und dem Wissen der Schamanen

So weit, so gut: Ganz fertig ist das Humboldt-Forum noch nicht. Bild: EPA

Am Wochenende wurde der 250. Geburtstag Alexander von Humboldts gefeiert. Eigentlich sollte damit ein Reigen von Teileröffnungen des Humboldt-Forums beginnen. Aber so stand die Feier eben allein da.

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          Von den gewaltigen, geschichtsmächtigen Dimensionen, die das neue Berliner Schloss angeblich haben soll, ist an diesem Septembermorgen nichts zu sehen. Von Westen her, wo der Haupteingang liegt, wirkt es wie ein Kreuzfahrtschiff im Retro-Look, das sich festgefahren und aus Verlegenheit einen Kuppelhelm aufgesetzt hat. Im Erdgeschoss tritt unter dem cremefarbenen Putz stellenweise noch das Skelett aus Ziegelsteinen hervor. Es wirkt wie eine Wunde, von der man das Heftpflaster abgerissen hat. Aber das Schloss blutet nicht, es strahlt nur frischgebackene Gediegenheit aus.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          An diesem Wochenende wurde hinter den Barockfenstern der zweihundertfünfzigste Geburtstag Alexander von Humboldts gefeiert. Eigentlich sollte die Feier der Beginn eines Reigens von Teileröffnungen des Humboldt-Forums sein, das in die Schlosshülle einziehen wird; aber nachdem der Bau, wie es die Art von staatlichen Bauprojekten in Deutschland ist, nicht rechtzeitig fertig wurde, stand der Geburtstag plötzlich allein da. Es gab einen Festakt, Vorträge, Installationen, Mitmach-Stationen, Virtual-Reality-Boxen und nächtliche Tanzparties, dazu eine Videoprojektion an der Ostfassade aus grauem Beton, die so zu kurzem, geisterhaftem Leben erwachte. Aber das wichtigste Ereignis dieser Geburtstagsfeier war etwas anderes. Etwas, das fehlte.

          Die Baustelle war auch bei den Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt nicht zu übersehen.

          Vor vier Jahren wurde im Rohbau des Schlosses das Richtfest für das Humboldt-Forum gefeiert. Damals standen die Aktivisten der Initiative „NoHumboldt21“ vor dem Bauzaun und protestierten. Diesmal waren sie nicht zu sehen. Oder besser: Sie waren überall zu sehen. Das postkoloniale Denken ist ins Humboldt-Forum eingedrungen, es steht nicht mehr vor der Tür, sondern sitzt an den Schlüsselstellen der Macht, dort, wo über die Blickrichtung des Projekts entschieden wird.

          Zum Beispiel in der Ausstellung „Die Natur der Dinge: Humboldt, Kommen und Gehen“, die von einem Künstlerkollektiv im Auftrag des Goethe-Instituts und der kolumbianischen Nationaluniversität gestaltet und in zwei schmucklosen Multifunktionssälen im Erdgeschoss gezeigt wurde. Ihre erste Abteilung handelt von der „Romantisierung“ und der Zerstörung Südamerikas, obwohl Humboldt beides, die Verklärung der Natur wie den Raubbau an ihr, bekämpft hat. Eine weitere Sektion widmet sich dem Zusammenhang von Wissenschaft und ökonomischer Ausbeutung, ihr Beispiel ist der Sklavenhandel. Humboldt aber hat die Sklaverei gehasst. Nun könnte man einwenden, in der Ausstellung werde sein Tun eben „kontextualisiert“. Aber der Kontext besteht gerade darin, dass es die Sklaverei seit Jahrhunderten gab und Humboldt sie verurteilte.

          „Europäischer Blick“ auf die Welt

          Der „Spiegel“ hat vergangene Woche noch einmal die Liste von Humboldts kolonialen Verfehlungen aufgemacht. Er besorgte sich für seine Expeditionen die Genehmigung der Landesherrscher; er ließ sich von seinem Monarchen bezahlen; er äußerte sich abfällig über andere Menschen (was dem „Spiegel“ natürlich völlig fremd ist). Außerdem schaute er mit „europäischem Blick“ auf die Welt. Nun ja, Humboldt wurde in Berlin geboren, zu einer Zeit, als preußische Junker ihre Bauern noch mit Stöcken prügelten. Ein echter Europäer zu sein, das war damals schon etwas und ist es immer noch.

          Versuch eines nicht-europäischen Blicks: Ausstellung zu Humboldts 250. Geburtstag im Humboldt-Forum

          Wie es aussieht, wenn ein außereuropäischer Standpunkt ins Bild kommt, zeigte eine ebenfalls vom Goethe-Institut veranstaltete Diskussion mit Live-Schaltung nach Bogotá und Nowosibirsk am Samstagabend. Auf dem Berliner Podium saßen die Wissenschaftshistorikerin Sandra Rebok und der Humboldt-Biograph Ottmar Ette, aus Russland waren eine Historikerin und eine Journalistin, aus Kolumbien ein indigener Schamanismus-Experte und eine transsexuelle Biologin zugeschaltet. Es dauerte nicht lange, bis die Moderatorin die Runde aufforderte, des Namensgeber des Humboldt-Forums „auch etwas kritisch“ zu betrachten. Das wollten die Gäste aus Bogotá und Nowosibirsk aber partout nicht tun. So folgten Filmclips über die Klimakatastrophe in Sibirien und am Amazonas.

          Jetzt kam der indigene Experte in Fahrt. Um zu begreifen, was da passiere, brauche man Geduld und das Wissen der Schamanen, denn Gott habe zuerst die Luft und dann den Tabak erschaffen, und wer Tabak haben wolle, dürfe nicht dessen Wurzeln ausreißen. Der „westliche Mensch“ müsse mit der Natur in Kontakt treten, sagte er vor der Kamera, während die Moderatorin im Humboldt-Forum in ihr Mikrofon grinste, die Russinnen mit steinerner Miene dasaßen und die transsexuelle Biologin die bestrumpften Beine kreuzte, die in orangefarbenen Riemenpantoffeln steckten. „Wir geben zurück nach Berlin.“

          Ebendort wurde an diesem Wochenende die 20-Euro-Silbermünze enthüllt, die die Bundesregierung zum Gedenken an Alexander von Humboldt in Auftrag gegeben hat. Sie zeigt das Konterfei des Jubilars vor der Skyline des Chimborazo. Der Bundesadler auf der Rückseite sieht ziemlich übellaunig aus. Er krümmt die Krallen, als hätte er gerade etwas zu viel geraucht.

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